Neustadt
Gabriele Weingartner kommt mit neuem Roman nach Neustadt
Seit September ist Gabriele Weingartner neuester Roman „Leon Saint Clairs zeitlose Unruhe“ auf dem Markt, „eine epische Reise durch die Geistesgeschichte“, wie die RHEINPFALZ schrieb. Die Premieren-Lesung in der Pfalz findet am 15. November in der Neustadter Stadtbücherei statt, wo die lange in St. Martin beheimatete Schriftstellerin auch schon alle ihre sieben zuvor erschienenen Romane vorstellte. Holger Pöschl hat sich vorab mit der seit 2008 wieder in Berlin lebenden 70-Jährigen unterhalten.
Frau Weingartner, der Protagonist Ihres neuen Romans ist ein Unsterblicher, der die Erinnerungen an 250 Jahre Welt- und Kulturgeschichte mit sich herumträgt. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?
Das hat ein bisschen mit dem Überdruss zu tun, der sich bei mir mit der Zeit entwickelt hat gegen die Aufladung mit autobiografischen Elementen. Die gab es ja in allen meinen bisherigen Romanen, auch wenn ich das nie offen zugegeben hätte. Ich wollte auch nicht schon wieder eine Familiengeschichte machen. Und dann fand ich es eben sehr reizvoll, einen Ich-Erzähler mit historischen Erkenntnissen vom 18. Jahrhundert bis heute auszustatten, Erinnerung ohne Grenzen gewissermaßen. Es ist einfach spannend, wenn jemand so viele Zeitalter zur Verfügung hat, nicht auf eine Lebensspanne begrenzt ist.
Allerdings hat sich bei diesem Leon Saint Clair in der erzählten Gegenwart des Jahres 2015 schon eine gewisse Todessehnsucht eingestellt. Er nimmt Kontakt mit einer Sterbehilfeorganisation auf. Ist ewiges Leben am Ende vielleicht gar nicht so schön?
Ja, vielleicht ist das so. Das hat aber auch mit der berühmten Eigendynamik des Schreibens zu tun. Letztlich gibt die Handlung diese Entwicklung vor. Wie ist es denn, wenn man nie eine dauerhafte Beziehung eingehen kann, weil man sich ständig von den Menschen verabschieden muss, die man liebt? Leon, der ja ein eher einfaches Gemüt ist, nimmt das anfangs nicht groß wahr, aber irgendwann belastet es ihn.
Sie haben es schon angesprochen: Dieser Roman ist etwas ganz anderes als Ihre bisherigen, zumeist zeitgeschichtlichen Werke. Allerdings gab es in Ihrem letzten, dem „Geisterroman“, ja auch schon phantastische Elemente. Ist das ein allgemeiner Trend?
Das weiß ich gar nicht. Ich richte mich nicht nach Trends. Ich hatte einfach das Bedürfnis, Grenzen zu überschreiten. Science-Fiction sollte dabei nicht rauskommen, und das ist auch nicht geschehen. Dieses „Leon-Narrativ“ ist letztlich total realistisch. Er trinkt keinen Zaubertrank. Er stirbt einfach nur nicht.
Leon Saint Clair reist ja munter durch die Weltgeschichte und die Weltgegenden, ist mal in Wien, dann in Bangkok, Moskau, New York. Die wichtigsten Eindrücke verbindet er aber offensichtlich mit Berlin. Zufall?
Nein, es ist die Stadt, in der ich lebe. Ich liebe diese Stadt, ich liebe ihre Museen, ihre Geschichte, die jüngere und die ältere. Deshalb sprangen mir die Berliner Szenen einfach so in den Computer. Obwohl es hier schon vieles gibt, worüber man meckern kann. Aber auch das habe ich ja anklingen lassen.
Eine der Berliner Persönlichkeiten, mit denen es Leon in seinem langen Leben zu tun bekommt, ist der romantische Dichter Adalbert von Chamisso, der „wilde Europäer“ und Autor des „Schlemihl“. Hat der „Mann ohne Schatten“ vielleicht auch zu Leons „zeitloser Unruhe“ inspiriert?
Nein, Chamisso wurde mir erst während des Schreibens immer vertrauter. Gar nicht mal so sehr als Poet, sondern eher durch sein wildbewegtes Leben, auf das ich ja im Anhang des Romans auch noch einmal besonders eingehe, es quasi weiterverfolge von dem Punkt an, an dem er aus der Romanhandlung ausscheidet. Aber er ist eine spannende Persönlichkeit, auch als Naturforscher und Mitbegründer des Botanischen Gartens in Berlin.
Letztlich gibt es aber doch Gemeinsamkeiten zwischen Schlemihl und Leon. Der eine hat keinen Schatten, der andere ist unsterblich, und beide verlieren durch ihre Absonderlichkeit letztlich den Anschluss an die menschliche Gesellschaft.
Ja, das kann man tatsächlich so sehen. Es ist die Einsamkeit, die beide verbindet.
Es gibt im Buch ja noch einige weitere Epochen und historische Gestalten, die Leon besonders geprägt haben – die Sowjetunion der Stalin-Zeit zum Beispiel oder die Werke des unkonventionellen Barockbildhauers Franz Xaver Messerschmidt. Nach welchen Kriterien haben Sie die ausgewählt?
Vieles passierte da über die persönliche Berührtheit. Die „Charakterköpfe“ von Messerschmidt zum Beispiel habe ich im Belvedere in Wien gesehen, und sie haben mich sofort fasziniert. Sie passen für mich aber auch perfekt zu den Katastrophen des 20. Jahrhunderts wie dem Terror der Stalin-Zeit. So kam das eine zum anderen.
Sie haben Ihren Helden vorhin selbst einmal als „einfaches Gemüt“ bezeichnet. Manche Literaturkritiker sehen in Ihrem Buch auch Elemente eines Schelmenromans. Wie stehen Sie zu dieser Einschätzung?
Ja, im Grunde ist das so. Ich bin selber nicht auf die Idee gekommen, aber tatsächlich entwickelt Leon erst sehr spät Schuldbewusstsein. Lange wandert er einfach völlig unbekümmert durch die Zeiten ...
... aber dann muss er plötzlich sogar zum Psychoanalytiker. Das ist ja ein wichtiges Element der Rahmenhandlung. Es scheint aber nicht viel zu bringen ...
Plötzlich stimmt nicht! Seine Freundin stellt fest, dass er im Schlaf spricht und schlecht träumt. Sie schickt ihn in die Analyse, nicht ich. Für mich als Autorin ist es freilich auch die einzige Handlungsoption, um diesen im Grunde recht unreflektierten Charakter zum Nachdenken zu bringen. Schließlich recherchiert er sogar im Internet und entdeckt so sein eigenes Leben. Außerdem kommen ja in allen meinen Romanen Psychoanalytiker vor. Ich bin halt nach wie vor total fasziniert von Sigmund Freud und überzeugt, dass es ohne ihn die moderne Literatur, so wie wir sie kennen, gar nicht gäbe.
Trotzdem fährt Leon am Ende in die Schweiz, um zu sterben. Aber dazu kommt es nicht ...
Nein! Ich kann an dieser Stelle allerdings schon verraten, dass es eine Fortsetzung geben wird, die genau da beginnt, wo das erste Buch endet. Mehr will ich aber wirklich nicht verraten. Er bekommt also noch eine Chance …
Termin
Gabriele Weingartner stellt ihren Roman „Leon Saint Clairs zeitlose Unruhe“ am Freitag, 15. November, um 19 Uhr auf Einladung des „Literarischen Forums“ in der Neustadter Stadtbücherei vor. Karten (8 Euro) in der Buchhandlung Quodlibet (06321/88930). Das Buch ist im Limbus-Verlag erschienen, gebunden, hat 362 Seiten und kostet 24 Euro.
Zur Sache: „Leon Saint Clairs zeitlose Unruhe“
Leon Saint Clair lebt im Berlin des Jahres 2015 bei seiner Freundin Konstanze, die völlig ahnungslos ist, mit was für einem „alten Knaben“ sie es hier zu tun hat: Denn Leon kam 1780 oder 1782 – so genau weiß er das selber nicht – als Produkt einer sehr spontanen Liaison zwischen einem adligen Schlossherrn und einer Dienstmagd zur Welt. Seitdem reist er durch die Epochen, lernt in Wien noch den wunderlichen Herrn Mozart kennen, im Berlin der napoleonischen Kriege den alten Dichter Nicolai und dessen jungen Kollegen Chamisso, und vollzieht noch viele weitere abenteuerliche Volten quer durch die Geschichte und Geografie. Zu schaffen macht ihm dabei aber vor allem die Erinnerung an seine großen Lieben, die er alle demografisch hinter sich gelassen hat – die Engländerin Gertie im Bangkok des Jahres 1923 etwa oder Elsbeth, die 1937 dem stalinistischen Terror in Moskau zum Opfer fällt. Beim Psychoanalytiker Doktor Zucker auf der Couch hat er viel Zeit, sich das Vergangene zu vergegenwärtigen, und steht letztlich vor der großen Frage: Was soll man anfangen mit einem Leben, das niemals endet?