Neustadt / Kreis Düw
Fußballer, die mit Klopapierrollen kicken
Das Präsidium des Südwestdeutschen Fußballverbandes hatte am Freitag beschlossen, dass der Spielbetrieb weiterhin ausgesetzt wird. Ein Ende der Spiel- und Trainingspause ist nicht in Sicht. Während die Vereinsvorstände den Spagat schaffen müssen, die Fußballclubs mit geringeren Einnahmen vor der Insolvenz zu bewahren, müssen die Trainer dafür sorgen, dass die Spieler fit bleiben.
Aus sportlicher Sicht kann es den Haßlocher Bezirksligisten egal sein, ob diese Saison vorzeitig abgebrochen oder noch beendet wird. Punktgleich mit je 26 Zählern belegen der VfB und der 1. FC 08 Haßloch die Tabellenplätze sieben und acht der Bezirksliga Vorderpfalz und können schon länger davon ausgehen, in der kommenden Spielzeit dieser Klasse anzugehören. Am Eichelgarten und an der Adam-Stegerwald-Straße sind jedoch die Gaststätten geschlossen.
Null Einnahmen
„Unsere selbst erwirtschafteten Einnahmen betragen null Euro“, verrät Jürgen Hurrle, Vorsitzender des 1. FC 08 Haßloch, zur aktuellen Finanzsituation. „Es fehlen die Eintrittsgelder und Einnahmen aus der Gastronomie, da wir diese in Eigenregie betreiben und auch der Seniorentanz dienstags sowie die Veranstaltungen des Skatclubs abgesagt werden mussten“, sagt er. „Die Spieler erhalten zurzeit keine Aufwandsentschädigungen, aber Ausgaben haben wir trotzdem, da wir unsere Darlehen für den Neubau und den Rasentraktor zurückzahlen müssen und einige Personalausgaben wie für den Platzwart haben.“
Größere Rücklagen, auf die man in schweren Zeiten zurückgreifen könne, dürfe man als gemeinnütziger Verein nicht bilden, so Hurrle. Um die Liquidität zu sichern, habe man von der Gemeinde Haßloch die Vereinsförderzuschüsse, deren Auszahlung erst später fällig gewesen wäre, vorzeitig erhalten. „Geld hin, Geld her, die Gesundheit geht vor“, betont aber der 08-Vorsitzende. Gut sei die Unterstützung von Sportbund Pfalz und den drei Fachverbänden, denen die 08er angehörten. „Was die Entwicklung im Fußball, American Football und Cheerleading betrifft, werden wir gut informiert.“ Er habe einen Antrag auf Gewährung eines Bundeszuschusses aus der Corona-Sofort-Hilfe, wie dies auch für Unternehmen beschlossen worden sei, gestellt.
Im Gegensatz zum 1. FC 08 Haßloch ist die Gaststätte des VfB Haßloch verpachtet. „Wir haben unserem Pächter allerdings die Pacht für die Zeit, in der geschlossen ist, erlassen. Geteiltes Leid ist halbes Leid“, teilt VfB-Vorsitzender Matthias Gillich mit. Eine weitere Einnahmequelle des Vereins, die inzwischen versiegt sei, seien die aus der Verpachtung der eigenen Halle erzielten Beträge. „Ich musste mehreren Veranstaltern absagen. Außerdem fehlen uns die Eintrittsgelder“, ergänzt er. Die Liquidität des VfB sei jedoch gewährleistet.
Saison zu einem späteren Zeitpunkt beenden
„Ein Abbruch und eine Annullierung der Saison wären für uns fatal“, meint Lukas Neu, Spielertrainer der SG Mußbach, die die Tabelle der B-Klasse Rhein-Mittelhaardt West mit zehn Punkten Vorsprung auf die drei schärfsten Verfolger anführt. Akzeptieren würde er eine solche Entscheidung aber auf jeden Fall. „Man muss an die Vernunft appellieren. Es gibt Wichtigeres als Fußball. Die Gesundheit und das Wohl unserer Mitmenschen sind die höchsten Güter“, betont er. Vorstellen könne er sich, dass diese Saison zu einem späteren Zeitpunkt beendet werde oder zu einem späteren Zeitpunkt ein paar Entscheidungsspiele ausgetragen würden.
Bei den drei Mußbacher Verfolgern VfL Neustadt, TuS Niederkirchen und TuS Maikammer, die punktgleich die Tabellenplätze zwei bis vier belegen, sähen es die Trainer nicht als Tragödie an, wenn es zu einem Saisonabbruch käme. „Ich vertraue darauf, dass der Verband die richtige Entscheidung treffen wird“, sagt VfL-Coach Hasan Sahin. Denn der Südwestdeutsche Fußball-Verband (SWFV) arbeite mit den Gesundheitsbehörden zusammen. Er könne sich vorstellen, die restlichen Partien ohne Publikum zu absolvieren. „Da zu uns sowieso kaum Zuschauer kommen, wäre das finanziell kein großer Verlust.“
Sahin: Relegationsspiele sollte es geben
Seinen Spielern hat Sahin die Aufgabe gegeben, mindestens zweimal pro Woche zu joggen, natürlich nicht in Gruppen. Da es jederzeit mit dem nächsten Spiel weitergehen könne, müsse bei jedem eine gewisse Grundfitness vorhanden sein. Gespräche mit potenziellen Neuzugängen seien schwierig. „Wir müssen zweigleisig für die A- und B-Klasse planen. Relegationsspiele der Tabellenzweiten der beiden Staffeln der B-Klasse sollte es definitiv noch geben.“
Rudi Brendel, Trainer des Landesligisten SV Geinsheim, Igor Keller (TuS Maikammer) und Ernst Hartmann, der Oliver Müller, den Coach des TuS Niederkirchen, unterstützt, bedienen sich vor allem der Runtastic-App, um ihr Team auf einem guten Niveau zu halten. Ein Sportartikelhersteller bietet in dieser App Trainingspläne an. Keller: „Vorgaben gibt es von mir nicht. Für mich als Coach ist es interessant zu beobachten, wie sich jeder selbst motivieren kann.“ Der Maikammerer Übungsleiter favorisiert die Lösung, diese Saison komplett nicht zu werten. „Natürlich würde es hinsichtlich Auf- und Abstieg Härtefälle geben. Im Sommer alle Spiele nachzuholen, würde aufgrund der dann vielen Urlauber und englischen Wochen problematisch werden.“
Sowohl Igor Keller als auch Ernst Hartmann sind sich sicher, dass die derzeitige Situation die Planung für die kommende Saison nicht stark beeinflusse. „Bei uns bekommt kein Spieler Geld. Deshalb muss ich mich mit den Jungs auch nicht noch einmal zusammensetzen“, informiert Keller. Auch Ernst Hartmann hat zurzeit keine Probleme, neue Spieler zu verpflichten. Rudi Brendel sieht dagegen schon Schwierigkeiten, Gespräche mit neuen Spielern zu führen, wenn nicht klar sei, in welcher Klasse seine abstiegsbedrohte Mannschaft spiele.
Echtes Bier beim virtuellen Mannschaftsabend
Über einen durch Saisonabbruch verpassten Aufstieg werden sich Marc Hauck, der Spielertrainer der SG Forst/Ruppertsberg, und sein gleichberechtigter Trainerkollege Johannes Groß im Sommer definitiv nicht ärgern müssen: Die SG ist Schlusslicht der B-Klasse Rhein-Mittelhaardt West. „Wir wollen den Klassenverbleib aus eigener Kraft noch schaffen. Da wir beide nach dieser Spielzeit aufhören, wollen wir dieses Ziel auch noch erreichen“, sagt Hauck. Es wäre für ihn bitter, auf eine solche Art als aktiver Spieler aufhören zu müssen. „Ich bin noch nie abgestiegen.“ Einige Spieler wünschten sich einen virtuellen Mannschaftsabend. Den werde man demnächst mit mehreren Bieren in Angriff nehmen, verspricht Hauck.
Schon vor Beginn dieser Saison glaubte beim TSV Königsbach kaum jemand daran, dass der Klassenverbleib der Fußballmannschaft in der A-Klasse Rhein-Mittelhaardt möglich wäre. Sollte der SWFV tatsächlich entscheiden, die Saison ohne Absteiger abzubrechen, müssten die Königsbacher künftig nicht in der B-Klasse antreten. Dem neuen TSV-Coach Carsten Klein wäre dies allerdings gar nicht recht: „Mit den finanziellen Mitteln, die wir haben, ist dies nur in der B-Klasse möglich.“
Trainingsanleitung per Video
Die Fußballer der TSG Deidesheim bekamen ein von Spielertrainer Danko Boskovic ausgearbeitetes Trainingsprogramm, um fit zu bleiben. „Dieses beinhaltet Läufe und Kraftübungen, die er uns in Videos vormacht“, erzählt Abteilungsleiter Andreas Anslinger. Da fast sicher sei, dass die TSG in der nächsten Saison der A-Klasse angehöre, seien die Planungen von der Zwangspause nicht beeinflusst und fast abgeschlossen. „Meiner Meinung nach sollte nicht mit aller Macht weitergespielt werden. Die Gesundheit steht an oberster Stelle. Bis einschließlich der Verbandsliga ist Fußball ein Hobby“, meint er. Sein Vorschlag sei, die ersten beiden einer jeden Klasse aufsteigen und niemanden absteigen zu lassen.
Für Dennis Kindler, den Trainer der A-Junioren der JSG 1. FC 08/VfB Haßloch, wäre ein Saisonabbruch aus sportlicher Sicht nach acht Siegen in neun Spielen das Schlimmste, was passieren könnte. „Wir haben alle noch die Hoffnung, dass es weitergeht. Meinen Jungs musste ich jedenfalls keine Hausaufgaben geben. Die sind so motiviert, dass sie den ganzen Tag trainieren, weil sie alle hoffen, dass es irgendwann noch weitergeht. Eine Annullierung der Saison wäre für mich die fairste Variante.“
Wer schafft die meisten Liegestütze?
Die B-Junioren der JSG halten sich überwiegend mit Laufen fit. „Zusätzlich denke ich mir jede Woche Wettbewerbe aus, um die Spieler bei Laune zu halten, zum Beispiel wer es schafft, 30-mal eine Klopapierrolle mit den Füßen hochzuhalten oder wer die meisten Liegestütze schafft. Der Gesamtsieger bekommt von mir einen Preis“, verrät Trainer Ingo Reich. Übrigens: Den Rekord, mit den Füßen eine Klopapierrolle zu jonglieren, hält ein Senior: Uwe Wolf, bis zur B-Jugend war er beim 1. FC 08 Haßloch und später Profi bei 1860 München und dem 1. FC Nürnberg, hat die Rolle 60-mal kickend in der Luft gehalten. Reich glaubt nicht, dass in dieser Saison noch einmal der Ball rollt. „Vor Mai werden wir die Situation wahrscheinlich nicht in den Griff bekommen, und da dann einfach noch zu viele Spiele anstehen, wird es kaum realistisch sein, diese Saison, die einfach annulliert werden sollte, noch auszutragen“, überlegt er.
In der A-Junioren-Kreisliga Rhein-Mittelhaardt blieb die JSG Weinstraße bisher ohne Punktverlust. Ihr Trainer Bodo Schulz konnte Anfang März noch davon ausgehen, nach dieser Saison in die Landesliga Vorderpfalz aufzusteigen. „Die Planungen für die kommende Runde gestalten sich jetzt sehr schwierig, da wir nicht wissen, in welcher Klasse wir zukünftig spielen werden“, klagt er. Da die Spielklassen im Jugendbereich in den meisten Fällen kleiner als bei den Aktiven seien, schlägt er vor, diese mit einem „erhöhten Aufstieg“ aufzustocken.