Demokratiefest in Neustadt
Freiheit für alle
Gegen 12.30 Uhr am Samstag läuft Kurt Beck zu Hochform auf. Der frühere rheinland-pfälzische Ministerpräsident gehört zu den Rednern bei der Eröffnung des ersten Neustadter Demokratiefests auf der Bühne am Marktplatz. Er beginnt ruhig, schlägt den geschichtlichen Bogen vom Hambacher Fest 1832 bis hin zur Wiedervereinigung 1991 und der Bedrohung der Demokratie in heutiger Zeit. Am Ende wird er lauter und sehr deutlich, begleitet vom Applaus Hunderter von Menschen, die zum Feststart gekommen sind.
„Im Denkgefängnis“
Darunter sind aber auch etliche, die sich bewusst weiß gekleidet haben, als optisches Zeichen nach außen. Sie gehören zu den Gegendemonstranten, zu jenen, die den Veranstaltern – Stadt und Schloss-Stiftung – das Recht auf ein solches Demokratiefest absprechen. Manche von ihnen kommentieren die Worte Becks, indem sie in ihre Trillerpfeifen blasen. Bei dem altgedienten SPD-Mann geraten sie dabei an den Falschen: Die Demokratie werde herausgefordert durch Leute, die sich in einem Denkgefängnis befänden und sonst nichts mehr sähen. Auch nicht, dass die Menschen in Deutschland noch nie so frei gelebt hätten wie heute. Zwar sollte „den Trillerpfeifen“ angeboten werden, in den politischen Diskurs zurückzukehren. „Wir lassen uns aber auch nicht einschüchtern“, stellt Beck klar.
Peter Gaffert unterstützt Beck anhand seiner Biografie. Gaffert ist der scheidende Oberbürgermeister von Wernigerode, seit 1989 und damit noch vor der Wende Neustadts Partnerstadt im Harz. Vertreter von dort feiern in Neustadt ebenso mit wie Freunde aus Mâcon im Burgund und Mersin in der Türkei. Die stellvertretende rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Katharina Binz hat das zuvor als wichtige Geste bezeichnet.
„Nie Realität geworden“
Vom Hambacher Fest 1832 hat Gaffert erstmals im Geschichtsunterricht in der neunten Klasse erfahren. Alles, was damals ganz oben gestanden habe, allem voran die Freiheit, habe auch in der Verfassung der ehemaligen DDR ganz oben gestanden: „Es ist aber nie Realität geworden.“ Wenn Menschen heute forderten, das Grundgesetz abzuschaffen, weil Demokratie nicht funktioniere, sei das beschämend. „Mir tut es auch weh, wenn teilweise Menschen mit verrückten Vorstellungen auf die Straße gehen unter dem Label ,Wir sind das Volk’“, so der Oberbürgermeister.
Zwei Tage lang Farbe zu bekennen, dazu sind die Besucher des Neustadter Demokratiefests aufgerufen. Es gibt viele Mitmach-Angebote auf dem Marktplatz und auf dem Gelände des Hambacher Schlosses, viel Musik, Podiumsdebatten und natürlich kommt auch das Essen und Trinken nicht zu kurz – was übrigens beim Hambacher Fest vor 190 Jahren ebenso der Fall war, als 30.000 Menschen nicht nur für Freiheit und Demokratie eintraten, sondern auch einen guten Tropfen zu schätzen wussten.
Nichts geht mehr
Was noch auf dem Programm steht: ein „Freiheitsweg“ auf dem vom Marktplatz zum Schloss hinauf gewandert werden kann, ganz wie anno 1832. Das kann jeder für sich selbst tun, doch gibt es auch geführte Touren. Am ersten Festtag aber heißt es gegen 15 Uhr: Nichts geht mehr. Die Polizei sperrt den Zugang zum Schlossgelände. Schon zuvor wird der Shuttle-Bus zum Schloss an den Hauptbahnhof umgeleitet. Alle Busse von dort fahren dann nur noch bis zur Hambacher Jakobuskirche. Während für die Busse kein Durchkommen mehr ist, platzt der Schloss-Parkplatz, wo sich Massen von Weißgekleideten versammelt haben, fast aus allen Nähten. Dass auch viel Polizei dabei ist, versteht sich aus Sicherheitsgründen von selbst. Im Lauf des späten Nachmittags sollten die Menschen wieder grüppchenweise aufs Schlossgelände gelassen werden können.
Derweil läuft im Schloss eine Podiumsdebatte zu der Frage „Bedrohte Freiheiten – Wie stabil ist unsere Demokratie“. Am Sonntagabend wird Bundespräsident a. D. Joachim Gauck den ersten „Hambacher Freiheitspreis 1832“ entgegennehmen. Dann ist das offizielle Demokratiefest bereits beendet. Wobei sich die Besucher am Sonntag darauf freuen können, dass ihnen niemand den Zugang zum Schloss streitig macht. Denn offiziell wollten die Weißgekleideten nur an einem Tag unterwegs sein.