Neustadt
Freakshow im Fiebertraum: Publikum im Saalbau feiert Punk-Oper „Shockheaded Peter“
Ein schaurig schönes Spektakel entfaltete sich am Dienstagabend im Saalbau Neustadt. Das Landestheater Detmold gastierte mit der Punk-Oper „Shockheaded Peter“ nach Motiven des „Struwwelpeter“ von Heinrich Hoffmann. Und führte die moralischen Lehren der schwarzen Pädagogik rotzig und anarchisch ad absurdum.
Wer kennt sie nicht, die Geschichten von unartigen Kindern, die ein böses Ende nehmen. 1844 von dem Psychiater und Kinderbuchautor Heinrich Hoffmann ursprünglich als Weihnachtsgeschenk für seinen dreijährigen Sohn verfasst, avancierte das 1845 veröffentlichte Buch zum Weltbestseller. Die britische Kultband Tiger Lillies, Julian Crouch und Phelim McDermott haben daraus eine abgefahrene Rock-Oper gemacht.
Blonder Baby-Despot
In einer Mischung aus Zirkus und Geisterbahn inszenierte Gustav Rueb das Stück als eine Geschichte, die das Publikum zwischen düsterer Freakshow und zersplitterten Kindheitsträumen pendeln ließ. Die berühmten Figuren aus der literarischen Vorlage treten auf in plakativen Episoden: Struwwelpeter, Zappel-Philipp und Paulinchen (Manuela Stüßer), der Böse Bube (Ewa Noack), Suppenkaspar und Hans-guck-in-die-Luft (Finn Nachfolger), der böse Friederich und Konrad der Daumenlutscher (Elias Nagel) und der fliegende Robert (Boran Kaya) rocken die Bühne mit ihrem Panoptikum kindlicher Entwicklungsstörungen und Verhaltensauffälligkeiten: Essstörung, Pyromanie, AD(H)S, fehlende Impulskontrolle, Verwahrlosung. Wohin das heutzutage führen kann, zeigte die Schlüsselszene mit drei blonden entfesselt tobenden Baby-Despoten nach aktuellem US-amerikanischem Vorbild.
„Shockheaded Peter“ erweiterte das klassische „Struwwelpeter“-Universum um eine Rahmenhandlung, getragen von zwei Normalos und ihrer Heldenreise: Ein junges Paar, bieder, naiv – es erinnerte an Brad und Janet aus der „Rocky Horror Picture Show“ – wird symbolisch herausgeholt aus dem Publikum und verpflanzt auf die Bühne, in einen abgeranzten Vergnügungspark. Sebastian Zumpe und Stella Hanheide waren „Vater und Mutter“ in spe und spielten diese als Spießer mit Perfektionismus-Fetisch und überzogenen Erwartungen an Kinder, Familie, Leben.
Wie man den eigenen Glanz findet
Doch das Musical, die Literaturvorlage und das Leben im Allgemeinen, weiß es anders: Das Ziel der Ordnung gebiere nur Chaos, lässt Regisseur Gustav Rueb durchblicken. Und je mehr man versuche, Kinder zu domestizieren, desto krasser werden die Schäden. Und am Ende lernen die beiden das Unperfekte an sich selbst und im Spiegel „Kind“ zu lieben. Heilkraft selbstbewusster Individualität: Der „Struwwelpeter“ wird zur zärtlich-kritischen Metamorphose, die uns zeigt, nur wer die Schablone bricht, findet seinen eigenen Glanz.
Albtraum mit Anglerfisch
Das Bühnenbild von Christiane Hilmer ist opulent und zugleich beklemmend: Ein Lost Place, irgendwo zwischen Kinderkarussell und verstaubter Geisterbahn. Kuscheltiere baumeln traurig an knorrigen Bäumen. Der monumentale Kopf eines Anglerfischs mitsamt Glühbirnen-Köder wird zur Pforte ins Zwischenreich dunkelster Albträume und spuckt immer wieder abgefuckte Gestalten aus. Auch das Paar muss mehrmals durch diese Pforte und gleicht sich auch rein äußerlich dem „Shockheaded Peter“-Szenario an. Die Kostüme von Oktavia Herbst changieren zwischen Freakshow, Punk und Jahrmarkt der Jahrhundertwende.
Faszinierend unkorrekte Geschichten
Patrick Hellenbrand gab als Conférencier, Direktor eines bröckelnden Vergnügungsparks, den düster verführerischen Mittelpunkt mit abgeklärtem Zynismus: „Der Weise sieht, wo der Weg in die Irre führt; der Narr geht weiter und unter“. Unterlegt wurden die faszinierend unkorrekten Geschichten von der zirkushaften Musik der britischen Kultband The Tiger Lillies Handgemachter Vaudeville-Sound. Die vierköpfige Band um Matthias Flake (Tasten) mit Jakob Johannes Lübke (Gitarre), Valentin Kollenda (Kontrabass) und Erik Mrotzek (Schlagzeug) lieferte den rohen, handgemachten Zirkussound, ergänzt mit einem Klangteppich aus Naturgeräuschen und Comic-Lauten. So wurde aus der Struwwelpeter-Saga ein kulturkritischer Fiebertraum in 136 durchgehend gespielten Minuten. Das Publikum, jubelte und erklatschte sich eine Zugabe. Was bleibt jenseits vom schwarzen Humor ist die Botschaft: Kontrolle als Illusion. Sei realistisch, feiere das Unperfekte, nimm Druck raus, bleibe entspannt, sei Du.