Neustadt
Familiengeschichte rund ums Blech: Der protestantische Posaunenchor Mußbach feiert sein 70-jähriges Bestehen
Im Neustadter Ortsteil Mußbach feiert die protestantische Kirchengemeinde am 1. März ein klangvolles Jubiläum, das weit über den eigenen Kirchturm hinausschallen dürfte. Denn in die konzertante Feier zum 70. Geburtstag des Posaunenchors in der Johanneskirche stimmen mit dem Jubilar auch gleich etliche Kolleginnen und Kollegen aus den Ensembles des Kirchenbezirks, den Posaunenchören Gimmeldingen, Hambach, Haßloch und Appenthal, mit ein. So darf sich das Publikum auf ein properes Ensemble von knapp 50 goldglänzenden Blechblasinstrumenten und herrlicher Musik von John Dowland über Felix Mendelssohn bis John Rutter freuen. Und kein Geringerer als Landesposaunenwart Matthias Fitting wird am Pult stehen.
„De Bääre-Vadder“ und seine Buben als Keimzelle
Ins Leben gerufen hat den Bläserkreis 1956 der Pfarrer Gustav Jakob Johannes Bähr. Und bei ihm, einer in vieler Hinsicht prägenden Persönlichkeit, lohnt es sich, zunächst zu verweilen, denn bis heute ist sein Andenken zu Recht auch über die Ortsgrenzen hinaus lebendig. Nicht zuletzt sein Einsatz für jüdische Mitbürger, sein couragiertes Eintreten für christliche Werte und gegen nationalsozialistische Vereinnahmung brachten ihm während der braunen Diktatur mehrfach Repressalien und Haft ein. Gleich nach dem Theologiestudium, 1926, trat der geborene Düsseldorfer in den Dienst der Pfälzischen Landeskirche und nach Stationen in Kusel, Ludwigshafen, Germersheim und Mutterstadt wirkte er bis zu seinem Ruhestand 1967 in Mußbach. Nicht allein der Kinderschar wegen – fünf Töchter und fünf Söhne – nannten die Mußbacher ihren geistlichen Hirten liebevoll „de Bääre-Vadder“. Er galt als moralische Instanz, und dass er christliche Verkündigung nicht allein mit Worten, sondern auch musikalisch in die Herzen zu pflanzen vermochte, schuf Nähe und Gefolgschaft.
Und damit zum Protestantischen Posaunenchor, dessen Keimzelle quasi vier Bähr-Buben waren – Traugott, Friedrich, Martin und Gustav-Adolf, späterhin Kulturredakteur beim damaligen SWF und verdienstvoller Rekultivierer des Kulturzentrums Herrenhof. Vater Johannes – selbst begeisterter Flügelhorn-Spieler – hatte die Sprösslinge früh begeistert, unterrichtet und 1956 erstmals als Quartett ins musikalische Feld geschickt. Und das machte Schule, brachte rasch weitere Jungbläser auf den Plan. Die Instrumente für die Anfänger stellte die Kirchengemeinde zur Verfügung, wer aber Feuer gefangen hatte, schaffte sich rasch was Eigenes an.
Der Posaunenchor spielt sich kreuz und quer durch die Genres
Lange Zeit unterrichtete Pfarrer Johannes Bähr die „Neuen“, aber Traugott und seine Geschwister stiegen alsbald in den Unterrichtsmodus ein. Das Ensemble florierte, in starken Jahren waren bis zu 18 Jungbläser zu unterrichten, wie sich Alexander Bähr, der Enkel des Gründers und derzeitige Leiter des Posaunenensembles erinnert. „Wir haben wie alle Kollegen das Auf und Ab der geburtenstarken und -schwachen Jahrgänge erlebt, aber wir waren immer problemlos spielfähig.“ Er betreut heute den Nachwuchs, so wie es über Jahrzehnte sein Vater Traugott getan hatte. Und auch die vierte Generation in Person seines Sohnes Maximilian bläst schon seit knapp zwei Jahrzehnten die Trompete.
Natürlich habe sich die Literatur der Posaunenchöre in den letzten Jahren stark erweitert, betont sein Bruder Jochen, ebenfalls als Trompeter an Bord. Und: „Gut so“, bekräftigt Matthias Fitting umgehend. „Eigentlich gibt es kaum eine kirchenmusikalische Formation, die so breit aufgestellt ist wie ein Posaunenchor. Wir spielen uns von barockem Concerto grosso bis zur Moderne, von Choral über romantische Sinfonie bis Filmmusik, Jazz und Pop quer durch die Genres.“ Dabei, keine Frage, stets dem christlichen, zumindest wertegestützten Inhalt verpflichtet.
Ebenso breit angelegt ist das Spektrum der Einsätze. „Ursprünglich motiviert war die Ensemble-Gründung durch den Wunsch, auch die Freiluftveranstaltungen mit Musik zu versorgen“, erläutert Alexander Bähr. Open-Air-Gottesdienste an Pfingsten etwa, an Himmelfahrt oder am Volkstrauertag. Auch zu Kerwe-Beginn gibt es in Mußbach bis heute einen Gottesdienst mit Bläsern. Dazu kommen die Dienste an wichtigen Feiertagen, Heiligabend, Silvester, Ostern. „Die Osterzeit ist absolute Hochzeit für uns Bläser“, erklärt Fitting. Das ist in Mußbach Tradition. „Am Ende der Nacht, noch bei Dämmerung, wird der Tag der Auferstehung mit Bläserklängen begrüßt- und anschließend treffen wir uns mit der Gemeinde zum Osterfrühstück und -gottesdienst.“
„Man hat auch eine Menge Spaß zusammen“
Damit ist eine entscheidende Qualität der Posaunenchöre benannt, die auch heute als Anziehungspunkt für den Nachwuchs taugt. „Es ist die Integration in die Gemeinschaft der Musizierenden. Man hat auch eine Menge Spaß zusammen. Und es entstehen oft lebenslange Freundschaften, die zuvor auf Studientagen, Sommerfreizeiten, Konzerterlebnissen oder Fahrten zu Kirchentagen wachsen und reifen konnten“, schwärmt Jochen Bähr.
Auch die 2003 gegründete und mittlerweile sehr erfolgreiche „New Brass Bigband“ mit Ralf „Mosch“ Himmler am Pult ist eine Ableger des Mußbacher Posaunenchors. Sie hat bereits erfolgreiche Tourneen nach China und Südchorea absolviert. „Und wir kooperieren regelmäßig, zumal auch da bei aller Weltläufigkeit der christliche Grundgedanke Teil des inhaltlichen Konzepts bleibt.“ Zehn Spielende zählt der Posaunenchor aktuell, damit lässt sich bestens arbeiten. Aber über Zulauf würde sich Alexander Bähr, Leiter und Spieler in Personalunion, freuen. Eigentlich bedient er ja die Trompete, aber zuweilen packt er – ganz am Ende der Besetzungsskala – auch mal die Tuba aus.
Termin
Das Jubiläumskonzert 70 Jahre Posaunenchor Mußbach findet am Sonntag, 1. März, ab 17 Uhr in der protestantischen Johanneskirche in Neustadt-Mußbach statt. Beteiligt sind Posaunenchöre des gesamten Kirchenbezirks. Die Leitung hat Matthias Fitting. Der Eintritt ist frei, freilich verbunden mit einer Bitte um Spenden.