Neustadt Fake News geh’n auch ohne Facebook

Intriganten unter sich: Debora Thomas-Chmielus, Guntram Raquet, Trudel Becker, Christina Jakobs und Markus Mohr (von links) vere
Intriganten unter sich: Debora Thomas-Chmielus, Guntram Raquet, Trudel Becker, Christina Jakobs und Markus Mohr (von links) vereint das Interesse, das frisch verliebte Paar Charles und Maria auseinanderzubringen. Aber auch ohne festes Ziel ist Lästern ihre Lieblingsbeschäftigung.

«Neustadt-Mussbach.» Das Titelbild des druckfrischen Programmhefts katapultiert mitten hinein in den Plot, der die Zuschauer am übernächsten Samstag bei der Premiere des turbulenten Lustspiels „Die Lästerschule“ im Mußbacher Herrenhof erwartet: Der hübschen Lady stockt der Atem, ihre Augen sind geweitet, angesichts dessen, was der Einflüsterer gerade ihrem Ohr anvertraut. Es ist die Wirkung von Halbwahrheiten und Gerüchten, neudeutsch „Fake News“, die das „Dramatische Hoftheater“ mit der vor knapp 250 Jahren entstandenen Komödie des Iren Richard Brinsley Sheridan vor Augen führen will.

Es geht in den Endspurt: vorletzter Durchlauf. Kostümständer füllen die Garderobe, im provisorischen Probenraum in Speyer wird eben das Bühnenbild mit umgekippten Tischen improvisiert – der Echtaufbau folgt erst später am eigentlichen Ort des Geschehens, im Festsaal des Herrenhofs – und auch die Souffleuse bezieht Stellung. Und während mittels Maske und Textil die Metamorphose der munteren Schauspieltruppe zu Ladies und Snobs der Londoner High Society Gestalt annimmt, plaudert Regisseur Markus Mohr etwas aus dem theatralischen Nähkästchen. Die politische Großwetterlage – Muskelspiele der Diktatoren, globale Medienskandale, die Omnipräsenz von Facebook, Twitter und Co. – das alles habe durchaus eine Rolle gespielt bei der Auswahl der aktuellen Produktion, der sechsten des seit 2013 in der bestehenden Formation auftretenden „Dramatischen Hoftheaters“, das aktuell rund 25 theaterbegeisterte Akteure aus der Vorder- und Südpfalz zusammenführt. Sheridans Stück, so Mohr weiter, das seit seiner Uraufführung 1777 die Spielpläne zumindest der englischsprachigen Bühnen bis zum heutigen Tag bereichert und wesentlichen Einfluss auf die einschlägige Gesellschaftsliteratur eines Oscar Wilde oder George B. Shaw ausübte, führt in bester Komödien-Verwirr-Turbulenz vor Augen, dass böszungiges Lästern, Lug und Trug keine Erfindung der „postfaktischen Gegenwart“ mit ihren „alternativen Wahrheiten“ sind. Man habe das Stück in der kongenialen Übertragung durch Wolfgang Hildesheimer bewusst in die 1920er Jahre verlegt, erläutert Christina Jakobs, die so etwas wie die Prinzipalin der Truppe ist und obendrein in der weiblichen Hauptrolle der Lady Sneerwell das Heer der intriganten Lästerzungen anführt. Die gesellschaftlichen Parallelen zur Jetztzeit seien offensichtlich und die ab und an eingestreuten brandaktuellen News fügten sich – erschreckend – problemlos in den Kontext. Schauplatz der Handlung ist die Upper Class der Londoner Gesellschaft: Charles Surface und Maria (Lucas Müller und Ann-Kathrin Stengel), frisch verliebt, müssen sich gegen die hinterhältig verleumderischen Übergriffe einiger dekadenter Herrschaften mit Lady Sneerwell an der Spitze behaupten, die das Lästern zum gesellschaftlichen Zeitvertreib stilisiert haben – sie werden dargestellt von Debora Thomas-Chmielus, Guntram Raquet und Trudel Becker. Joseph, älterer Bruder von Charles und gespielt von Regisseur Markus Mohr selbst, ein Hallodri von hohen Gnaden und ebenfalls an Maria und vor allem ihrer Mitgift interessiert, versucht mit Hilfe der willigen Schandmäuler das junge Paar zu entzweien. Und ein weiteres Ehepaar, gespielt von Miriam Steinbacher und Wolfgang Braunstein, fällt der bösen Schandpropaganda ums Haar zum Opfer. Wie ein Deus ex machina taucht da aber der reiche Erbonkel der Surface-Brüder, Sir Oliver (Andreas Kelly), aus Indien auf, der zusammen mit seinem alten Freund Rowley (Alfred Stengel) und dem Pfandleiher Slick (Dietmar Walter) den Ruf seiner Neffen inkognito überprüfen will. Die Glocke ertönt – Probenstart, alles auf Position, Christina Jakobs als Lady Sneerwell fegt im schwarzen Negligé durch die Szene, Trudel Becker als Lady Cabtree, von einer Federboa umflutet, flötet ihr kichernd im Diskant Schlüpfriges aus ihrem Tratsch-Repertoire entgegen, während von draußen die drei Zeitungsjungen die neuesten Schlagzeilen in den Äther posaunen. Und nicht von ungefähr trägt das eine der am Kiosk flatternden Tagblätter den Namen „Daily Mirror“. Denn mit dem Stück schauen auch wir unwillkürlich in den täglichen Spiegel unserer sensationswütigen Gesellschaft. Termine Das „Dramatische Hoftheater“ feiert am Samstag, 12. Mai, um 20 Uhr mit seinem Stück „Die Lästerschule“ von Richard Brinsley Sheridan in der Übertragung von Wolfgang Hildesheimer Premiere im Festsaal des Mußbacher Herrenhofs. Weitere Aufführungen finden dort am 18., 19. 20., 25. und 26. Mai statt, Beginn ebenfalls 20 Uhr. Karten (14/12 Euro) bei Tabak Weiss in Neustadt (06321/ 2942). Weitere Infos unter www.dramatisches-hoftheater.de.

Bei den Teazles (Miriam Steinbacher und Wolfgang Braunstein) zeigen die Verleumdungen bereits Wirkung. Die Nerven liegen blank.
Bei den Teazles (Miriam Steinbacher und Wolfgang Braunstein) zeigen die Verleumdungen bereits Wirkung. Die Nerven liegen blank.
x