Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Fahrgäste zu Bahnstreik: „Bekomme so ’ne Krawatte“

Eher die Ausnahme: Auf der Linie RE1 (Saarbrücken – Mannheim) fuhren vergleichsweise viele Züge. Auf anderen Strecken fielen dag
Eher die Ausnahme: Auf der Linie RE1 (Saarbrücken – Mannheim) fuhren vergleichsweise viele Züge. Auf anderen Strecken fielen dagegen die meisten Verbindungen aus.

Seit Mittwoch streiken wieder die Lokführer, diesmal ganze sechs Tage am Stück. Nur wenige Fahrgäste tummeln sich am Nachmittag am Neustadter Hauptbahnhof. Was hat sie dazu bewogen, trotz der Einschränkungen Bahn zu fahren – und wie stehen sie zum Arbeitskampf?

Am Mittwoch ist der Auftakt des sechstägigen Streiks der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL). Viele Züge fallen aus, zum Teil werden die Strecken über Neustadt nur alle drei Stunden befahren. Am Hauptbahnhof sind die Folgen des Streiks nicht zu übersehen: Nachdem der RE1 in Richtung Mannheim abgefahren ist, wirken die Bahnsteige verwaist. Kaum jemand wartet auf die ohnehin dünn gesäten Verbindungen. Wer die Möglichkeit hat, weicht heute lieber auf das eigene Auto oder eine Fahrgemeinschaft aus. Für manche ist die Fahrt mit der Bahn jedoch alternativlos. Vor allem gilt das für Schüler, aber auch für manchen Berufstätigen wird es mit eingeschränktem Bahnverkehr schwer, zur Arbeit zu kommen.

Auf Gleis eins betrachtet eine Gruppe Schüler die Anzeigetafel: Ihr Zug nach Deidesheim fällt aus, der nächste kommt erst in zwei Stunden. Zum Glück können sie auf den Bus ausweichen. Der braucht zwar deutlich länger, fährt aber wenigstens zuverlässig. Besonders für Schüler seien die häufigen Streiks in letzter Zeit nervig, erzählen der 15-jährige Mats und der 14-jährige Lasse, die nicht genau wissen, warum die Lokführer ihre Arbeit niederlegen. „Im Notfall können uns auch unsere Eltern mal fahren – die müssen aber eben auch arbeiten.“

„Klima vergiftet“

Eine 40-jährige Frau wartet auf ihren Zug nach Landau. Sie kommt aus Lambrecht und muss zur Arbeit. „Ich habe gestern schon geschaut, was fährt.“ Alle zwei Stunden sei im Notfahrplan eine für sie passende Verbindung dabei, „das muss man dann ausnutzen“. Da sie keinen Führerschein hat, ist sie auf die Fahrt mit der Deutschen Bahn angewiesen. „Mit Verständnis für den Streik ist es bei mir vorbei. Wenn ich hier im Kalten stehe, bekomme ich dann schon so ’ne Krawatte“, sagt sie und deutet dabei auf ihren Hals. Aus ihrer Sicht sei der Kampf für mehr Lohn zwar nachvollziehbar, „aber dadurch wird das gesellschaftliche Klima eigentlich nur noch mehr vergiftet.“

Eine andere Frau nimmt ebenfalls den Zug nach Landau. Von dort sei sie heute Morgen auch nach Neustadt gekommen. „Ich hatte hier um 11 Uhr einen Termin und musste wegen des Streiks schon um 7.48 Uhr in Landau losfahren“, berichtet die 72-Jährige. Mittlerweile habe auch sie kein Verständnis mehr für die Lokführer: „Sechs Tage zu streiken, das finde ich unmöglich.“

„Oft früher rausgelassen“

Alaya hatte es von Böbig aus nicht weit zum Hauptbahnhof. Hier wartet sie jetzt darauf, dass eine Freundin ankommt. Der Streik beeinflusst den Alltag der 17-jährigen Schülerin massiv, wie sie erzählt: „Morgens kommen wir meistens zu spät zur Schule. Wenn man den einen Zug verpasst oder er ausfällt, muss man ganze drei Stunden auf den nächsten warten.“ Die Schulen reagierten allerdings auch auf das Problem. „Wir werden im Moment oft früher rausgelassen.“ Noch schlimmer treffe es aber ihre berufstätigen Freunde: „Die müssen sich an solchen Tagen Urlaub nehmen, sonst bekommen sie Fehltage.“

Ein Neustadter auf Gleis drei ist unterwegs zu einem Freund in Mannheim. Bis sein Zug kommt, wird es laut Anzeige aber noch eine Stunde dauern. Er nimmt es gelassen und nippt an seinem Bier – ein Grund, warum er heute Zug statt Auto fährt, wie er mit einem Lachen erklärt. Der Streik ist für den 30-Jährigen kein großes Problem: „Dann muss man eben warten.“ Auch die Forderungen der Lokführer nach besserer Bezahlung und weniger Wochenstunden hält er für gerechtfertigt.

„Zu viele leiden“

Auf den Zug in Richtung Haßloch wartet ein 17-jähriger Schüler. „Normalerweise kann ich bei Freunden im Auto mitfahren, die haben aber heute keine Zeit“, erzählt er. Deshalb sei er trotz des Streiks gezwungen, die Bahn zu nehmen. „Bald habe ich aber meinen Führerschein, dann ist das alles kein Problem mehr für mich.“ Für ihn ist es mit Blick auf den Tarifstreit dennoch „langsam Zeit, dass man zu einer Lösung kommt“.

Im Bahnhofsgebäude wartet ein älteres Paar auf seinen Bus. „Wir fahren ausschließlich mit Bus und Bahn“, verraten die 84-Jährigen. Am Mittwoch bleiben sie jedoch in Neustadt. „Man kommt ja heute nicht raus aus der Stadt, und das Wetter ist sowieso nicht besonders einladend“, sagt die Frau. Für den Streik haben sie von Anfang an kein Verständnis gehabt. „Zu viele leiden darunter“, ist ihre Meinung.

Auf Steg ist Verlass

Nicht jeder, der sich heute zum Bahnhof begibt, muss unter dem Streik leiden. „Ich fahre nicht mit der Bahn, ich nehme nur den Fußgängersteg über die Gleise“, erzählt ein Mann, als ihn die RHEINPFALZ beim Vorbeigehen anspricht. Er finde diesen sehr praktisch, da man dadurch eine Menge Zeit spare. Der Steg ist seit Dezember vergangenen Jahres freigegeben und bildet eine direkte Verbindung vom Hauptbahnhof zur Schillerstraße – und das zuverlässig, selbst wenn gestreikt wird.

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