Neustadt Europa ist wie Kreisverkehr
Neustadt. Thomas Freitags neues Programm „Europa – der Kreisverkehr und ein Todesfall“ stand am Samstagabend auf dem Spielplan des Kleinkunstvereins „Reblaus“ im ausverkauften Theater „Katakombe“. Und damit der Auftritt eines liebgewonnenen Kabarett-Altmeisters, der immer mal wieder gerne Station in Neustadt macht und so regelmäßig für Glanzlichter im Kulturkalender sorgt. Auch diesmal.
Freitag nimmt sich in dem Programm die Idee Europas vor – in der Figur des für Kreisverkehre zuständigen EU-Beamten Peter Rübenbauer, der nach der Einweihung eines Kreisels verunglückt und sich an der Schwelle zwischen Leben und Tod wiederfindet – ziemlich verzweifelt an einer verlassenen Bushaltestelle. Dort stellt er sich die Frage aller Fragen: „Habe ich alles richtig gemacht? Hätte ich mich vielleicht mehr aufregen sollen?“ Dabei erklärt er den skeptischen Europäern unter anderem, warum die Grundidee Europas gut ist, man sie jedoch nicht mit anderen Ländern hätte versuchen sollen und warum ein Kreisverkehr auf der Insel Lesbos das Flüchtlingsproblem lösen könnte – wenn der Kreisel nur eine Ausfahrt hätte. In dessen Mitte ließe sich dann auch trefflich ein Kunstobjekt platzieren, das auch gleich die Ergebnisse der europäischen Bemühungen symbolisieren könnte: eine leere Fläche für sechs Millionen Euro. Überhaupt – der Kreisverkehr: Viele Deutsche seien davon überfordert, bevorzugten die Ampeln, die einem sagen, was man machen soll. Gerade Katholiken seien eher für Kreuzungen, wiewohl Kreiseverkehre in Polen ja im Grunde eine tolle Sache seien – wo doch dort bei so vielen Autos noch das Lenkradschloss eingerastet ist ... Während seines eineinhalbstündigen Monologs schlüpft Freitag unter anderem in die Rolle des Zeus, der dem Haus der 28 Nationen – je nach Lust und Laune auch 27 – seinen Namen gegeben hat, weil er Europa flachgelegt hat (sonst hieße es Vanessa oder Stavros), und sich heute auf 450-Euro-Basis in der Taverne Poseidon verdingen muss: Es gehe den Griechen heute nur deshalb so schlecht, weil die Deutschen 40 Jahre lang „Ouzo aufs Haus“ getrunken hätten – und die müsse man nun eben zurückzahlen, meint der zornige Gott. Zornig ist er auch in der Rolle des evangelischen Selbstmordattentäters aus dem Schwabenland mit einem Sprengstoffgürtel aus getragenen Wollsocken und Birkenstock-Sandalen, der im Sinne Calvins für Selbstoptimierung mittels Arbeit und Verzicht ins Jenseits zu gehen bereit ist – „Jesus war nicht berufstätig, der wäre heute Hartz IV“. Den erzürnten Evangelen erwarteten 36 Sozialpädagoginnen in Wollpullovern anstelle von 72 Jungfrauen – wegen der Doppelnamen. Und wie man sich als Kabarettist so richtig schön in Rage reden kann, verrät er seinem Publikum auch: mit Kinski-Spray aus dem Kabarettistenbedarf im Hinterzimmer eines Fahrradladens in Dinslaken. Auch das Auswahlverfahren von EU-Kommissaren wie Violeta Bulc – zuständig für Verkehr –, Edmund Stoiber – bis 2014 in Brüssel Leiter einer EU-Arbeitsgruppe zum Bürokratieabbau – und Günther Oettinger – digitale Wirtschaft, bald Haushalt – macht Freitag zum Thema: Bulc versuche sich daran, die Kraftfahrzeugsteuer nicht mehr nach Hubraum, sondern nach dem Sternzeichen des Besitzers zu berechnen, Oettinger habe sich erst einmal das komplette Internet ausgedruckt, um es durchzulesen, und Stoiber eine Ladung Büroklammern an den Münchener Hauptbahnhof liefern lassen: „Man muss dreimal nicht überzeugen, danach wird man genommen ...“ Die Entstehungsgeschichte des Leberkäses – „nicht jedes leblose braune Stück Fleisch ist Jürgen Drews“ – erklärt Freitag anhand einer Kreiseleinweihung in Brunshausen, wo der Bürgermeister darüber lamentiert, dass die Spezialität mittlerweile auch aus Osteuropa stammen dürfe, und beim Thema „Amazon“ fragt er sich, ob denn die Feuerwehr in Luxemburg zuständig wäre, wenn ein deutsches Zentrallager in Flammen aufgeht: „Denn dort zahlen die ja nun mal ihre Steuern.“ Und dann erklärt er schließlich auch noch den Unterschied zwischen Ebola und den Banken: „Das eine ist eine Seuche, das andere eine Krankheit in Afrika.“ Doch habe Europa auch seine guten Seiten – man könne heute mit dem Auto nach Polen oder Frankreich fahren, müsse nicht mehr den Panzer nehmen, meint Freitag. Und hinterlässt ein Publikum, das sich auf ein baldiges Wiedersehen freut.