Neustadt „Es gilt eine 0,0-Promille-Grenze“

Alkohol ist eine gesellschaftlich akzeptierte Droge. Doch die Folgen für ungeborenes Leben sind häufig nicht bekannt. Die evangelische Pfarrerin Claudia Kettering ist Adoptivmutter eines von Fetalen Alkoholspektrumstörungen (englisch: Fetal Alcohol Spectrum Disorder, FASD) betroffenen Kindes. Als Mitglied im bundesweit tätigen Verein FASD und zuständig für die Frauenarbeit der pfälzischen Landeskirche will sie für den Raum Westpfalz eine Selbsthilfegruppe gründen.
FASD ist eine vorgeburtliche Schädigung, die auftritt, wenn Mütter in der Schwangerschaft Alkohol trinken. Dazu gehören Hirnschäden, Entwicklungsstörungen und Verhaltensauffälligkeiten. Unter FASD werden alle Schädigungen zusammengefasst, wobei zwischen dem Vollbild des Fetalen Alkoholsyndroms (FAS) und Teilschädigungen unterschieden wird. Tragischerweise wird beides oft erst spät anhand von Verhaltungsauffälligkeiten erkannt. In Deutschland werden jährlich schätzungsweise 2000 bis 4000 Neugeborene mit dem Vollbild geboren, circa 10.000 mit FASD. FAS ist die häufigste Ursache für eine angeborene Behinderung und häufiger als das Down-Syndrom. Mit welchen Schwierigkeiten haben Betroffene zu kämpfen? Vor allem wegen der Verhaltensauffälligkeiten ecken sie in der Schule, bei Freunden und zu Hause an. Sie sind oft impulsiv, können sich nur schlecht konzentrieren, wirken ungezogen und uneinsichtig oder neigen zu Wutausbrüchen. Auf den ersten Blick ähnelt FASD dem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, aber es umfasst viel mehr und ist etwas ganz anderes. Leider ist es selbst bei Fachleuten nicht so bekannt. Für die Kinder ist es fatal, wenn die Diagnose nicht oder erst spät gestellt wird. Das ist auch für die Eltern ein Problem. Wie ist denn deren Situation? Für sie bedeutet diese besondere Schädigung ihres Kindes häufig eine große Odyssee, denn viele der gängigen Therapiemöglichkeiten greifen nicht. Sie stellen sich und ihre Erziehung immer wieder in Frage, weil die Umwelt ihnen vermittelt, dass das schwierige Verhalten auf das Elternhaus zurückzuführen ist. Sie müssen sich immer wieder vor Augen führen und akzeptieren, dass es neurologisch bedingt und nicht therapierbar ist. Ein Symptom von FASD-Kindern sind erschöpfte Eltern. Für sie möchten Sie eine Selbsthilfegruppe ins Leben rufen. Ja, ein erstes Treffen ist am Montag, 23. Februar, um 19 Uhr im Heinz-Wilhelmy-Haus der Evangelischen Arbeitsstelle für Bildung und Gesellschaft in Kaiserslautern. Fehlt es Ihrer Meinung nach an Anlaufstellen für Betroffene und Eltern? Ja, denn selbst Fachkräfte aus Medizin und Sozialpädagogik und auch Therapeuten wissen häufig nur wenig über FASD. Nur ein geschulter Blick kann die Diagnose stellen. Es gibt immer noch Frauenärzte, die empfehlen Schwangeren ein Gläschen Sekt am Morgen, um den Kreislauf in Schwung zu bringen. Dabei gibt es keinen unteren Grenzwert. FASD ist zu hundert Prozent vermeidbar, es gilt eine 0,0-Promille-Grenze.