Neustadt „Es gibt so viel Potential“

Deidesheim. Brücken schlagen für den Gesang und die Musik und Menschen dafür begeistern, in der Gemeinschaft die Möglichkeiten der eigenen Stimme auszuloten – das ist das Ziel des „Offenen Singens“, zu dem die Chorgemeinschaft Deidesheim/Ruppertsberg unter Leitung von Marie-Luise Birkhofer in diesem Jahr erstmals einlädt. Und natürlich möchte man auch für das Singen im Chor werben, sei es zu den regulären Proben oder für besondere Projekte. Beobachtungen bei der Premiere am Samstag.
Rund 90 Teilnehmer finden sich an diesem Samstagvormittag im großen Pfarrsaal Bernhardushof in der Deidesheimer Heumarktstraße ein. Dann verstummt das erwartungsfrohe Stimmengesurre plötzlich, alle stellen sich im Kreis zum „Warm-Up“ auf. Es wird geschnauft, gebrummt, gesummt. Rhythmik kommt bei Bodypercussion ins Spiel: Klopfen, Klatschen, Stampfen und Schnipsen in kreativer Abfolge studiert Marie-Luise Birkhofer mit den Teilnehmern ein. Hochmotiviert setzen sich die dann in die Stuhlreihen. Etwa zu einem Drittel sind es Chorsänger, der große Rest Interessenten jeden Alters. Senioren sind ebenso dabei wie Mütter mit Kindern. Immerhin, es haben sich sogar sieben Männer eingereiht. Einstimmige Lieder aus dem Musikbuch „Stimmband“ des Carus-Verlags stehen auf dem Programm, Volksweisen, Evergreens, Schlager und Popsongs. Munter stimmen alle in „Mein kleiner grüner Kaktus“ ein, begleitet von Birkhofer am Klavier. Witzig finden vor allem die ganz jungen Teilnehmer das Lied „Guten Morgen“, in dem viele Sprachen, Englisch, Griechisch und Spanisch, auftauchen. Das Ganze dann im Kanon. „Sehr gut“, lobt die Chorleiterin. „Ich bin aber rausgekommen“, bekennt ein Kind, hat die Lacher auf seiner Seite und spricht aus, was auch anderen widerfuhr. „Alles Gute zum Geburtstag“ ist der nächste Titel - aus aktuellem Anlass. Das Ständchen für die Vorsitzende der Chorgemeinschaft, Cornelia Gehlert, wird „aufgepeppt“ mit allerlei Rhythmusinstrumenten. Cabasa, Klangfrösche, Schellenstäbe oder Claves werden an Groß und Klein verteilt und munter als Begleitung eingesetzt. „Es gibt hier so viele versteckte Talente“, stellt Birkhofer fest. „Natürlich haben wir auch einen Hintergedanken bei dieser Sache, ich weiß dann besser, bei wem ich mich melden kann, wenn ich Sänger für ein Projekt brauche.“ Gleich geht es weiter mit „Auf der schwäb’schen Eisebahne“, zunächst einstimmig. Dann folgt die Herausforderung an mutige Teilnehmer bei einem mehrstimmigen Satz. Bald haben sich Alt- und Männerstimmen als Begleitung der Melodie zusammengefunden, werden in Stimmgruppen im Raum aufgestellt, wobei die Chorleiterin das Klavier in der Probenphase zu den jeweiligen Akteuren hinschiebt. Bewegung ist im Raum, passend zur dampfenden Lokomotive. Zur Pause bei Getränken und Brezel lädt dann „Probier′s mal mit Gemütlichkeit“ ein, der beliebte Song aus dem „Dschungelbuch“. Rund um die Stehtische entspannen sich muntere Gespräche. „Die Probe ist wunderbar locker“, meint Margareta Reifenberg, die mit ihrem Mann in Meckenheim wohnt. „Wir sind vor Jahren aus dem Westerwald zugezogen, haben früher in Chören gesungen und sind hier auch schon häufig angesprochen worden.“ Als absoluter Neuling outet sich Hans-Werner Mackowiak. „Ich habe im Fernsehen solche Veranstaltungen, dieses ,Rudelsingen’, gesehen. Diese Spontanität hat mich angesprochen.“ Obwohl er noch nie in einem Chor gesungen habe, so Mackowiak, fühle er sich sehr wohl in dieser netten Probenatmosphäre. „Ich muss den Text hinbekommen, mich im Notenblatt orientieren, die Einsätze finden, all das ist spannend und interessant.“ Daniela Matheis wurde von Chormitgliedern aus der Nachbarschaft angesprochen. „Das fand ich nett, früher sang ich viele Jahre im Kinderchor. Zuhause war Musik auch immer ein Thema“, erzählt die junge Frau. Christina Wahls Tochter Franziska singt in der Deidesheimer Jugendkantorei. Ihre Tochter habe sich gefreut, am „Offenen Singen“ gemeinsam mit der Mama teilzunehmen. Die Kinderversorgung erlaube es nicht, dass sie regelmäßig Chorproben besuche, so Wahl, aber umso mehr genieße sie diese Gelegenheit, ihre Fähigkeiten auszuprobieren. Corinna Kastenholz-Heilig zeigt sich begeistert von den rhythmischen Übungen und der abwechslungsreichen Liedauswahl. Mit Tochter Katrin ist sie aus Ilvesheim bei Heidelberg angereist. „Meine Eltern singen in Deidesheim im Chor, ich habe auch schon bei einigen ihrer Projekte mitgemacht“, erzählt sie. Der zweite Teil der dreistündigen Probe gestaltet sich ebenso kurzweilig. Beim Laurentia-Lied im Kreis werden die Knie gebeugt, es folgen Filmmelodien, der „Kriminal Tango“, „Moon River“ oder „Good Night, Ladies“. Der spanische „Un Poguito“-Tango fordert den Einsatz der Percussions geradezu heraus. Marie-Luise Birkhofer ist positiv überrascht über die zahlreichen Interessenten und guten Sänger: „Es gibt so viel Potential, und auch die Teilnehmer waren erstaunt, wie schnell man in die Materie hineinfindet und in der Chorgemeinschaft auch etwas Mehrstimmiges in kurzer Zeit einstudieren kann.“ Die vorwiegend weltliche Liedauswahl des Probentages sei Absicht, da die katholische Chorgemeinschaft eine Brücke schlagen wolle, in menschlicher und ökumenischer Hinsicht. Der Chor solle nicht ausschließlich mit kirchlichen Auftritten in Verbindung gebracht werden. „Unser Repertoire ist vielseitig“, so die Chorleiterin, die auch die emotionale und soziale Komponente anspricht: „Beim Singen fallen Sorgen und Stress ab, man begibt sich auf eine andere Ebene der Begegnung, kann für sich selbst etwas gewinnen.“