Neustadt Es geht nicht ohne Europa
«Neustadt-Hambach.» Im Hambacher Schloss gab es am Donnerstagabend ein „Nord-Süd-Gefälle“. Aydin Isik und Mike McAlpine waren als Kabarettisten-Duo zu Gast. Der eine gab den temperamentvollen Deutschtürken, der andere den verdreht-steifen Briten, beide in Streitgespräche um Europa vertieft. Auch, wenn Isik an Krücken ging – Sportunfall, wie er erklärte – zeigten die beiden große Bühnenpräsenz und Unterhaltungswert. Allerdings fehlte dem Programm kabarettistischer Biss – alles wirkte eher wie Comedy –, und die Reihen hatten sich nach der Pause schon etwas gelichtet.
Es roch noch nach Fisch, als das Duo seinen Gang durch die Stuhlreihen auf die Bühne startete. Denn vor dem Auftritt hatten sich die Gäste bereits am Mottoessen des „Restaurants 1832“ gütlich getan. Es gab das britische „Nationalgericht“ Fish´n Chips und „Dicke Bohnen von den Türken“. Isik und McAlpine packten auf der Bühne dann gleich ein ganzes Sammelsurium an „Vorurteilen“ aus, verpackt in Streitgespräche, Tänzchen und Lieder der Marke „Text im Eigenbau“ zu Gitarre, Trommel oder Cajon. Sie streiften dabei unterschiedliche Nationalitäten, deren vermeintliche Eigenarten sie humoristisch durch den Kakao zogen. Dabei zog sich durchaus eine Botschaft durchs Programm, die trotz stellenweise extremem Klamauk immer durchschimmerte: „He, seht her, so unterschiedlich sind wir alle eigentlich gar nicht.“ Manches „geballte Wissen“ um landestypische Verhaltensweisen verflüchtigte sich schnell bei näherem Hinsehen, wie etwa die Unterstellung, jeder Südländer sei per se ein Macho. Kamen doch die schärfsten Sprüche gegen den Frauenfußball bei näherer Betrachtung von deutschen Exfußballprofis. Und der nörgelnde Brite Mike musste sich der süffisanten Logik seines türkischstämmigen deutschen Bühnenpartners geschlagen geben, dass ja wohl nicht nur die Türkei derzeit „europauntauglich“ sei. Solche kleinen Sticheleien zogen sich durch das ganze Programm, verbunden mit stellenweise pantomimischen Sondereinlagen mit dem Subtext „angewidert, entsetzt oder schadenfroh“ insbesondere des Briten. Höhepunkt des Programms und vom Publikum mit den meisten Lachern bedacht waren die Vergleiche von Fußball-Live-Kommentatoren bei Länderspielen. Während der Engländer, sonst vornehm zurückhaltend, hier geradezu ekstatische Gemütsausfälle an den Tag legt, aus denen er sich nur mühsam durch eingestreute Sätze wie „oh - good looking man - lovely hair“ rettet, rastet der türkische Reporter mit südländischem Temperament bis hin zur Tränensalve aus, weil sein Land eines seiner seltenen Tore geschossen hat. Krasser Gegensatz dazu die deutschen Ansagen: „Lahm … ja, Lahm … ja und … Abgabe, Tor, 7:0 gegen Frankreich, aber immer noch kein guter Fußball bis jetzt.“ Ebenfalls gut kamen „Romeo und Julia“ nach William Shakespeare an, deren „unterkühlte, nichtssagende Balkonszene nach britischem Gusto“ Aydin bemängelte, da Romeo ja schließlich Italiener mit feurigem Temperament gewesen sei. Nur küssen und von Ferne schmachten, da sei Shakespeare ein realitätsferner Trottel gewesen, bewiesen die beiden theatralisch durchaus begabt. Unterschiedliche Anmache spielte auch beim Speed-Dating mit verschiedenen Nationalitäten eine Rolle. Da versemmelt sich „Thomas aus Schifferstadt“ bei seiner potenziellen türkischen Angebeteten weitere Auftritte durch Schwafeleien über Elektrobaukästen. Glück für die Familien, meint Aydin, denn genauso, wie deutsche Eltern wenig begeistert von türkischer Partnern für ihre Kinder seien, gelte das auch umgekehrt. Klamauk dagegen, der die Gäste auch manchmal etwas ratlos zurückließ, waren beispielsweise die sportelnden Damen beim Nordic Walking, die den Verlust ihrer Stöcke während des Sports nur dank Nussecken verschmerzen. Tänzchen und Bruderküsse sorgten für weitere Abwechslung im Bühnengeschehen. Gelungen waren Ländereinstiege durch komödiantische Charakteristik, wenn sie nicht zu lang gerieten. Wie bei einer Rundreise stiegen Isik und McAlpine im jeweils angekündigten Land aus und stellten nicht nur die Menschen, sondern auch Kulturdenkmäler und wirtschaftliche Entwicklungen dar, oder sie streiften kenntnisreich die Historie, wenn auch Christoph Kolumbus zum Beispiel genau genommen kein Spanier war. Die gezeichneten Bilder lebten außer durch Übertreibungen auch von Ironie bis Sarkasmus wie bei der Beschreibung guter Luft am Bosporus mit dem Aroma von „Gewürzen, Fisch und Abgasen“ oder den Tränen auf dem Taksim-Platz – nicht der Rührung wegen, sondern dank Tränengasreizen. Doch schließlich kamen die beiden Spaßmacher nach allen Reibereien gesanglich doch zu dem versöhnlichen Schluss „…es geht nicht ohne EU“.