Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Erst Afrika, dann Neustadt

Paul Kirchmer
Paul Kirchmer

Paul Kirchmer schloss die Ausbildung zum Bauzeichner in Neustadt als einer der Besten in Rheinland-Pfalz ab. Zu seinem Beruf ist der 22-Jährige über Umwege gekommen. Doch das hat sich gelohnt.

Für seine Großmutter stand schon früh fest: „Du wirst mal Ingenieur.“ Denn Paul Kirchmer hat als Kind viel mit Lego gespielt. Studieren wollte er dann Maschinenbau, belegte in der Schule deshalb den Physikleistungskurs. „Aber das lief nicht so gut“, wie er erzählt. Deshalb bewarb er sich nach dem Abitur 2018 bei der Polizei. Allerdings eher halbherzig, weshalb er am Ende froh über die Absage war.

Im Arbeitsamt Landau bekam er dann den Tipp, eine Ausbildung als Bauzeichner anzufangen. „Davon hatte ich vorher noch nicht gehört.“ Aufklären konnte ihn eine Nachbarin, die in einem Ingenieurbüro arbeitet. Weil es für eine Bewerbung in 2018 schon zu spät war, jobbte der junger Hainfelder bei einem Hausmeisterservice in seinem Heimatort und arbeitete zwei Monate in Ghana bei einem Hilfsprojekt der Organisation Rainbow Garden Village mit.

Auch mal unterrichtet

Dabei ging es um Plastikrecycling, da in Ghana, aber auch in anderen afrikanischen Ländern kaum Müll getrennt wird. Das hat den Volleyballer Kirchmer auch deshalb interessiert, weil aus dem gesammelten Plastik Volleyballnetze, Basketballkörbe und Fußballtore entstehen sollten. Weil sich aber außer ihm niemand sonst gemeldet hatte, wurde er schließlich als Hilfslehrer in eine ghanaische Schule geschickt – und hat dort eine Klasse sogar zwei Wochen allein unterrichtet, als der Lehrer krank wurde. „Eine Woche habe ich dann aber doch noch zusammen mit Kindern Plastik recycelt und ihnen erklärt, warum so viel Kunststoff in der Umwelt schädlich ist.“

Im Winter 2018 bewarb er sich dann um eine Stelle als Bauzeichner. Sein Favorit: das Ingenieurbüro ipr Consulting Pappon und Riedel mbH in Neustadt, wo auch die Nachbarin arbeitete. Pappon und Riedel beschäftigen sich mit Wasser- und Straßenbau, also mit Tiefbau. „Der ist abwechslungsreicher als Hoch- oder Landschaftsbau“, sagt Kirchmer. Deswegen sei die ipr Consulting seine erste Wahl gewesen. Geklappt hatte es dann auf Anhieb.

Mit Ortsterminen

Sein erstes eigenes Projekt sei ein Gullyschacht gewesen: „Man muss darauf achten, wie hoch der Schacht sein soll und in welchem Winkel die Straße verläuft.“ Erfahrene Bauzeichner würden solch eine Aufgabe in einem halben Tag lösen, er habe ein bis zwei Tage gebraucht, erzählt der 22-Jährige. Die Zeichnungen werden zweidimensional angefertigt, manchmal wird das Objekt auch von mehreren Seiten abgebildet. „Anders als bei Gebäuden muss die Zeichnung im Tiefbau ja nicht schön aussehen, sondern Informationen liefern.“

Eine größere Aufgabe sei der Entwurf einer Fischtreppe für die Wingertsmühle in Dudenhofen gewesen. Die Fische können dann den Fluss „hinaufschwimmen“, um zu ihren alten Laichplätzen zu gelangen. Dabei waren auch Ortstermine angesagt. Ein Bauzeichner verbringe seine Zeit also nicht nur im Büro, sondern auch mal auf der Baustelle, erzählt Kirchmer. An diesem Großprojekt hat er größtenteils allein gearbeitet, seine Ausbilderin sei aber immer ansprechbar gewesen.

Und jetzt studieren

Nach zwei Jahren Ausbildung standen die theoretische und praktische Prüfung an. Bei der Theorie hatte sich der 22-Jährige mehr Erfolg erhofft. Dafür aber sicherte er sich in der Praxis und der mündlichen Prüfung eine Eins. Und am Ende war er der Beste seiner Klasse und einer der besten im Ausbildungsjahrgang in Rheinland-Pfalz.

Jetzt wohnt Paul Kirchmer in Darmstadt und studiert Bauingenieurwesen – die Oma hatte also doch Recht gehabt. Erst ein sicherer Beruf, dann ein Studium sei für ihn der beste Weg gewesen, so der junge Mann. Sein Chef hätte ihn gerne behalten. Kirchmer kann sich zwar gut vorstellen, „wieder in das Büro zurückzugehen“. Erst einmal will er aber sein Leben etwas weiter weg von Zuhause genießen. Und einen Zukunftstraum hat er auch: Vielleicht eines Tages mit „Ärzte ohne Grenzen“ als Ingenieur nach Afrika zu gehen, um den Leuten dort zu helfen. „Seit ich in Afrika war, ist die Möglichkeit viel realer geworden.“

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