Elmstein
Er und Kaminski: Ulrich Loschky bewährt sich einmal mehr als musikhistorischer Schatzsucher
Den Initialfunken, so erzählt Ulrich Loschky beim Lokaltermin in seinem Heimatort Elmstein, zündete ein unerwarteter Fund: 2015 tauchte bei Nachfahren von Maria Marc, der Witwe des Blaue-Reiter-Malers Franz Marc, bei Aufräumarbeiten ein Karton mit Orchesterstimmen auf, einer dreisätzigen „Suite für großes Orchester“. In Teilen gar handelte es sich um Autographe ihres Schöpfers Heinrich Kaminski (1886 bis 1946), dessen zuvor glänzender Stern im Dunkel der Nazi-Diktatur versank und im hilflos restaurativen Kulturbetrieb der Nachkriegszeit lange unerkannt blieb.
Den von den Nazis verfemten Komponisten zu ihrem Recht zu verhelfen, ist Loschky ein Herzensanliegen
Für Ulrich Loschky, vor dem Eintritt in den Ruhestand Schulmusiker und im Nebenamt langjähriger Kantor an der Neustadter Stiftskirche, ist das reiche Œuvre des unter den Nazis verfemten Komponisten seit Jahrzehnten Herzenssache. Wie er sich musikwissenschaftlich überhaupt mit dem teils verschollenen kirchenmusikalischen Erbe der von den braunen Machthabern geschmähten Komponisten auseinandersetzt. Und jetzt will er als Herausgeber einer kritisch edierten Ausgabe des knapp 40-minütigen sinfonischen Werks der während der letzten Jahre deutlich erkennbaren Kaminski-Renaissance einen starken Impuls geben.
„Kaum ein halbwegs fähiger Kirchenchor, der nicht Kaminskis Vertonung von Psalm 130, ,Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu Dir’, in seinem Repertoire führt“, erklärt er. „Rasch Lieblingsstück der jeweils Ausführenden, schwer und gleichzeitig suggestiv fesselnd – Kaminski komponierte es 1912, ein Frühwerk also. Aber es vereint in drei A-cappella-Chorsätze bereits den komplexen Kaminski’schen Kosmos.“ Jenseits dieses einen Werks freilich sei seine vielgestaltige Arbeit wenig präsent.
Bei den Nazis war Kaminski als „Vierteljude“ verpönt
Biografischer Exkurs: Heinrich Kaminski, 1886 im badischen Tiengen als fünftes Kind eines altkatholischen Pfarrers geboren, eines Konvertiten mit ostjüdischer Mutter, begann nach dem Abitur zunächst eine Banklehre. Sein musikalisches Talent entdeckte, eher zufällig, die vermögende Hamburger Mäzenatin Martha Warburg. Sie ermöglichte ihm ein Musikstudium. Erfolge als Komponist stellten sich rasch ein. Nach einem Umweg über München, wo seine Werke unter anderem von Bruno Walter uraufgeführt wurden, erhielt er später eine Professur an der Preußischen Akademie der Künste in Berlin. Zwei seiner bedeutenden Schüler dort waren Carl Orff und Reinhardt Schwarz-Schilling, der Vater des späteren Bundespostministers.
Heimat und ideale Arbeitsbedingungen fand der Tondichter nach dem Ersten Weltkrieg, gemeinsam mit seiner Familie, im oberbayerischen Ried, in der einstigen Maler-Klause seines gefallen Freundes Franz Marc. Kammermusiken entstehen, Orchesterwerke, eine Oper und eine Vielzahl von Chorwerken und Liedern. Von dem „Neutöner“ Arnold Schönberg geschätzt und protegiert und mit Aufführungen seiner Werke in den Musikzentren Europas bedacht, tolerierte auch der NS-Staat den Komponisten zu Anfang.
Die Orchester-Suite entstand in Kaminskis Berliner Studienzeit
Bei einer Überprüfung durch das Reichssippenamt 1938 allerdings wird er zunächst als „Halbjude“, 1941 dann als „Vierteljude“ eingestuft. Seine Werke dürfen im Zusammenhang mit Veranstaltungen der NSDAP und ihrer Verbände innerhalb Deutschlands nicht mehr aufgeführt werden, was faktisch einem Aufführungsverbot gleichkam. Kaminski flüchtet zunächst in die Schweiz, vor allem aber in die innere Emigration, zieht sich in den reinen Schaffensprozess zurück. Dessen Herzstück ist die Kirchenmusik. Er stirbt 1946, knapp 60-jährig, krank, erschöpft und ausgebrannt durch die Kriegsjahre. Nach 1945 bleibt er lange ein „verschollener Komponist“, so der musikwissenschaftliche Kolumnist Heinz-Klaus Metzger in einer Rundfunk-Rede zu Kaminskis 100. Geburtstag 1986.
Loschkys mehrjährige Recherche-Arbeit zu dem vermutlich zwischen 1909 und 1914 entstandenen Orchesterwerk – das legen Handschriftenvergleiche mit datierbaren Autographen nahe – führten ihn vor allem in die Bayerische Staatsbibliothek München, die einen Großteil des Kaminski-Nachlasses beherbergt. Und deren Materialien – Autographe und Kopistenhandschriften – die Grundlage der Edition bilden. Eine weitere Kopisten-Partitur stellte die Zentralbibliothek Zürich zur Verfügung. Aber beispielsweise auch die Pennsylvania University trug Erhellendes bei. Sie beherbergt in ihrem Archiv deutschstämmiger NS-Dissidenten Briefe der Gustav-Mahler-Witwe Alma, die auf eine Korrespondenz von 1916 im Zusammenhang mit möglichen Aufführungen in Wien hinweisen.
Der Komponist sah seine Suite später recht kritisch
Kaminski selbst stand dem Werk, dessen Satzbezeichnungen – „Prolog zur Edda“, „Waldeinsamkeit“, und „Lami und Fâla“ – auf einen mythologischen Kontext verweisen, gleichzeitig aber auch christliche Elemente aufleuchten lassen, später ob seiner „sträusselnden“ Programmatik, wie er es nannte, kritisch gegenüber. Gleichwohl: Es erweist sich beim ersten Hören als ein ebenso machtvolles wie sensibles und auch hintergründiges Stück querständiger Sinfonik. Loschkys editorische Kleinarbeit indes trug immerhin bereits 2019 erste Früchte. Das „Musikkollegium Winterthur“, ein höchst anspruchsvolles Profi-Ensemble, brachte die Suite für großes Orchester zur Uraufführung, auf der Grundlage der handschriftlich durch Loschky redigierten Stimmen und seiner Anmerkungen, die auf fundierter Quellenkunde und dem exegetischen Gespür des versierten Musikers beruhen. „Zuweilen dünnes Eis“, wie er zugibt, „aber ein wenig Mysterium darf ruhig bleiben“.
Auch zu den Femezeiten gab es übrigens stets Mutige, die Kaminskis Werk ungeachtet drohender Restriktionen öffentlich machten. Und nach dem Krieg haben sich bedeutende Protagonisten am Pult wie Wilhelm Furtwängler und Sergio Celibidache nachdrücklich für Kaminskis Schaffen eingesetzt. Bezüge zur Pfalz finden sich dabei ebenfalls: Ungeachtet des Verdikts führten Pfarrer Imo Schäfer und Adolf Graf, erster Landeskirchenmusikdirektor nach dem Krieg, in der Speyerer Dreifaltigkeitskirche noch 1943 Hugo Distler und Heinrich Kaminski konzertant auf. Viel später hob das junge Neustadter „Mandelring Quartett“ in einer seiner ersten Schallplatten – heute leider nicht mehr erhältlich – Kaminskis F-Dur Streichquartett aufs Panier.
Familiäre Spuren führen auch in die Pfalz
Die familiengeschichtliche Spur wiederum führt nach Annweiler, wo Heinrich Kaminskis Bruder Arthur, Pfarrer der Altkatholischen Gemeinde Landau, begraben liegt. Der Großneffe des Komponisten wiederum, Manfred Peters, der in Weisenheim am Sand beheimatete ehemaliger Leiter der legendären AG Neue Musik am Grünstadter Gymnasium, hatte 2016 zum 130. Geburtstag des „tonalen Avantgardisten“ ein illustres international besetztes Podium in Speyer versammelt als Teil der „Dommusiktage“, die allein dem Werk Heinrich Kaminskis gewidmet waren.
Loschky editorische Arbeit ist derweil abgeschlossen und steht digital – mit Unterstützung des Berliner Notensetzers Ingo Weber - zur Verfügung. Ein Mitschnitt der Aufführung in Winterthur könnte zusätzlich Überzeugungsarbeit leisten. Denn jetzt muss ein Verlag gefunden werden, sollte das hochkomplexe, aber äußerst wirkungsvolle sinfonische Kleinod im Anschluss endlich aufs Konzertpodium – warum nicht der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz zum Beispiel? Die sich mehrfach schon auf vergleichsweisem Terrain verdient gemacht hat, wie Loschky sinniert. Auch die Stadt Waldshut-Tiengen am Hochrhein, wo die Heinrich-Kaminski-Gesellschaft gerade einen mit 10.000 Euro dotierten Preis für ihr Engagement um den großen Sohn der Stadt erhalten hat, sieht der editorischen Gestaltwerdung der Orchester-Suite nach mehr als 100 Jahren mit großer Spannung entgegen.