Neustadt Entscheider gesucht

Spitze Zunge und viel Grips: Ramon Chormann.
Spitze Zunge und viel Grips: Ramon Chormann.

«DEIDESHEIM.» Viel Gelächter, aber auch sehr nachdenkliche Stimmung bescherte am Freitagabend in der voll besetzten Stadthalle „Paradiesgarten“ der Kabarettist Ramon Chormann. In seinem neuem Tourprogramm „... oder sunscht was!“ befasst er sich mit einem unausweichlichen, oft sehr lästigen Bestandteil des menschlichen Lebens, den Entscheidungen.

Die erste Entscheidung legt Ramon Chormann seinem Publikum an diesem Abend förmlich in den Schoß: Sollen wir ihn begrüßen? Sollen wir ihn laut oder leise begrüßen? Sollen wir auch klatschen? Wenn ja, dann zurückhaltend oder voller Begeisterung? Die Antworten fordert Chormann noch bevor er auf der Bühne erscheint heraus. Für das Publikum noch unsichtbar, kündigt er „das nagelneue Programm“ an und greift im selben Atemzug schon mal voraus, dass „das begeisterte Publikum“ den Künstler „mit einem tosenden Applaus“ begrüßt. Eine Voraussage, die sich innerhalb von Sekunden erfüllt. Im gepflegten dunklen Anzug mit weißem Hemd und rotem Einstecktuch beginnt er seine Wanderschaft auf der Bühne. Schreitet von links nach rechts und wieder zurück, wandert dabei in gepflegtem Pfälzisch von einem Thema zum anderen. Eine seiner Kernaussagen stellt er gleich an den Anfang: Das Wichtigste ist, „dass mer net bleed is“, ist einer krank, besteht immerhin noch Aussicht auf Besserung. Und „bleed“ sollte das Publikum tatsächlich nicht sein, denn Ramon Chormann in seinen Ausführungen zu folgen, erfordert in aller Regel eine schnelle Auffassungsgabe – egal ob er anfangs in rasantem Tempo durch die aktuellste Weltpolitik eilt, dazwischen zwei zu spät gekommene Besucherinnen begrüßt, ein paar Worte über die Leistungen des FCK verliert, um dann zu dem Schluss zu kommen, dass sich die Deutschen ständig über etwas aufregen, „getan wird nichts“. Er wünscht sich mehr Zivilcourage. Und mehr Tempo. Der Mangel an Entscheidungsfreudigkeit, eine sich über Monate hinschleppende Regierungsbildung ist für ihn „ein Trauerspiel“ und „eine Schande für das Bild von Deutschland in der ganzen Welt“. Dabei verfolgt das Thema Entscheidungen den Menschen doch von morgens bis abends, Tag für Tag, sein Leben lang. Und das Schlimmste: Eine Entscheidung folgt der anderen. Ramon Chormann spielt Miniaturszenen durch, reißt Themen an. Im Publikum folgt eine Lachsalve der anderen. Dabei beruhen seine Witze und Einfälle in den allermeisten Fällen auf Fakten und genauer Beobachtung. Diese Trümpfe spielt er aus, wenn er sich mit Trends auseinandersetzt, zum Beispiel dem unsinnigen Basteltipp „Machen Sie mal was mit Paletten“ im Baumarkt. Oder mit Schwerpunkten im Bildungswesen, wo die elterliche Entscheidung zwischen dem G8- oder G9-Gymnasium fällt und andere Möglichkeiten kaum mehr in Betracht gezogen werden. Damals hätten noch die Lehrer Empfehlungen ausgesprochen. Nein, für ihn nicht, „ich war bleed“. „Nein, der Chormann hat kein Abitur“, setzt er drauf, „aber er ist trotzdem was geworden“, ist studierter Kirchenmusiker, war Amtsleiter der Verbandsgemeindeverwaltung in Kirchheimbolanden und nennt inzwischen zwei Theater sein Eigen. Mit spitzer Zunge und sehr viel Grips geißelt er Missstände in der Weltpolitik ebenso wie solche im kleinen Umfeld, fordert, politisch hoch engagiert, „mehr Courage“, Grenzen zu setzen und zu sagen „jetzt reicht’s“, egal ob es sich um Forderungen nach Waffenlieferungen, um Inhaftierungen etwa in der Türkei, das Gerangel um die Energiewende oder um den Umgang mit dem Nachwuchs handelt. „Wir können mehr als rumzujammern.“ Und das gelte es zu zeigen, denn „es gehen gerade Werte verloren“, die vielleicht schon bald unwiederbringlich dahin sind. Dieses Statement unterstützt er gekonnt mit Liedern am Klavier. Da plädiert er mit romantischen Klängen unter anderem für die Entscheidung „für Lachen, für Liebe und Freud“ und mahnt eindringlich „Deutschland, du kannst doch mehr“, „mehr als jammern und nölen“, dem Geld nachzulaufen und Waffen zu verkaufen. Da ist das Publikum ganz still, bevor es wieder tosenden Beifall spendet.

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