Neustadt
Emil Steinberger – ein Lausbub von 92 Jahren
Man kann sich dem Charme dieses Mannes unmöglich entziehen: Emil Steinberger, von seinen Fans einfach Emil genannt, hat auch mit 92 Jahren immer noch den Schalk im Nacken und besticht durch seine Lebensfreude und seinen Esprit, seine Authentizität und Spitzbübigkeit. Davon konnte sich am Mittwoch auch das Publikum im Neustadter Roxy-Kino hautnah überzeugen.
Die Schweizer Kabarettlegende, die auch in Deutschland jeder kennt, der in den 70er oder 80er Jahren schon vor dem Fernseher saß, war mit Ehefrau Niccel auf seiner aktuellen Kinotour an die Weinstraße gekommen – um „Typisch Emil – Vom Loslassen und Neuanfangen“ zu promoten, einen Dokumentarfilm, der mit viel archivalischem, aber auch neuem Material auf sehr sympathische Weise das Leben und Werk des 1933 in Luzern geborenen Künstlers durchmisst, der mit seinem feinsinnigen Humor ganze Generationen begeisterte.
Von Allüren keine Spur
Roxy-Chef Michael Kaltenegger hatte den Film an diesem Tag in drei Vorstellungen angesetzt, zwei davon waren ausverkauft, die dritte aber gleichfalls noch gut besucht – trotz hochsommerlicher Temperaturen draußen, woran sich zeigt, wie populär Steinberger auch hierzulande bis heute ist. Und dabei so bescheiden, so umgänglich, dass es sofort einnimmt. Von Allüren keine Spur. So nimmt er auch, bevor er zum Einführungsgespräch mit Kaltenegger vor die Leinwand tritt, erst noch in Reihe 6 Platz, um mit seinem alten Freund Paul Tremmel zu sprechen. Der etwa gleichaltrige Pfälzer Mundartdichter aus Forst schickt dem Schweizer, wie er erklärt, bis heute jedes Jahr ein Gedicht zum Geburtstag, und „Emil“ lobt die Künste des Freundes über alle Maßen. Das hat Gewicht, er ist schließlich selbst ein Meister der Sprache und ihrer Nuancen.
Dabei sollte ein Kabarettist es aber nicht bewenden lassen, erklärt er im Anschluss im Gespräch mit Kaltenegger. Auch die Mimik, die Körpersprache sind Pfunde, mit denen sich wuchern lässt. In den zahlreichen Kult-Sketchen, von denen danach auch einige im Film zu sehen sind, kann man feststellen, wie gut er darin ist. Wer erinnert sich nicht an den überforderten Postbeamten, den gelangweilten Polizeiwachtmeister bei der Nachtschicht oder den stolzen Tutututu-Vater mit dem Kinderwagen?
Hält Humor jung?
Die Post ist dabei ein wichtiges Stichwort, denn Steinberger, der aus einer völlig unkünstlerischen Familie stammte, war selbst neun Jahre lang Postbeamter – bevor er diese Karriere sehr zum Leidwesen seiner Eltern mit 27 hinschmiss, um sich fortan ganz seiner kreativen Seite zu widmen. Wie er diese Befreiung schildert, welches Strahlen ihm im Gesicht steht, wenn er mit seiner für die Deutschen so drolligen Schweizer Sprechmelodie berichtet, wie erleichtert er darüber war, sich nicht mehr wegen Fehlerbeträgen im Cent-Bereich den Feierabend um die Ohren schlagen zu müssen – „denn diesen Fehler, den musste man finden“ –, dann fliegen ihm vollends die Herzen zu.
Hält Humor jung? Diese Frage drängt sich geradezu auf. Am Anfang des Films, an dem er und Niccel selbst maßgeblich mitgewirkt haben, sieht man ihn durch ein Parkhaus sprinten. Auch im Roxy legt er eine Quicklebendigkeit an den Tag, die bei jemandem in diesem Alter schon erstaunt. Wie fit er auch noch im Kopf ist, beweist ein Einspieler von den „Swiss Comedy Awards“, wo „Emil“ 2022 mit einem Preis für sein Lebenswerk geehrt wurde. Bei der Dankesrede tritt er tattrig ans Mikrofon und präsentiert sich in bedenklicher geistiger Verfassung, nur um nach einigen peinigenden Sekunden ein lebensfrohes „Nein, mir geht es gut!“ in den Raum zu werfen. Er ist ein Schelm, und er bleibt es.
Die Liebe und die Freude an dem, was man tut
Was der Film auch zeigt – aber ebenso das Live-Gespräch zuvor: Mit seiner stolze 32 Jahre jüngeren Ehefrau Niccel, trotz perfekter Schweizerismen ursprünglich eine Deutsche aus Nordrhein-Westfalen, verbindet Emil eine geradezu symbiotische Beziehung. „Typisch Emil“ sei in gewisser Weise auch ein Liebesfilm, hatte Michael Kaltenegger bei der Einführung gesagt. Recht hat er. Es berührt sehr, wenn man sieht, wie innig das Paar, das in den 1990er Jahren in New York zueinander fand, auch nach über einem Vierteljahrhundert Ehe noch interagiert. „Ich habe Glück gehabt in vielen Berufen“, sagt Emil Steinberger dazu, „aber dieses Glück ist das größte“. Und tätschelt Niccels Hand. Es ist also vielleicht doch nicht nur der Humor, der vor dem Altern bewahrt, sondern auch die Liebe sowie als Drittes die Freude an dem, was man tut. Im Film nennt Steinberger aber auch noch ein ganz simples Rezept: beim eigenen Alter einfach die Zahl vergessen und voller Optimismus immer weitermachen. Auf Schweizerisch heißt das: „Es geht witt’r.“