Neustadt
Eltern gründen christliche Privatschule: „Wir sind keine Sekte“
„Eine Schule aufzubauen, ist viel Arbeit. Wir haben es gewagt“, sagt Judith Dreier, Vorstandsvorsitzende des Trägervereins der Christlichen Schule Vorderpfalz. „Wir haben uns zuvor Gedanken gemacht, was wir uns für unsere Kinder wünschen, und sogar einen Umzug erwogen.“ Doch dann finden sie über Veranstaltungen und eine Whatsapp-Gruppe andere Eltern, denen es ähnlich geht. Aus einer Elterninitiative heraus haben Dreier und sieben andere die Bekenntnisschule in Neustadt gegründet. „Wir sind gläubig und haben ein evangelisches Bekenntnis gewählt. Wir gehören aber keiner Gemeinde an und geben weder Lehrern noch Schülern vor, was sie zu glauben haben. Davon halten wir nichts. Wir sind in erster Linie Bildungseinrichtung, keine Bibelschule.“
Im Schuljahr 2024/25 startete die Christliche Schule Vorderpfalz offiziell als Realschule Plus, mangels passender Räume aber noch nicht in Neustadt. Dreier fährt die sieben Fünftklässler aus dem Raum Neustadt, Speyer und Landau – darunter eine ihrer Töchter – jeden Morgen mit dem Auto von Lachen-Speyerdorf nach Ludwigshafen zur Schule. „Die Lukas-Schule dort hat uns Platz gemacht, sonst hätten wir gar nicht starten können.“
Räume in Neustadt gesucht
In Neustadt sei man wegen zwei möglicher Standorte im Gespräch, sagt Dreier, zumindest für die ersten drei Jahre bis zur Anerkennung vom Land – bis finanzielle Unterstützung fließt und der Verein mehr wirtschaftliche Möglichkeiten hat. „Die Anforderungen an Schulgebäude sind groß, ab den höheren Klassen brauchen wir zusätzlich Fachräume.“ Es werden weiter Lehrkräfte gesucht, das Interesse ist Dreier zufolge „beachtlich“, obwohl die Schulsituation in der Gründungsphase unsicher sei.
Die Christliche Schule Vorderpfalz ist vom Land zugelassen als private Realschule Plus mit Leistungsdifferenzierung auf drei Stufen. Bisher sind zwei Lehrerinnen Teil des Teams, eine war von Anfang an im Trägerverein dabei, die andere hat laut Dreier sogar ihren Beamtenstatus ruhen lassen, um die Schule mit aufzubauen. „Wir sind keine Sekte, keine Gemeinde, sondern eine Elterninitiative, die unser Geld, unsere Zeit und unser Herzblut in diese Schule steckt.“
Kritik an Schulsystem
Dreier ist gelernte Erzieherin und war schon als Inklusionshelferin an einer Grundschule tätig. Die Schule führt sie mit ihrem Verein ehrenamtlich. Für das Engagement habe „jeder seinen eigenen Grund“, erklärt Dreier, die mit Regelschulen zwar keine schlechten Erfahrungen gemacht hat, aber das Schulsystem als zu unflexibel und starr, die Klassen als zu groß empfindet. Das Konzept der Bekenntnisschule sieht Klassen mit maximal 21 bis 22 Schülern vor, der „Richtwert“ liegt laut Dreier bei 17. „Das ist wichtig für ein gutes Schulangebot.“ Die Zeugnisbewertung orientiert sich an Realschulstandards. Ein Beiblatt ergänzt die tatsächlich erbrachte Leistung samt Niveaustufen. So soll der Übergang in ein reguläres Gymnasium, falls nach Klasse 10 gewünscht, leichter sein.
Der Schulbesuch kostet gestaffelt nach Einkommen der Eltern zwischen 80 und 250 Euro monatlich. Allein über die Gebühren schreibe die Schule keine schwarzen Zahlen, räumt Dreier ein. Man sei auf Spenden angewiesen „von vielen Privatpersonen, die einen hohen Wert im Angebot sehen“. Zudem sei die Schule gut mit anderen Privatschulen vernetzt, man lerne durch die Erfahrungen anderer dazu. „Eine Privatschule soll einen Unterschied machen“, meint Dreier, „die positiven Aspekte unseres Glaubens, die Hoffnung für die Zukunft und Vertrauen in Gott und das Leben: Das wollen wir den Kindern mitgeben.“
Bibel neben Wissenschaft
Zu ihnen kommen die Kinder laut Dreier gerne, in staatlichen Schulen habe sie das oft anders mitbekommen. „Eltern treffen die Entscheidung für eine Privatschule bewusst. Die Kinder haben spürbar eine andere Einstellung zu lernen, sind kooperationsbereiter.“ Im Schulkonzept ist von Autorität die Rede. Dreier erklärt, es sei gemeint, dass die Kinder „lernen, in Grenzen zu laufen und diese zu achten“, sagt Dreier. Das sei wichtig, um später selbst Autorität zu sein – für sie ein positiver Begriff. „Wir fordern Respekt ein, bringen den Kindern aber auch Respekt entgegen.“
Der Schulalltag solle „vom Bekenntnis durchdrungen“ sein. Gott sei als Schöpfer in allen Dingen zu finden. Der Lehrplan sei aber der gleiche wie an Regelschulen, ebenso wie die Lehrbücher. Gehe es in Biologie etwa um die Evolution, werde im biblischen Unterricht, der den regulären Religionsunterricht ersetzt, geschaut, was dazu in der Bibel steht. „Uns geht es um Bildung, dass man sich mit Aufbau, Ursprüngen und Personen in der Bibel auseinandersetzt, aber auch wissenschaftliche Erkenntnisse erlernt. Wir sind mit der Schulgründung eine Verpflichtung eingegangen, die wir ernst nehmen. Die Schüler sollen fit für Abi und Studium, fit fürs Leben sein und nicht in einer Blase aufwachsen.“
Man stehe im ständigen Austausch mit dem Bildungsministerium, was die Umsetzung angehe. Geplant sei, jedes Jahr zwei fünfte Klassen dazuzunehmen und neue Lehrkräfte einzustellen, „die unser Portfolio ergänzen“, sagt Dreier.
Zur Sache
Artikel 7 des Grundgesetzes garantiert das Recht, private Schulen zu gründen. Laut Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) gibt es in Rheinland-Pfalz im Schuljahr 2024/2025 sechs christliche, 16 evangelische und 68 katholische Bekenntnisschulen. Die Gründung besteht aus einem mehrjährigen Prozess mit hohen rechtlichen und finanziellen Hürden. Der Träger ist für Finanzierung, Organisation und die Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben verantwortlich.
Die Elterninitiative hinter der Christlichen Schule Vorderpfalz musste einen Trägerverein gründen und unter anderem ein Konzept über die pädagogische Ausrichtung, den christlichen Bekenntnisbezug, die geplanten Klassenstufen und die Einhaltung staatlicher Bildungsstandards bei der ADD vorlegen und genehmigen lassen. „Bei Grund- und Hauptschulen sowie Realschulen plus, die als Bekenntnis- oder Weltanschauungsschulen errichtet werden sollen, muss sichergestellt sein, dass der Besuch einer öffentlichen Schule mit den gleichen Anforderungen in zumutbarer Entfernung möglich ist“, erklärt die ADD auf Anfrage.
Bekenntnisschulen dürfen den Unterricht auf bestimmte religiöse Weltanschauungen ausrichten und zum Beispiel eine christliche Grundhaltung erwarten, aber niemanden allein wegen einer anderen Konfession oder Konfessionslosigkeit ausschließen. Lehrpläne, Prüfungen und Abschlüsse müssen mit staatlichen Vorgaben vereinbar sein und Lehrkräfte die gleiche fachliche Qualifikation nachweisen wie an Regelschulen. In den ersten drei Jahren nach Gründung fließen keine staatlichen Gelder, Privatschulen müssen ihre Kosten durch Schulgeld oder Spenden finanzieren. In dieser Zeit prüft die ADD bereits regelmäßig, ob die staatlichen Anforderungen erfüllt werden. „Ersatzschulen in freier Trägerschaft unterstehen wie die öffentlichen Schulen der staatlichen Schulaufsicht und werden wie diese durch Schulbesuche, Beratungsgespräche und andere Maßnahmen begleitet, aber auch kontrolliert. “
Wird die Schule nach der Gründungsphase anerkannt, darf sie laut ADD kein Schulgeld oder sonstige Entgelte erheben und muss auf gemeinnütziger Basis arbeiten, wenn sie staatliche Förderung will. Zudem muss der Schulträger jährlich Nachweise vorlegen, etwa über die Beschäftigten, die Klassenbildung und die Unterrichtsorganisation. Bei erheblichen Mängeln kann die Genehmigung wieder entzogen werden.