Hassloch RHEINPFALZ Plus Artikel Eltern am Limit: Pfälzer Initiative will Familien entlasten

Herausforderndes Verhalten wird sehr unterschiedlich erlebt und bedeutet für jede Familie etwas anderes.
Herausforderndes Verhalten wird sehr unterschiedlich erlebt und bedeutet für jede Familie etwas anderes.

Schon kleine Alltagssituationen können Familien an ihre Grenzen bringen. Die Initiative Löweneltern will entlasten, den Austausch stärken und neue Impulse geben.

Nach dem Kindergarten das Kind abholen, auf dem Heimweg noch schnell in den Supermarkt. Was nach einem ganz gewöhnlichen Alltagsmoment klingt, kann für Eltern schnell zur Zerreißprobe werden. Zu viele Reize, lange Schlangen, laute Geräusche, grelle Verpackungen. Das Kind greift nach Süßigkeiten, quengelt, ist überfordert, beginnt zu schreien und lässt sich kaum noch beruhigen.

Sabrina Gewalt aus Haßloch kennt solche Momente nur zu gut. Und sie kennt auch die Reaktionen der anderen, die fast genauso belastend seien wie die Situation selbst: die Blicke, das stille Urteil, den Druck, als Mutter funktionieren zu müssen. „Man hat dann schnell das Gefühl, man wird bewertet, weil man sein Kind nicht im Griff hat“, sagt die alleinerziehende berufstätige Mutter eines fünfjährigen Sohnes. Lange Zeit habe sie sich gefragt: „Wie kann es sein, dass alle das hinbekommen und nur ich diese Probleme habe?“

Heute wisse sie, dass sie mit solchen Gedanken nicht allein ist. Viele Eltern erlebten ähnliche Situationen, sagt Gewalt. Nur gesprochen werde darüber viel zu selten. „Ich habe das Gefühl, dass das oft noch ein Tabuthema ist, das nicht nach außen getragen werden soll.“ Umso wichtiger seien Räume, in denen all das ausgesprochen werden dürfe, ohne schiefe Blicke, ohne schnelle Ratschläge, ohne das Gefühl, sich erklären zu müssen.

Angebot nicht nur für Eltern

Einen solchen Ort hat Gewalt bei den Löweneltern gefunden, einer Initiative für Eltern und Angehörige von Kindern mit herausforderndem Verhalten. Seit August vergangenen Jahres gibt es das Angebot der Lebenshilfe Neustadt in den Räumen der integrativen Tagesstätte Kita Buntspechte in Haßloch. Willkommen sind dort nicht nur Mütter und Väter, sondern alle, die ein Kind mit herausforderndem Verhalten begleiten, erklärt Sandra Weinerth, Kita-Leiterin, Heilpädagogin und eine der Initiatorinnen. Dazu zählten etwa auch Großeltern, Tanten, Integrationskräfte und andere enge Bezugspersonen. Ob das Kind die Kita besucht oder nicht, spiele dabei keine Rolle.

Der Kessel ist bei den Treffen der Löweneltern Symbol und Anker zugleich. Immer mit dabei sind (von links): Jasmin Maurus, Marle
Der Kessel ist bei den Treffen der Löweneltern Symbol und Anker zugleich. Immer mit dabei sind (von links): Jasmin Maurus, Marlene Oetzel, Sabrina Gewalt und Sandra Weinerth.

„Wir sind keine Selbsthilfegruppe, es ist total locker“, betont Weinerth. Niemand müsse etwas erzählen und sich zu einer regelmäßigen Teilnahme verpflichten. Wer sprechen möchte, könne sprechen. Wer erst einmal nur zuhören wolle, sei genauso willkommen. Das Team bereite zwar immer ein Thema vor, „meistens passiert das aber ganz natürlich, dass sich ein Thema herauskristallisiert.“ Und ganz oft gehe es auch einfach nur darum, die Dinge mal auszusprechen und sich danach leichter zu fühlen. Und um die Erkenntnis: Ich bin nicht alleine mit meinen Problemen.

Offener Rahmen für Austausch

Entstanden sei die Idee aus dem eigenen Erleben heraus. „Ich habe auch ein Kind mit herausforderndem Verhalten“, sagt Weinerth. Weil sie selbst einen Mangel an Anlaufstellen festgestellt hat, habe sie gemeinsam mit ihren Kolleginnen Jasmin Maurus und Marlene Oetzel ein Konzept erarbeitet, das vor allem entlasten und Impulse zur Selbstfürsorge geben soll. „Es ist ein offener Rahmen. Die Kinder müssen keine Diagnose haben“, betont Weinerth. Denn was überhaupt als herausfordernd erlebt wird, sei von Familie zu Familie verschieden, sagt Jasmin Maurus aus dem Team der Löweneltern. Für die einen beginne der Stress schon am Morgen, wenn das Kind nicht aus dem Bett komme. Für andere werde das Essen jeden Tag aufs Neue zum Kraftakt. Oft seien es keine großen Dramen, sondern die kleinen, zermürbenden Momente, die Familien an ihre Grenzen brächten.

Genau dort setzt die Gruppe an. Es gehe nicht um Patentrezepte, sondern um alltagstaugliche Impulse, um Werkzeuge, die spürbar entlasten können. „Manchmal können das schon kleine Veränderungen im Ablauf sein, mehr Vorhersehbarkeit im Alltag, auf die sich auch das Kind einlassen kann“, sagt Maurus. Dabei erlebten sie immer wieder, wie stark das Handeln vieler Mütter von Glaubenssätzen geprägt sei. Sätze wie, dass alle am Tisch sitzen bleiben müssten, bis alle aufgegessen haben, oder dass Kinder immer brav und leise sein müssten, prägten sich ein und führten dazu, dass viele an gesellschaftlichen Erwartungshaltungen festhielten. „Kinder sind nicht immer brav und leise und das sollen sie auch nicht sein. Es ist wichtig, dass Eltern lernen, den Weg zu gehen, der für sie und ihr Kind der richtige ist“, sagt Maurus.

Teekessel als Symbol

Als Sabrina Gewalt von den Löweneltern hörte, war sie sofort interessiert. Seitdem hat sie kein Treffen verpasst. Aus den Gesprächen habe sie bereits viele Impulse mitgenommen, die ihren Alltag spürbar erleichtern. Besonders wichtig geworden ist ihr das Bild vom Kessel. Er begleitet die Gesprächsrunden als Anker und steht sinnbildlich für all die Reize, Anforderungen und Anstrengungen, die sich im Laufe eines Tages ansammeln, bis irgendwann nichts mehr geht. „Mein Kind hat über den Tag auch einen Kessel, genauso wie ich, der sich füllt“, sagt Gewalt.

Für die Haßlocherin war das ein entscheidender Perspektivwechsel, um nicht jede Eskalation als persönliches Versagen zu deuten, sondern zu sehen, wie viel sich in einem Kind über Stunden hinweg anstauen kann. Dass sich ihre Anspannung dann bei den engsten Bezugspersonen entlade, sei deshalb nicht ungewöhnlich, erklärt Erzieherin Marlene Oetzel. „Die Grenze liegt bei jedem woanders. Ich bin alleinerziehend und berufstätig, deshalb ist sie bei mir vielleicht etwas niedriger.“

Wie sehr Eltern im Alltag an ihre Grenzen kommen, erlebt das Team der Löweneltern immer wieder in Gesprächen mit hilfesuchenden Eltern und im Kita-Alltag. Der erste Schritt koste oft Überwindung, sagt Weinerth. „Es braucht Mut, zu kommen, diesen Schritt zu gehen und die Scham zu überwinden.“ Viele, die einmal da gewesen seien, seien geblieben. Auch Sabrina Gewalt ermutigt andere: „Traut euch. Man braucht keine Angst zu haben, jeder hat Probleme.“

Info

Die Löweneltern treffen sich immer am letzten Dienstag im Monat von 19 bis 20.30 Uhr in der Kita Buntspechte in Haßloch. Der nächste Termin ist am 30. März. Willkommen sind alle, die im Leben eines Kindes Verantwortung tragen. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Weitere Informationen und Tipps gibt es auf dem Instagram-Kanal loeweneltern_pfalz sowie per Mail an sandra.weinerth@lebenshilfe-nw.de oder telefonisch unter 06324 8739038.

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