Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Elektrobetriebe müssen Neukunden vertrösten

Arbeiten an einem Stromkasten. Die Auftragsbücher vieler Elektrobetriebe sind voll, Neukunden bleiben auf der Strecke.
Arbeiten an einem Stromkasten. Die Auftragsbücher vieler Elektrobetriebe sind voll, Neukunden bleiben auf der Strecke.

Wenn im Handwerk die Mitarbeiter fehlen, herrscht Stillstand auf der Baustelle. Neben dem Nachwuchsmangel machen der Branche aber noch weitere Sachen zu schaffen, auf die die Elektro-Innung Deutsche Weinstraße hinweist.

Jürgen Grün sucht für seinen Elektrobetrieb Magier, Genies und Superhelden. Oder einfach gesagt Menschen, die in der Bevölkerung als Elektroniker bekannt sind. Mit diesem originellen Vergleich wirbt der Elektromeister um personelle Verstärkung für sein Mitarbeiterteam. Schließlich können sich der 59-Jährige und seine Berufskollegen vor Anfragen kaum retten. Die Auftragsbücher sind voll. „Wir können aktuell nur die Wünsche von Kunden erfüllen, mit denen wir seit Jahren zusammenarbeiten.“ Neue Kunden könne er derzeit nicht aufnehmen, bei anderen Betrieben sehe es nicht anders aus.

Schließlich haben Grün und seine Angestellten auch nur zwei Hände, die nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Energiekrise und des Immobilienbooms immer häufiger benötigt werden. Wenn es etwa darum geht, in Neubauten für die Elektrik zu sorgen oder in Altbauten neue Leitungen zu verlegen. Wie in anderen Handwerksberufen beziehungsweise Branchen, dabei vor allem im Gastgewerbe, macht sich der Fachkräftemangel immer stärker bemerkbar. Offensichtlich werde das Problem, wenn Bauprojekte sich verzögern oder gar unterbrochen werden. Wobei aktuell neben dem Nachwuchsproblem auch die Lieferengpässe für Beeinträchtigungen sorgen. Als noch die staatliche Förderung für Wallboxen zum Aufladen von E-Autos beantragt werden konnte, waren die Stationen nicht zustellbar, nennt Grün ein Beispiel. Mangelware seien derzeit Zähleranlagen, das Herzstück der Sicherungskästen.

Innung feiert rundes Jubiläum

Als Obermeister der Elektro-Innung Deutsche Weinstraße kommt Grün beispielsweise dann ins Spiel, wenn Kunden mit der Ausführung der Arbeiten eines Betriebs nicht zufrieden sein sollten oder die Kosten für die erbrachte Leistung für überteuert halten. Was aber immer seltener vorkomme. „Die Kunden sind froh, wenn sie jemanden finden, der sich ihres Problems annimmt.“ In seiner Funktion als Obermeister hat der Hambacher zudem einen Überblick über die Entwicklungen in der Branche.

In der Elektro-Innung vertreten sind aktuell mehr als 50 Betriebe aus dem Raum Neustadt, Bad Dürkheim und Grünstadt, die durch die Organisation selbst und der Kreishandwerkerschaft Südpfalz-Deutsche Weinstraße ihre Interessen vertreten wissen, auch in der Politik. Umgekehrt werben die Betriebe damit, Teil eines Netzwerks zu sein. Nach Angaben der Geschäftsführerin der Kreishandwerkerschaft, Gitta Altpeter, ist die Mitgliedschaft ein Qualitätsmerkmal, an dem sich Kunden orientieren können. Schließlich sind in der Innung Firmen mit Tradition und Kompetenzen. Die Elektro-Innung Deutsche Weinstraße feiert selbst in diesem Jahr ihr 100-jähriges Bestehen. So wird dieses Jubiläum am 16. September mit einem Festakt im Saalbau in Neustadt begangen.

Wegen Digitalisierung weiteres Aufgabenspektrum

In dieser langen Zeit hat sich der Beruf geändert. Nicht zuletzt durch die Digitalisierung ist das Aufgabenspektrum vielfältiger geworden. Kunden wünschen sich, dass die Jalousien je nach Wetterlage automatisch hoch- und runterfahren. Wer eine Türsprechanlage mit Videofunktion besitzt, möchte auch auf dem Smartphone sehen, wer an der Haustür steht. Um solche Aufträge übernehmen zu können, vermittelt die Innung das Wissen in Lehrgängen und an Infoabenden. Davon abgesehen werden an der Berufsbildenden Schule Südliche Weinstraße in Bad Bergzabern Berufstätige aus dem Bereich Elektro und Informatik zu Spezialisten weitergebildet. Wer das Wissen beider Berufsgruppen verinnerlicht, kann zum Beispiel Smart-Home-Systeme planen, also technische Geräte miteinander vernetzen und aus der Ferne steuern lassen.

Gerade die Generation Smartphone bietet nach Ansicht von Jürgen Grün die Chance, Nachwuchs für das Handwerk zu begeistern und als Auszubildende zu gewinnen. Mit dem Handy lassen sich schließlich unzählige Geräte steuern, etwa die Lichter in der Wohnung, das Garagentor oder die Kaffeemaschine. Stichwort Smart Home, vernetztes Zuhause. Wer sich für diese Technik interessiert, möchte vielleicht auch beruflich damit zu tun haben.

Gau wegen Heizlüfter?

Laut Altpeter herrscht allerdings noch in zu vielen Familien die Meinung vor, dass sich nur nach einem Studium ein hohes Einkommen erzielen lässt. Aber auch im Handwerk lasse sich gutes Geld verdienen. Zumal die Firmen händeringend Personal suchen und es genug Arbeit gibt. Davon abgesehen, dass sich Interessierte selbstständig machen oder ein Studium draufsatteln können. Laut Grün ist der Meister mit einem Bachelorabschluss gleichzusetzen. Auf diese und weitere Vorzüge weist die Kreishandwerkerschaft auch auf Berufsinfomessen hin, wenn sie die Werbetrommel rührt. Ihr gehören in der Region 19 Innungen an, für die sie die Geschäftsführung übernimmt, die Mitglieder etwa zu Sitzungen einlädt.

Grün und seine Berufskollegen beschäftigt derweil noch ein anderes brandaktuelles Thema. Sie möchten die Bevölkerung sensibilisieren, welcher Gau drohen kann, wenn sie ihre Heizlüfter ständig betreiben, um die Wohnung mangels Gas warm zu bekommen. „Die Stromkapazitäten reichen nicht aus, zusätzlich zu den anderen Geräten die Heizlüfter zu betreiben. Schlimmstenfalls bricht das Stromnetz zusammen“, betont Grün.

Jürgen Grün führt den seit 1965 bestehenden Elektrobetrieb seines Vaters in Hambach fort.
Jürgen Grün führt den seit 1965 bestehenden Elektrobetrieb seines Vaters in Hambach fort.
Gitta Altpeter ist Geschäftsführerin der Kreishandwerkerschaft Südpfalz-Deutsche Weinstraße.
Gitta Altpeter ist Geschäftsführerin der Kreishandwerkerschaft Südpfalz-Deutsche Weinstraße.
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