Wasserball RHEINPFALZ Plus Artikel Eisberg-Vergleich und der Druck der Zuschauer

SCN-Trainer Thorsten Preuß (links, mit Betreuer Lars Ananias) nimmt Spieler zum Abkühlen aus dem Wasser, wenn er bemerkt, dass s
SCN-Trainer Thorsten Preuß (links, mit Betreuer Lars Ananias) nimmt Spieler zum Abkühlen aus dem Wasser, wenn er bemerkt, dass sie sich im Becken zu sehr über Schiedsrichter-Entscheidungen aufregen.

Wenn der Lambsheimer Klaus Lehn als Spielbeobacher in den „Moby Dick“ kommt, kann er seine Erfahrung aus 46 Schiedsrichterjahren ausspielen. Alles sehen kann er nicht, viel spielt sich unter Wasser ab. Wichtig sei, dass die Schiris eine einheitliche Linie verfolgen. Wenn der SC Neustadt gegen den 1. Frankfurter SC spielt, ist Lehn in Stuttgart.

Wasserball-Zweitligist SC Neustadt hat eine Heimspielserie in der Zweiten Liga Süd bis Anfang Februar. Erst danach folgen die Auswärtspartien. Am Samstag geht es um 18 Uhr gegen den 1. Frankfurter SC. Nicht dabei ist diesmal Klaus Lehn, weil er in Stuttgart als Unparteiischer im Einsatz ist.

Klaus Lehn ist ein Stammgast im Stadionbad bei Spielen des Wasserball-Zweitligisten SC Neustadt. Der 64-Jährige aus Lambsheim kommt als freundlicher, zugewandter, aber auch sehr korrekter und objektiver Spielbeobachter in den „Moby Dick“. Seine Erfahrung aus 46 Schiedsrichterjahren im Deutschen Schwimmverband (DSV) im Wasserball spielt er dann voll aus. Er ist im amtlichen Auftrag des DSV an rund 30 Wochenenden im Jahr unterwegs. Entweder pfeift er selbst mit einem zweiten Kollegen und leitet eine Partie. Oder er sitzt am Tisch und füllt einen Bewertungsbogen gewissenhaft aus.

Vorteilsregel hebt vieles auf

„Der Begriff des Spielbeobachters hat sich inzwischen gewandelt. Eigentlich sind wir „Schiedsrichter-Coachs“. Wir reflektieren mit dem Schiri-Paar die wichtigen Situationen des Spiels. Je nach Erfahrung kann ich dann noch Hinweise geben, aber meistens nennen die Kollegen nach dem Spiel schon selbst, welche Momente schwierig waren“, erklärt er. So gebe es ja eine Vorteilsregel, die vieles aufhebe, was vorher passiert sei. Das Spiel solle sich schließlich entwickeln. Dazu komme eine große Bandbreite an Optionen. Er verdeutlicht: „Man kann also das Spiel laufen lassen, auf einfaches Foul mit Freiwurf entscheiden, eine Zeitstrafe geben, Strafwurf geben oder aber ein Stürmerfoul erkennen.“ Ganz wichtig sei dabei aber, dass die Unparteiischen eine einheitliche Linie während des gesamten Spiels einhielten. Die einen pfiffen eher lockerer, die anderen eher streng.

Und er weiß, wie schwer es die Kollegen haben. Sie sind, anders als in anderen Mannschaftssportarten, nicht unmittelbar „im Feld“ dabei, sehen alles nur von außen. Viel Ereignisse spielen sich unter Wasser ab. Letztlich aber entscheide nicht eine einzige Fehleinschätzung ein Spiel. Vieles zeichne sich schon vorher ab. Aber Lehn weiß: „Genau diese strittige Szenen bleibt bei den Zuschauern und den Teams haften. Der Druck der Zuschauer ist manchmal dabei sehr groß. Die Entscheidungen müssen in Sekunden getroffen werden, auch wenn man nicht alles im Wasser sehen kann.“

Videoaufzeichnung kann helfen

Inzwischen gibt es in der Bundesliga in der Regel eine Videoaufzeichnung. Das erleichtert laut Lehn die sachliche Aufarbeitung mit den Schiedsrichtern nach der Partie. Einen „Videojoker“, um strittige Szenen sofort von den Trainern nochmals zu analysieren, gibt es indes noch nicht. Auf internationaler Ebene kann aber zumindest ein Videobeweis angesehen werden, ob ein Ball tatsächlich im Gehäuse war.

Das Schiedsrichter des Spiels am vergangenen Samstag gegen Weiden, bei dem Lehn als Spielbeobachter eingesetzt war, und das der SCN sehr diszipliniert mit nur drei Strafzeiten 11:7 gewonnen hat, erhielten von Lehn eine sehr gute Beurteilung. Aber auch dann, wenn es während einer Partie heiß und kontrovers zugeht, die Zuschauer brüllen, die Trainer am Beckenrand aufgeregt entlangtanzen und es zahlreiche Strafen hagelt, am Ende lächelt Lehn. Er sagt: „Bei uns im Wasserball geht es nicht so heiß zu, wie es aussieht. Man kennt sich, trifft sich oft bei anderen Spielen. Wir sind eine große Wasserballfamilie. Und das Wort ,Familie’ ist hier kein hohler Begriff. Hinterher stehen wir alle zusammen, der Umgang ist gesittet. Wasserball ist ein bisschen anders gestrickt als andere Mannschaftssportarten.“

„Schiedsrichter sind auch nur Sportler“

Dennoch kennt er auch Nachwuchsprobleme. „Die jüngeren Spieler wollen einfach noch selbst spielen. Sie sind noch nicht bereit, am Beckenrand zu stehen. Das ist wie bei vielen anderen Ehrenämtern und Sportarten“, weiß Lehn. Aber über allem steht für ihn der Satz: „Schiedsrichter sind auch Sportler.“

Auch Thorsten Preuß sieht das, was im Becken geschieht und von den Schiris entschieden wird, gelassen. Der SCN-Coach betont: „Die Schiedsrichter leiten das Spiel. Wir als Spieler und Trainer sind Vorbilder. Wir können die Entscheidungen nicht anzweifeln. Außerdem ist das alles vergleichbar mit einem Eisberg. Man sieht ein Drittel des Spielers über Wasser, zwei Drittel sind unter Wasser. Da bleibt einiges verborgen.“

Mützen fürs Immunsystem

Über den nächsten Gegner Frankfurt kann er nicht viel sagen. „Die Saison ist noch jung. Wir wissen nicht, wie sich die Hessen verstärkt oder verändert haben.“ Preuß setzt auf Kontermöglichkeiten und auf eine erneut starke Abwehrleistung. Aus der Partie gegen Weiden, immerhin Absteiger aus der Bundesliga, nimmt er viele gute Szenen mit. „Wir haben sauber verteidigt, im Angriff hat Philipp Guth sehr agil gewirbelt und die Strafwürfe herausgeholt.“

Preuß hofft, dass sein Team von krankheitsbedingten Ausfällen verschont bleibt. Er mahnt: „Nach dem Training oder einem Spiel ist das Immunsystem geschwächt. Es gibt offene Fenster. Deshalb sollen die Spieler Mützen tragen und den Hals schützen, wenn sie das Bad verlassen. Sie sollen den Akku mit Vitaminen, Ruhe und Schlaf auffüllen.“

Ob es am Samstag zu hitzigen Diskussionen um Entscheidungen der Schiris kommen wird, kann er jetzt natürlich noch nicht einschätzen. Aber er hat auch ein Mittel parat: „Die Spieler aus dem Becken nehmen, wenn ich erkenne, dass sie sich aufregen. Sie sollen sich auf der Bank abkühlen.“

Klaus Lehn beobachtet im Stadionbad oft Wasserball-Schiedsrichter.
Klaus Lehn beobachtet im Stadionbad oft Wasserball-Schiedsrichter.
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