Neustadt Einsteigerin gut 90 Mal am Rednerpult
Deidesheim. Ruth Ratter ist von Beruf Lehrerin, hat Deutsch und Ethik unterrichtet. Kultur und Bildung sind auch ihre politischen Schwerpunkte seit 2011 im Landtag. Die Deidesheimerin ist Sprecherin der Grünen-Fraktion auf diesen Feldern – und hat in den fünf Jahren schon mehr als 90 Reden gehalten.
„Ich habe im Jahr 2011 eine Frau erlebt, die, obwohl mehrfach schwerstbehindert, das Abitur geschafft hat.“ Dies nennt Ruth Ratter ein „Schlüsselerlebnis“. Die junge Frau, die unter anderem künstlich beatmet werden muss, hat inzwischen den Masterabschluss in Sozialpädagogik erreicht. Das hat Ratter motiviert, sich für Inklusion einzusetzen, also die Teilhabe von Menschen mit Beeinträchtigungen. „Da geht noch viel mehr“, auch in den Schulen, ist sie sich sicher. Ratter war in ihrer Heimat zunächst aktiv im Verein „Mittelhaardter gegen Fluglärm“. Auch als Vorsitzende kämpfte gegen militärische Tiefflüge über der Pfalz. Der Verein war überparteilich. Aber „es war mit bald klar, dass ernsthafte Unterstützung nur aus den Reihen der Grünen kam.“ 1994 hat sie sich deshalb entschlossen, in die Kommunalpolitik einzusteigen. Inzwischen kennt Ratter die Politik auf verschiedenen Ebenen. Sie ist Mitglied im Verbandsgemeinderat Deidesheim und im Bezirkstag Pfalz. Im Kreistag ist die 60-Jährige seit 2004 nicht mehr vertreten. Ratter: „Ich weiß nur zu genau, wie ein Rädchen auf der kommunalen Ebene ins andere greift. Gemeinden, Verbandsgemeinden und Kreis sind sich nicht immer grün.“ Das „grüne Büro“ in Deidesheim ist immer wieder Anlaufstation auch für Bürger, die mit Anregungen und Problemen zu der Abgeordneten kommen. „Da bin ich in der Regel montags und freitags. Dienstags bis donnerstags bin ich in Mainz“, beschreibt sie ihren Wochenverlauf. Die Kultur ist ihr wichtig im Leben. Sie liest gerne, vor allem „alles, was literarisch aktuell ist“. Ihre derzeitige Lektüre: Frank Witzels „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“. Und sie engagiert sich dafür, ein Stück Literaturgeschichte aufzuarbeiten, das in Bad Dürkheim spielt: Dort erhielt der spätere Literatur-Nobelpreisträger Heinrich Böll 1951 den Preis der „Gruppe 47“ für die Kurzgeschichte „Die schwarzen Schafe“. Eine Ausstellung, Schülerprojekte und einen Abend zur „Literatur im Exil“ möchte sie deshalb für Anfang Mai organisieren helfen. Keine Begeisterung bringt Ruth Ratter für den Neubau von Straßen und Brücken auf. Zwischen Rhein und Haardt gebe es bereits viele schnelle Straßenverbindungen, sagt sie. Die Verlängerung der B 271 zwischen Bad Dürkheim und Grünstadt nimmt sie jedoch als Fakt hin. Sie hält allerdings die Trasse auf der Westseite von Kirchheim für die „schlechtere Variante“ und fordert, den Menschen in Herxheim an Berg die Sicherheit zu geben, „dass der Rest in einem Stück gebaut wird“. Und bevor man eine neue Anbindung zur B 271 bei Deidesheim baue, solle man versuchen, an der als unfallträchtig geltenden Stelle den Verkehr zu verlangsamen. Stolz ist die gebürtige Neustadterin, die mit ihrem Mann, einem Zahnarzt, ab 1987 in Wachenheim gewohnt hat und 1991 nach Deidesheim umgezogen ist, auf das von ihr angestoßene „Forum neue Bildung“: Es setze sich ein „für mehr Gerechtigkeit, Selbstbestimmung, Vielfalt, Demokratie und Inklusion“ und diskutiert die Frage, wie „wir Bildung in Rheinland-Pfalz besser machen können“, erläutert Ratter. (ff)