Neustadt Einmal der Obrigkeit den Marsch blasen
Wenn die Deidesheimer Weinkerwe eröffnet wird, dann haben auch die Kerwebuwe einen besonderen Grund zum Feiern. Seit 45 Jahren sind sie als „Kerwebuwe“ in Frack und Zylinder mit von der Partie. Mit der Kerweredd’ läutet Christian Langhauser nach dem Stellen des Kerwebaumes auf dem Marktplatz auch heute die Kerwe ein.
Dann ziehen sie mit ihrem Wagen durch die Gutshöfe und Ausschankstellen. Sie rufen die Kerwe aus und unterhalten die Besuchern mit Pfälzer Liedern und Trinksprüchen. Dass diese Tradition bis heute erhalten blieb, dafür legten im Jahre 1972 auf Initiative des kürzlich verstorbenen Werner Leim, dessen Bruder Willi, Franz Josef Kerbeck, Adolf Rau, Hans Münch, Hans Naumer, Günther Hagenmüller und Franz Weber den Grundstein. Die längste Zeit im Kreis der Junggesellen erlebten Michael Krack und Timo Schnautz, die es immerhin auf 15 Kerwen schafften. Dahinter folgte mit Stadtbürgermeister Manfred Dörr, Helmut Krack-Haller und Matthias Kerbeck gleich drei Ehemalige auf 14 Kerweteilnahmen. Der nächste der bisher 66 Kerwebuben, der in diesen Kreis vorstoßen könnte, wäre Manuel Langhauser sein. Der 29-jährige geht am kommenden Wochenende in seine 11. Kerwe. Damit ist er auch der älteste aktive Kerwebu. „Ob ich noch so lange dabei bin, darüber mache ich mir keine Gedanken“, sagt er augenzwinkernd. „Wir sind alle gleichberechtigt und wir treten als Gemeinschaft nach außen auf“, erzählt Langhauser. Dass es auch mal in ihrem Domizil, dem „Alten Zollhäuschen“, das ihnen die Stadt zur Verfügung gestellt hat, auch mal hart diskutiert wird, daraus macht Langhauser keinen Hehl. „Es gibt Dinge, die besprechen wir nur in unserem Zimmer.“ Dort werden unzählige Fotos, Zeitungsberichte und Einträge in Büchern aufbewahrt: ein Stück Kerwebuwe-Geschichte. Die traditionelle Tracht der Kerwebuwe ist Frack und Zylinder. Diese wird bei allen offiziellen Anlässen getragen. Dagegen ziehen die Aspiranten, jene Kandidaten, die sich nach einem Probejahr um die Aufnahme in den Kreis der Junggesellen bewerben, eine Küferbluse an. Nicht fehlen darf bei allen Kerwebuwe und Aspiranten das „Dubbeduch“. Dazu sind alle Kerwebuwe ausschließlich Junggesellen. Wer heiratet, muss ausscheiden. „Es gab deshalb schon einige, die ihre Hochzeit noch um einige Jahre nach hinten verschoben haben“, erzählt Markus Wahl, einer der Ehemaligen. Das ist ein alter Brauch, der mit der Kerweredd zusammenhängt. „Das Vortragen der Kerweredd ist ein altes Privileg, das früher einem Bürger der Stadt erlaubte, einmal im Jahr die Missstände im Ort aufzuzeigen und dabei auch der Obrigkeit der Stadt den Marsch zu blasen’“, erzählt Manuel Langhauser. Der 29-Jährige ist derzeit der Älteste unter den Kerwebuwe und war selbst schon Redner auf dem Küferfass bei der Eröffnung der Kerwe. Diese Aufgabe hat jetzt sein jüngerer Bruder Christian übernommen. Auch Vater Willi (1974 - 1982) gehört einst dazu. Wer bei ihnen Aufnahme finden will, muss zunächst ein Probejahr als Aspirant absolvieren. Traditionell ist die offizielle Aufnahme nach dem Probejahr am jeweils ersten Tag der Weinkerwe. Allerdings nur, wenn alle Kerwebuwe in ihrer Sitzung am Vorabend vor der eigentlichen Eröffnung zugestimmt haben. Dafür gibt es genügend Aktivitäten. So ziehen sie am Pfingstsonntag in mittelalterlichen Kostümen durch die Stadt. Darüber hinaus unterstützen sie die Kandidatur der Weinprinzessin der Verbandsgemeinde bei der Wahl der Pfälzischen oder gar Deutschen Weinkönigin. Nicht zu vergessen, die Versteigerung der Kerwebaumspitze beim Heimatabend zum Ende der Kerwe im Weingut von Winning oder die Bewirtung am Weinstraßentag am Kaisergarten. „Mit den Geldern finanzieren wir dann unsere Arbeit“, erzählt Langhauser und zeigte sich stolz, dass viele Weingüter, Freunde und Gönner die Jungs fördern. Wer einmal aus diesem Kreis ausgeschieden ist, gehört dem 1988 gegründeten Stammtisch „Ehemalige Kerwebuwe und ihre Freunde“ an, die sich fünfmal im Jahr treffen.