Neustadt
Eine gewisse Unwucht – die „Junge Kunst“-Ausstellung in der Villa Böhm
Mit 35 ausgestellten Werken ist die Schau nun im Endeffekt doch ganz ordentlich bestückt. Das ist zwar deutlich weniger als bei den vergangenen Ausgaben dieses vom Kunstverein etwa im Zweijahresrhythmus ausgerichteten Ausstellungsformats, aber dicht an dicht gehängte Bilder, wie in der Vergangenheit manchmal zu erleben, müssen ja nun auch nicht unbedingt sein. Diesmal freilich sah es lange Zeit eher so aus, als werde gähnende Leere herrschen, denn die Rückmeldungen von den umliegenden Kunsthochschulen und -akademien, die bislang immer das Rückgrat gebildet hatten, liefen nur tröpfchenweise ein. Weshalb der Kunstverein dann kurzerhand die Beschränkung auf nur ein Werk aufhob und auch Mehrfacheinreichungen zuließ.
Die untere Altersgrenze wurde diesmal aufgehoben
Außerdem wurde die untere Altersgrenze von 18 Jahren aufgehoben, was die Neustadter Künstlerin Alena Steinlechner dazu veranlasste, kräftig die Werbetrommel unter den besten Schülerinnen und Schülern ihrer Kunstschule in der Neustadter Altstadt zu rühren: Zehn davon haben sich nun letztlich beteiligt. Sie alle haben bei Steinlechner Mappen zur Teilnahme am Alexandra-Lang-Jugendkunstpreis des Landes Rheinland-Pfalz geschaffen, aus denen sie nun ihre Highlights auswählen konnten.
Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Abstriche bei der Qualität bedeutet die ungeahnte Jugendlichkeit – die meisten der Steinlechner-Eleven sind Jahrgang 2008, 2009, 2010 – keineswegs, denn die ursprünglich aus Tschechien stammende Kunstlehrerin vermittelt offenkundig eine äußerst solide technische Grundlage im Zeichnen und Malen. Davon zeugt auch, dass zwei ihrer beteiligten Schülerinnen, Philine Zeuner und Tochter Kati, den besagten Landespreis dann auch gewonnen haben. Vier weitere wurden mit Zertifikaten ausgezeichnet.
Trotzdem entsteht dadurch natürlich die Situation, dass ausgebuffte Profis – die obere Altersgrenze liegt bei 35 – auf absolute Greenhorns treffen. Man könnte sich beim Rundgang durch die Schau also den Spaß erlauben, ein Ratespiel zu veranstalten: Wer ist 14 und wer 34? Eine Auflösung wird man vor Ort allerdings nicht erhalten, denn die Liste führt nur die Namen und Titel auf.
Einige gute, alte Bekannte unter den Uni-Absolventen
Kein Zuordnungsproblem dürften Stammgäste des Kunstvereins natürlich mit Künstlerinnen haben, die nicht zum ersten Mal in der Villa Böhm dabei sind: Die in Karlsruhe lebenden Ungarin Boglárka Balassa etwa ist mit zwei Beispielen ihrer Serie „Auflösung“ vertreten, die sie bereits 2022 vorstellte, fahnenartig arrangierten Textilarbeiten, die mit ihrem Spiel mit Texturen und Farben einen ganz eigentümlichen Reiz ausüben. Ebenfalls schon einige Bekanntheit in der Region haben Ann-Kathrin Krächan, Claudia Semmelsberger und Manuel Weiland, alle drei Absolventen des Kunstinstituts der Uni Landau. Krächan ist mit vier informellen Bildern in der Tradition chinesischer Lackmalerei vertreten, die hier aber eigentümlich gegenständliche Assoziationen zu Sträuchern im Herbst hervorrufen. Semmelsberger, eine Neustadterin, zeigt zwei recht gegensätzliche Gemälde: eines mit brutalistischer Beton-Architektur, die von der Natur zurückerobert wird, das andere ein Figurenbild mit einem athletischen, nackten Jüngling im Zentrum. Und der für vielteilige Mixed-Media-Installationen bekannte Weiland präsentiert mit „fight or flee ... or be weird“ eine verrätselte Komposition in 2 D, die sich aus ganz unterschiedlichen figürlichen Elementen zusammensetzt, bis hin zu Zitaten bei Hokusai und Escher.
Die Figuration dominiert eindeutig
Die einzige dreidimensionale Arbeit bietet Danae Hoffmann auf, aus Neustadt stammende Absolventin der Karlsruher Akademie. Sie hat eine plüschige Installation mit viel Rosa arrangiert, die das Gefühl symbolisieren soll, das sich einstellt, wenn man verliebt ist. Die Fahne der Abstraktion hält Christina Hohenwarter hoch, die seit 2019 mit ihrer Familie in Maikammer lebt und eine lichte und leichte Acrylic-Ink-Arbeit vorstellt. Insgesamt allerdings dominiert eindeutig die Figuration, bei Yamur Cabuk zum Beispiel, einer früheren Steinlechner-Schülerin, die inzwischen Medizin studiert, der Mußbacherin Marion Prskalo mit ihren Fantasy-Bildern und bei Kati Steinlechner, die unter anderem das Portrait eines distinguierten Mannes in einer Kunstgalerie zeigt, zu dem man gerne die Geschichte wüsste. Es gibt aber keine, versichert die 16-Jährige, ebenso wenig wie ein konkretes Vorbild für den Dargestellten.
Ansonsten ist die Junge-Kunst-Ausstellung zur Jugendkunst-Ausstellung mutiert: Das Ost- und das Westkabinett vereinen die zumeist kleinformatigen Gemälde und Zeichnungen weiterer Steinlechner-Schüler/innen, darunter zwei animeartige Tusche-Portraits des 15-Jährigen Neustadters Daniel Krugel, die fast wie eine Anklage der jungen Generation an die Adresse der Älteren wirken, die ihnen so viele Probleme hinterlassen: „Stechender Blick“ und „verärgert“ lauten die Titel. Zumindest was die Ausstellungsmöglichkeiten für junge Künstler in Neustadt betrifft, gibt es aber eigentlich keinen Anlass zu Grimm. Vielleicht läuft es in zwei Jahren ja mit der Beteiligung wieder besser. Immerhin winkt der Siegerin oder dem Sieger, die/den die Jury des Kunstvereins aufs Treppchen hebt, eine Soloausstellung in der Villa Böhm. Das sollte doch Ansporn sein.
Die Ausstellung
Die Ausstellung „Junge Kunst in der Villa“ wird morgen, Freitag, um 19 Uhr in der Villa Böhm, Villenstraße 16 b/Maximilianstraße 25, in Neustadt eröffnet und ist bis 24. November donnerstags und freitags 15–18 Uhr sowie samstags und sonntags 14–18 Uhr zu besichtigen. Der Eintritt ist frei. Am Samstag, 9. November, um 11 Uhr startet im Atelier in der Neustadter Zwerchgasse 5 dann auch die erste gemeinsame Ausstellung von Alena und Kati Steinlechner. Diese läuft bis Mitte Januar.