Neustadt Eine abenteuerliche Fahrt ins Ungewisse

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Neustadt. Alles war wie sonst auch, als Andreas Rudorf und Johannes Bruckbach ins Führerhaus ihres 450 PS starken Lastwagens geklettert sind. Im Auflieger hinter ihnen befanden sich die beiden Audi RS5 von Jamie Green und Adrien Tambay und jede Menge Ersatzteile. Mit alle dem Equipment machten sie sich auf zum nächsten Auftritt des Neustadter Teams Rosberg in der DTM.

Und doch war etwas anders als sonst. Denn es war nicht Montag, als Rudorf und Bruckbach das Rosberg-Gelände an der Nachtweide in Neustadt gemeinsam mit zwei anderen Trucks verließen, sondern Freitag. Und es stand keine Fahrt zu den traditionsreichen Strecken wie Nürburg- oder Hockenheimring an, sondern Moskau. Genauer gesagt: Volokolamisky. Bei diesem Ort, 80 Kilometer nordwestlich der russischen Hauptstadt, liegt die Rennstrecke. Der Routenplaner gibt für die Strecke von Neustadt nach Volokolamisky eine Entfernung von 2460 Kilometern an. Diese Distanz soll in 28 Stunden zu bewältigen sein. Theoretisch. Aber schon gar nicht mit einem 40-Tonner. Fünfeinhalb Tage haben Rosberg-Teamkoordinator Ramon Hämmerle und seine Logistikkollegen der anderen Teams eingeplant. „Am Mittwoch müssen die Trucks an der Rennstrecke ankommen“, sagt Hämmerle. Die Erfahrung aus den vergangenen drei Jahren lehrt, dass die reine Fahrzeit 40 Stunden oder länger beträgt. „Wir reisen durch ein ganz weites Land mit beeindruckender Landschaft“, sagt Rudorf, der seit 2002 beim Team Rosberg arbeitet. Stundenlang führen sie durch hügelige Waldgebiete auf schnurgeraden Straßen. Vergleichbar sei dies mit Teilen in den USA. Bei aller Schönheit der Landschaft ist es trotzdem jedes Jahr eine abenteuerliche Fahrt ins Ungewisse: Zwar sei die Qualität der Landstraßen hinter Warschau in den vergangenen Jahren stetig besser geworden, doch mit den ebenen Fahrbahnbelägen auf deutschen oder polnischen Autobahnen lasse sich dies immer noch nicht vergleichen. Dies liegt auch an den großen Temperaturunterschieden zwischen Winter und Sommer, die den Asphalt immer wieder aufbrechen lassen. Risse im Asphalt und Schlaglöcher, teilweise 20 Zentimeter hohe Absätze gehören zum Alltag. Während die einheimischen Fahrer mit ihren Lastwagen mit unverminderter Geschwindigkeit darüber brettern, bedeutet dies für Rudorf, Bruckbach und Kollegen höchste Konzentration. Und Schleichverkehr. Schließlich wollen sie ihre wertvolle Ladung heil ans Ziel bringen. Dazu kommt der besondere Fahrstil, der in diesen Ländern gepflegt wird. Auf einer drei Meter breiten Fahrspur wird gerne zu zweit nebeneinander gefahren. Unter Einbeziehung des nicht befestigten Seitenstreifens. „Wenn dir dann einer entgegenkommt, musst du zwangsweise nach rechts ausweichen“, sagt Bruckbach. Trotz Schlaglöchern. Die längere Fahrzeit ist aber auch der gewählten Route geschuldet. Statt den kürzesten Weg zu fahren, geht’s über Litauen und Lettland. „Dann fahren wir länger in Europa“, begründet Hämmerle. In Rezekne, kurz vor der lettisch-russischen Grenze, kommt es zum großen Zusammenschluss. „Da treffen sich die Sattelschlepper aller Teams“, erklärt Hämmerle. Im Konvoi geht’s zur Zollabfertigung. Dafür wurde zuvor nicht nur ein exakter Slot vereinbart, damit die Abfertigung schnell geht. Dafür hat Hämmerle auch akribisch alle Teile aufgelistet, die sich in den Frachträumen befinden. Der Team-Koordinator hat die Listen in Deutsch und Englisch erstellt, der DTM-Logistikpartner DHL hat diese zusätzlich ins Polnische und Russische übersetzen lassen. Entscheidend können auch Kleinigkeiten sein. So wird akribisch das tatsächliche Gewicht der Ladung mit dem angegebenen verglichen. Ebenso die Achslasten. Stimmt dabei irgendwas nicht, legen die Zöllner die Papiere zur Seite. Für die Crews bedeutet dies: warten. Beschleunigend können kleine Gaben wie Mützen, T-Shirts oder Fahnen wirken. In jedem Führerhaus befindet sich deshalb ein Karton mit den entsprechenden Devotionalien. Doch auch dabei ist Fingerspitzengefühl von den Fahrern gefragt, schließlich soll keinesfalls der Eindruck der Bestechung oder Bestechlichkeit entstehen. Eingeschränkt sind auch die Güter, die transportiert werden dürfen. „Brennbare und explosive Materialien gehen gar nicht“, erklärt Hämmerle. Ebenso stehen Lebensmittel auf der Verbotsliste. Diese Erfahrung musste BMW im vergangenen Jahr machen. Die hatten extra einen Lkw mit mehr als einer Tonne Lebensmittel mitgeschickt, um die Crews versorgen zu können. An der Grenze hieß es dann: ausladen. Von Rezekne fuhren die 36 DTM-Trucks in drei Convois. Jeder der drei Hersteller Audi, BMW und Mercedes bildete einen. Eskortiert wurden sie jeweils vorne und hinten von einem Pkw. Drin saßen Sicherheitsleute. Mit scharfen Waffen. Ein ungewöhnliches Szenario, das einem die Gefährlichkeit der Ausfahrt vor Augen führt. Trotzdem sagt Fahrer Rudorf: „Ich hatte keine Angst vor Überfällen, ich hatte das sichere Gefühl, dass uns die Jungs bei Zwischenfällen helfen würden.“ Für ihn waren die bewaffneten Begleiter eine Art Reiseleitung. Aus Sicherheitsgründen wurde auch nur bei Tageslicht gefahren. Denn mehrmals seien aus dem Nichts Bahngänge aufgetaucht, deren Gleise links und rechts endeten. „Mit 0,001 Stundenkilometern sind wir drüber gefahren“, erzählt Rudorf. Geschlichen wäre die bessere Beschreibung. Die Auflieger hätten trotzdem furchterregend geächzt und gewippt. Auch weil es Löcher zwischen den Gleisen gab, in denen halbe Räder hätten verschwinden können. Rudorfs Fazit: „Unsere Hightech-Lkw taugen nicht unbedingt für diese Straßen.“ Das Ziel haben die tapferen Truckies und ihre sensible Ladung trotzdem pünktlich erreicht. Zeit, um groß auszuruhen, bleibt allerdings nicht. Denn die Fahrer sind ganz normale Teammitglieder, von denen jeder seine spezielle Aufgabe hat. Andreas Rudorf ist der erste Mechaniker an Tambay-Rennwagen, Johannes Bruckbach kümmert sich um die Reifen an Greens Wagen. Wenn die Teams am Montagmorgen wieder die Heimreise nach Deutschland antreten, dann haben sie zwar dieselbe Strecke vor sich, allerdings auch eine Hoffnung. Die Zollabfertigung dürfte schneller gehen. Richtig glücklich werden aber alle Fahrer der Renntrucks erst sein, wenn sie wieder in Deutschland sind. Und das Abenteuer Russland gut überstanden haben ... |Fotos: Kasan/frei

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