Interview
Eindeutiges Ja zur Corona-Pflichtimpfung
Herr Hesse, das Marienhaus Klinikum Hetzelstift zählt über den Daumen 680 Mitarbeitende im pflegerischen und ärztlichen Bereich. Wäre schon Weihnachten, wie viele zusätzliche Köpfe würden Sie sich wünschen?
Mindestens 50 Fachkrankenschwestern und -pfleger als Vollzeitkräfte.
Auf welcher Station wäre ein besonderer Bedarf?
Eigentlich auf jeder. Insofern würden wir jeden dort einsetzen, wo er arbeiten möchte.
Könnten Sie aus dem Vollen schöpfen: Wie realistisch wäre es, sagen wir ab Jahresende, 50 Leute mehr zu haben?
Das wäre total unrealistisch. Wir sind froh, wenn wir eine weitere Kraft oder vielleicht auch zwei bekommen. Momentan müssen wir auch viel mit Arbeitnehmerüberlassungskräften arbeiten, damit der Laden überhaupt halbwegs läuft.
Also mit Leiharbeitern?
Ja, mit Personal, das wir bei einer Leihfirma buchen. Aber im Gegensatz von zum Beispiel der Industrie verdienen sie in der Pflege deutlich besser als die Stammbelegschaft.
Aber das ist auch Fachpersonal?
Ja.
Und diese Überlassungskräfte können nicht abgeworben werden?
Die meisten haben sich ganz bewusst dafür entscheiden, weil sie flexibel sein wollen, sich nicht an einen Standort und an feste Arbeitszeiten binden möchten. Uns hilft das im Moment, aber das ist natürlich keine Lösung auf Dauer.
Denken Sie, dass der Pflegenotstand bald gelindert werden kann? Zumal die neue Landesregierung auch erklärt hat, Regelungen zu höherer Qualität und Patientensicherheit ins Krankenhausgesetz aufzunehmen.
Nein. Höhere Qualität kann man nur mit mehr Personal erreichen. Dafür aber sind die Rahmenbedingungen weiterhin zu bescheiden. Es gab zwar gute Ansätze beim Bundesgesundheitsminister, wie die Pflegepersonaluntergrenze. Aber diese an sich gute Idee wurde nicht zu Ende gedacht.
Was heißt das?
Sie ist noch zu niedrig angesetzt. Und es fehlt ja trotzdem an Personal. Mehr Personal gewinnt man aus meiner Sicht aktuell nur, wenn man an der Gehaltsschraube dreht. Es heißt zwar immer, Geld ist nicht alles, aber um Menschen anzulocken, müssen die Löhne steigen. Die geforderten 4000 Euro als Einstiegsgehalt sind aus meiner Sicht durchaus gerechtfertigt. Dann wird sich die Lage auch mittelfristig verbessern.
Geht es nur ums Geld, oder muss der Beruf wieder mehr gesellschaftliche Anerkennung bekommen?
Die gesellschaftliche Anerkennung ist immer noch sehr hoch, höher eigentlich, als es oft dargestellt wird. Und die Patienten vor Ort sehen auch ganz genau, dass es nicht an den Personen liegt, die da sind, sondern an denen, die fehlen, wenn sie sich nicht so gut aufgehoben fühlen.
Wie lange kann diese Situation noch hingenommen werden? Wie schnell muss die Politik reagieren, Stichwort neue Bundesregierung?
Die Politik muss sehr schnell reagieren. Allerdings sehe ich das bei der Ampel eher kritisch, da die FDP dabei ist. Und die Liberalen sind ja nicht gerade Freunde von Planwirtschaft, obwohl für mich Krankenhäuser ganz klar wieder in die öffentlichen Hände gehören. Aber das ist natürlich das Gegenteil von dem, was die FDP im Normalfall will, also der freie Markt. Was der uns aber bei Krankenhäusern bringt, sehen wir ja aktuell.
Und die Landesregierung? Wo die FDP ja auch vertreten ist.
Mit Blick auf die jüngste Regierungserklärung von Ministerpräsidentin Dreyer bin ich schon hoffnungsfroh, dass sie sich einsetzt. Nur hat auch sie finanzielle Zwänge. Ein Beispiel dafür ist unser geplanter Neubau, der eigentlich schon eingeweiht sein könnte. Das heißt, er ist schon lange genehmigt, wird aber gefühlt durch das Land weiter verzögert, warum auch immer.
Reicht es denn aus, nur mit mehr Geld zu winken?
Nein, aber es wäre ein erster großer Anreiz. Denn wir haben eigentlich viele Pflegekräfte, die aber wegen der Bedingungen aus dem Beruf rausgegangen sind. Wenn wir diese alle wieder rekrutieren könnten, wäre schon viel geholfen. Derweil flüchten weitere aus dem Beruf, nicht unbedingt bei uns, aber ganz generell. Wenn nun die vierte Corona-Welle ansteht und sich da nichts ändert, dann können Sie davon ausgehen, dass noch mehr kündigen werden. Man sieht es ja an den Intensivbetten: Anfang des Jahres gab es 26.000, jetzt nur noch 22.000, weil das Personal fehlt.
Stichwort Corona: Wie halten Sie es mit einer Impfpflicht für Pflegebereiche und medizinisches Personal?
Ein schwieriges Thema und auf die Gefahr hin, mich unbeliebt zu machen: Ich bin dafür.
Warum treten Sie dafür ein? Politisch und auch in Fachkreisen wird ja durchaus kontrovers diskutiert.
Weil gerade dieses Personal eine Fürsorgepflicht hat. Gegenüber sich selbst und gegenüber den Patienten oder Altenheimbewohnern. In den Altenheimen haben wir ja gerade gesehen, dass dort, wo es Tote gab, rund die Hälfte der Mitarbeitenden nicht geimpft war.
Wie sieht es denn am Hetzelstift aus?
Sehr viele sind geimpft, aber eine genaue Quote ist schwer zu benennen, weil wir bisher keine offizielle Abfrage hatten. Die werden wir jetzt starten, weil ab Montag mit der neuen Corona-Landesverordnung auch ungeimpfte Mitarbeitende das Haus erst betreten dürfen, wenn sie einen negativen Test vorlegen. Die Möglichkeit, den Impfstatus abzufragen, gibt es schon länger, aber man hat sich bisher etwas davor gescheut, um nicht noch mehr Unruhe unter die Belegschaft zu bringen.
Aber Tests gab es doch auch bisher?
Tests laufen seit 2021. Vor der Impfung gab es wöchentlich drei Termine, seitdem bei Bedarf.
Als Laie denkt man, dass es unmöglich ist, dass sich medizinisches Personal nicht impfen lassen will. Sind die Gründe dieselben wie bei anderen Nichtgeimpften?
Ich denke schon. Denn der Hauptgrund ist eine gewisse Skepsis, weil die Impfstoffe relativ schnell entwickelt wurden und es folglich auch keine Langzeitstudien gibt.
Werden die Abfrage des Impfstatus und der tägliche Test Druck aufbauen, sich doch impfen zu lassen?
Ich habe zumindest die Hoffnung, dass dann noch einmal eine kleine Impfwelle einsetzt.
Stört es Patienten eigentlich nicht, dass Mitarbeitende ungeimpft sein könnten?
Die Patienten thematisieren das nicht groß. Aber natürlich ist es ein durchaus großes Thema. Weil eben gerade die Pandemie zeigt, dass wir dringend mehr Leute in diesem wunderbaren Beruf brauchen, den ich ja selbst jahrelang ausgeübt habe. Dessen sollte sich die Gesellschaft bewusst sein. Ganz generell halte ich die Impfquote in Deutschland noch für zu niedrig. Auch wir haben aktuell zehn Corona-Patienten im Haus, das bindet Personal, notwendige Operationen können nicht stattfinden. Weil wir weniger Aufnahmekapazitäten haben.
Und es wirkt sich auf die Bilanzzahlen aus ...
Richtig, rein vom Wirtschaftlichen hoffe ich darauf, dass es wieder die sogenannte Freihaltepauschale gibt, wie es der sächsische Ministerpräsident Kretzschmar gerade gefordert hat. Nicht, weil sich die Krankenhäuser gesundstoßen wollen, wie es manche behaupten, sondern damit wir überleben können.
Zur Person
Torsten Hesse ist seit zwölf Jahren der Vorsitzende der Mitarbeitervertretung des Marienhaus Klinikums Hetzelstift in Neustadt. Er ist gelernter Krankenpfleger und war jahrelang Stationsleiter. Das direkt beim Hetzelstift angestellte Personal umfasst aktuell im Verwaltungsbereich rund 100 Mitarbeitende sowie rund 680 Köpfe im medizinischen Bereich. Dazu gehören etwa 100 Ärzte, weiteres medizinisches Fachpersonal, Auszubildende sowie medizinisches Hilfspersonal, zum Beispiel Stationshilfen.