Neustadt Ein Tag im Leben des George Brite

Neustadt. „A Single Man“ von Christopher Isherwood ist ein kleines Buch über Altern, Trauer und Hoffnung. Der Autor begleitet seinen Protagonisten 24 Stunden lang.
Ein Tag im Leben von George Brite, wohnhaft in Los Angeles in einer Siedlung am Stadtrand, Professor für englische Literatur an einem College, 58 Jahre alt, 75 Kilo schwer bei 1,70 Größe. Es ist ein Novembertag 1962, vielleicht der letzte Tag in Georges Leben, vielleicht nicht. Anders als im Film von Tom Ford von 2009, der zu einer Neuübersetzung und Neuauflage nach fast 50 Jahren geführt hat. Chistopher Isherwood hat seinem George eine Menge von sich mitgegeben: Auch Isherwood war Engländer, geboren 1904 im Nordwesten als Sohn eines Offiziers, der früh im Ersten Weltkrieg fiel. 1939 ging er in die USA, nach Kalifornien, wo er 1986 starb. Noch etwas hat George mit seinem Autor gemeinsam: Er ist schwul. Brite und schwul zu sein, macht George zum einsamen Außenseiter, nachdem Jim, sein Lebensgefährte, vor einiger Zeit bei einem Autounfall in Ohio ums Leben gekommen ist. Jim war offenbar jünger, fröhlich und unkompliziert. George verschließt Schmerz und Trauer in sich und erzählt den Nachbarn, Jim sei zurück nach Hause, es gehe ihm gut. Außenseiter zu sein und sich über wesentliche Bereiche seines Lebens niemandem mitteilen zu können, macht aus George einen sehr genauen Beobachter seiner Umgebung, aber auch seiner selbst. „Ich bin eine Kamera“, schreibt Isherwood in seinem bekanntesten Buch, den „Berlin Stories“, die Grundlage des Musicals „Cabaret“ wurde. Sachlich, ohne zu urteilen, wie in einer Dokumentation, dabei ungemein präzise, in einer geschliffenen Sprache ohne ein Wort zu viel oder zu wenig begleitet Isherwood seinen George durch den Tag, vom Aufwachen am Morgen, wo „es“ zum „ich“ wird und ein Anruf seiner Freundin Charlotte ihn zwingt, von der Toilette mit heruntergelassenen Hosen zum Telefon zu hüpfen. Es folgen eine Vorlesung über Aldous Huxley, Lunch, ein Besuch bei der sterbenden Doris im Krankenhaus, Training im Fitness-Studio, ein Abendessen bei Charlotte mit ihren familiären Nöten und zum Schluss, schon mitten in der Nacht, eine Begegnung mit seinem Studenten Kenny. Im November 1962 ist John F. Kennedy Präsident, die Kubakrise knapp überstanden, die USA mit Militärberatern in Südvietnam involviert – an den „American way of Life“ glauben noch alle, die Nachbarsfamilien, die sich am Wochenende zu Barbecue und Drinks treffen oder die aufstrebenden Studenten. Aber George, der sarkastische Außenseiter, sieht die feinen Risse. Der eigene Luftschutzkeller mit Nahrungsvorräten wird erwogen, seine Vorlesung am College endet in einer Diskussion über Minderheiten, wenn es auch, Gott bewahre, nicht zu konkret wird. Die Nachbarn, die spüren, dass George anders ist, halten Homosexualität für eine heilbare Krankheit, selbst Charlotte ist nicht frei von Versuchen, George zur „richtigen“ Liebe zu bekehren, zumindest wenn die beiden sehr beschwipst sind. Und am Ende dieses langen Tages gibt es auch Hoffnung für George, er ist bereit zum Weiterleben ... Lesezeichen Christopher Isherwood: „ A Single Man“, Verlag Atlantik März 2016, 12 Euro .