Neustadt Ein Rezept, ein Kleid, ein König

„Tragbare Heimat“: ein typisch somalisches Frauenkleid, für die 24-jährige Somalierin Lul eine Erinnerung an die Zeit vor der He
»Tragbare Heimat«: ein typisch somalisches Frauenkleid, für die 24-jährige Somalierin Lul eine Erinnerung an die Zeit vor der Herrschaft der al-Shabaab-Milizen.

Menschen aus der Anonymität herausholen und damit das Verständnis für das Schicksal geflüchteter Menschen auf eine breite Basis zu stellen: Das ist das Ziel der Ausstellung „Verlorene Heimat – tragbare Heimat“. Gestern wurde sie in der Stiftskirche eröffnet, wo sie bis 12. Juni zu sehen ist.

Baraa, 22, stammt aus der syrischen Stadt Homs und hat als „tragbare Heimat“ ein typisch arabisches Gericht, das Kibbeh, gewählt. Für die Iranerin Maryam (38) dagegen ist das Sinnbild der Erinnerung an ihre Heimat der persische König Kyros II. der Große – „weil er sich bereits vor 2600 Jahren für die Menschenrechte eingesetzt hat.“ Die Somalierin Lul (24) wiederum hängt vor allem an einem farbenfrohen Frauenkleid ihrer Heimat. „Meine Mutter und meine Großmutter trugen solche Kleider, bevor die al-Shabaab-Milizen kamen und die Frauen zwangen, dunkle Kleider und Kopftücher zu tragen.“ Auf Plakaten und mit Exponaten erzählt die Ausstellung in der Stiftskirche anhand von Beispielen, warum die Menschen ihre Heimat verlassen haben, was sie am meisten vermissen, was ihnen in Deutschland gefällt und was sie sich wünschen, um hier heimisch zu werden. Darunter mehrfach der Wunsch: „mehr Kontakt zu Deutschen“. Initiator war Heiner Seidlitz, Mitglied des Presbyteriums der Stiftskirchengemeinde und Psychologe im Ruhestand. Seidlitz hat 26 Jahre lang die Telefonseelsorge in Kaiserslautern geleitet und war Leiter der psycho-sozialen Nachsorgegruppe für die Hinterbliebenen und Opfer der Flugkatastrophe in Ramstein im Jahr 1988. Um was es ihm bei dem aktuellen Projekt geht: „Die Ausstellung soll dazu beitragen, die Toleranz gegenüber Geflüchteten, die in Neustadt prägend ist, zu bewahren.“ Über Jack Catarata, dem ersten Flüchtlingsbetreuer in der städtischen Unterkunft in Haardt, nahm Seidlitz Kontakt auf zu Flüchtlingen und Flüchtlingshelfer und setzte so ein Ausstellungskonzept um, das er ursprünglich zur Bewältigung der Ramsteiner Flugkatastrophe entwickelt hatte. Ulrike Gauglitz, eine der beiden Vorsitzenden des Arbeitskreises Asyl, bekannte, dass sie zunächst etwas skeptisch war, als sie hörte, dass das Thema Heimat im Mittelpunkt der Ausstellung stehen sollte. Ein vieldeutiger Begriff, der „zurzeit stark strapaziert wird“, wie zuvor die Beigeordnete Waltraud Blarr (Grüne) gesagt hatte. Doch auch Gauglitz’ eigene Biographie hat viel mit Flucht und Heimatverlust zu tun. „Meine Eltern waren schlesische Flüchtlinge“, erzählt sie. Sie selbst entschied sich für ein Leben zwischen den Kulturen, verbunden mit zahlreichen Umzügen und Auslandsaufenthalten. „Doch es ist ein großer Unterschied, ob man freiwillig geht oder von Krieg und Bomben vertrieben wird“, sagt Gauglitz. Sie vergesse nie, wie ein Flüchtling einmal zu ihr gesagt habe: „Heute sind sechs Menschen aus meiner Familie ums Leben gekommen.“ Waltraud Blarr erinnerte daran, dass zurzeit weltweit rund 60 Millionen Menschen auf der Flucht sind, davon ein Drittel Kinder. „Das ist die höchste Anzahl seit Ende des Zweiten Weltkriegs.“ Unter „Heimat“ verstehe man gemeinhin den Ort, an dem man geboren und aufgewachsen ist – oder an dem man schon lange lebe. Dazu, dass die Geflüchteten in Neustadt sich wohl fühlen, könne jeder Bürger ein Stück beitragen. Info Mitgearbeitet an der Ausstellung haben neben Presbyterium, AK Asyl und mehreren Flüchtlingen die AG Integration des KRG, die Michael-Ende-Schule, die Theatergruppe Hoffnung, Tine Duffing und die Agentur „das Team Agentur für Marketing GmbH“ Neustadt.

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