Neustadt Ein Fachwerkhaus hebt ab

Ein ganzes Fachwerkhaus in die Luft heben, geht denn sowas? Ja, das geht: In der Langgasse 189 wird das gerade gemacht. 30 Zentimeter soll die ganze Fachwerkkonstruktion im gesamten angehoben werden. Möglich macht das nicht etwa ein Kran, wie sich der Laie möglicherweise vorstellt, sondern das erledigen vier zwar feuerrote, aber ansonsten erstaunlich unscheinbare „Hausheber“, die genauso funktionieren wie ein Wagenheber zum Austausch von Lkw-Reifen. Jeder der vier schafft 50 Tonnen, zusammen also 200 Tonnen – laut Architekt Christian Hauss aus Haßloch genug Kapazität, um die 200 Jahre alten Eichenbalken Schritt für Schritt in die Höhe zu schrauben. Rein technisch wäre es zwar möglich, die 30 Zentimeter auf einmal zu schaffen, sagt Jürgen Heinz, Inhaber einer auf Fachwerkhäuser spezialisierten Zimmerei aus der Nähe von Idar-Oberstein. Doch praktisch ist die Salamitaktik besser: Das Holz müsse sich quasi langsam an die neue Position gewöhnen, und außerdem setze sich das Fachwerk nach jedem Hebevorgang wieder um ein paar Zentimeter nach unten. Sinn der aufwendigen Aktion ist laut Hauss, „eine konstruktiv und energetisch optimale Bodenplatte einziehen und die extrem geschädigten Fußschwellen austauschen zu können“. Damit es mit dem Anheben auch klappt, musste zuvor eine Tragkonstruktion eingezogen werden. Das Projekt ist laut dem Architekten jedoch nicht nur deswegen einzigartig: „Besonders ist, dass ein Bauherr sich von dem abschreckenden Äußeren nicht zum Abriss verleiten lässt.“ Abgesehen von löblichen Ausnahmen wie beispielsweise dem Saal Löwer und der Kunstgalerie in der Langgasse sei der Umgang mit alter Bausubstanz in Haßloch nicht besonders beispielhaft, bemängelt der Architekt. Als Negativbeispiel nennt er das Dietzer Hofgut in der Langgasse 63, wo es kein Zusammenspiel zwischen Alt und Neu gebe, sondern wo nach dem Abriss der alten Bausubstanz „einfachste Zweckarchitektur“ errichtet worden sei. Wie in der Langgasse 47 ließen Eigentümer alte Anwesen lieber verfallen, um nach dem Abriss neu bauen zu können. „Man gibt sich nicht die geringste Mühe.“ „Diese Zerstörung der Ortskerne tut mir weh“, bekennt Hauss. Das Anwesen Langgasse 189, das eine im Ausland tätige Haßlocherin zusammen mit ihrem Ehemann zunächst als Ferienhaus und dann als Alterssitz für sich sanieren lasse, möchte der Architekt dagegen bis ins Detail „einerseits möglichst denkmalgerecht und andererseits energetisch optimal für zeitgemäße Wohnnutzung herrichten“. Architektonische Elemente und Materialien werden seinen Worten zufolge so eingefügt, „dass sie mit dem Bestand harmonisieren“. Hauss datiert das in typischer Haus-Hof-Bauweise errichtete Anwesen auf die Jahre 1800 bis 1850. Genauer kann er es nicht sagen, da für das in seiner Bausubstanz stark geschädigte Fachwerkhaus keine Baupläne mehr vorliegen. Für den Architekten bedeutete das, dass er das Gebäude erst einmal vermessen und aufzeichnen musste. Als zweiter Schritt folgte die Erstellung eines Holzschadengutachtens. Das Ergebnis: Die alten Holzdielen waren verfault, das Holz von Pilzen und Schädlingen befallen. Die Schwelle sei bei vielen Fachwerkhäusern das Problem, erklärt der Architekt. Das Gebäude an sich sei nicht denkmalgeschützt, zähle aber zu der sogenannten „erhaltenswerten Bausubstanz“, und die Sanierung wird über die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) gefördert. Die Kosten werden sich in den Dimensionen eines Neubaus bewegen, so Hauss, doch „die Wohnqualität ist eine andere“. Schließlich atme das Haus Geschichte, und überdies werde ökologischen Baustoffen der Vorzug gegeben, die Innenwände etwa mit Stampflehm und geschreddertem Kork verkleidet, die Fassade mit Kalk verputzt. Ende kommenden Jahres sollen die Arbeiten am ersten Bauabschnitt abgeschlossen sein, plant Hauss. Dann soll die Langgasse 189 mit 90 Quadratmetern Wohnfläche von außen wie ein klassisches Fachwerkhaus aussehen: mit Stulpfenstern und Klappläden zum Beispiel. Von innen soll das Wohngefühl aber auf jeden Fall heller und freundlicher als früher sein. Eine Firstverglasung, offene Elemente und ein Übereckfenster im ehemaligen Kartoffelkeller, dessen Decke auf das Deckenniveau des Erdgeschosses angehoben wird, sollen Licht in die Wohnräume bringen. Später solle in einem zweiten Bauabschnitt die Scheune noch zum Wohnen hergerichtet werden, so Hauss. Ganz konnte auf die Abrissbirne aber auch in der Langgasse 189 nicht verzichtet werden: Einige später angebaute Nebengebäude, die dem historischen Bild nicht entsprachen, sind nun Geschichte.