Neustadt Ein Denkmal für Marie

Inspiriert zu dem Film, der am 27. April im SWR zu sehen ist, haben den in Haßloch aufgewachsenen Kastenholz Liebesbriefe, die sich seine Großmutter Marie und der junge Flieger Josef, der an der Westfront im Juli 1918 wenige Monate vor Ende des Ersten Weltkriegs ums Leben kam, geschrieben hatten. Immer schon ging für Utz Kastenholz, einen der sieben Enkel Maries, von dieser Geschichte eine große Faszination aus. Drehbuchautor, Regisseur und Filmemacher Utz Kastenholz, der dem SWR-Publikum durch Filme zur Landesgeschichte bekannt sein dürfte, will mit seinem Werk, das auch Archivaufnahmen aus der Zeit des Ersten Weltkriegs zeigt, der Großmutter ein filmisches Denkmal setzen. Es sei nicht Absicht des Films, den Ersten Weltkrieg zu dokumentieren, sondern ein Alltagsbild aus der Vorderpfalz zu zeichnen. Einen besonderen Reiz hat die Geschichte außerdem, weil die damals 18-jährige Marie Vollweiler von der fast 15-jährigen Urenkelin Annika Weisbrodt und Josef Kellermann von ihrem Freund, dem 16-jährigen Philipp Herrmann, gespielt werden. Beide sind Schüler des Hannah-Arendt-Gymnasiums. Wie einer anderen Zeit entstiegen, sitzt Annika in der Rolle der Marie im bodenlangen Kleid auf der Bank am Küchentisch. „Mein lieber Josef“, beginnt sie in Sütterlinschrift mit kratzender Feder und Tinte einen ihrer zahlreichen Briefe zu schreiben, in denen sie ihren 24 Jahre alten Verlobten anfleht, das Fliegen mit den gefährlichen „Flugapparaten“ aufzugeben und zu ihr zurückzukehren. Denn der aus Amberg stammende Flugschüler der bayerischen Militärfliegerschule 2 war am 9. Mai 1918 nach fast vier Jahren Kriegseinsatz an die Westfront versetzt worden. „Annika, versuche noch etwas schneller zu schreiben“, gibt Utz Kastenholz Anweisung. Requisiteur Lothar Bauer rückt noch schnell Kaffeekanne und Becher zurecht. Dann wird um Ruhe gebeten. Die Kamera läuft: Einmal, zweimal, dreimal schiebt Beleuchter Joscha Brück Kameramann Ernst Krell auf dem Kamerawagen hin und her, bis für ihn die Szene perfekt im Kasten ist. Tonmeister Franz Hangauer hält das Mikrofon in Nähe der Schreibenden. Bei den ersten Aufnahmen wird klar, dass die Schauspieler hier nicht sprechen werden, sondern Atmosphäre schaffen sollen. Annikas schulterlange dunkelbraune Haare hat ein Meckenheimer Friseur zu früher Morgenstunde in die damals so modernen Wellen gepresst und in einem Knoten am Hinterkopf zusammengebunden. Diese Frisur trägt die echte Marie auch auf einem der wenigen Fotos, das sie mit Josef beim Feiern im „Wittelsbacher Hof“, Ecke Ohliggasse/Kühngasse, zeigt. Neue Szene: Marie holt ein Gesangbuch aus der Schublade und zieht ein Fotos des Geliebten heraus, das sie mit so viel Wehmut betrachtet, wie man das bei einem jungen Mädchen kaum erwartet hätte. Kennengelernt haben sich die beiden wohl irgendwann im Herbst/Winter 1917, vermutet Utz Kastenholz. Für den RHEINPFALZ-Fotografen schlüpft Philipp in eine Unform und setzt sich als Josef neben Marie. Es kommt ein Tag Ende Juli 1918, an dem Marie wieder ihren eigenen Brief an Josef in Händen hält: „Empfänger tödlich verunglückt – zurück zum Absender“, steht da in roter Tinte zu lesen. Man teilt ihr mit, dass Josef am 20. Juli 1918 in Courcelles (Frankreich) abgestürzt ist. Dann wird die Szene mit dem Medaillon gedreht: Annika hat ein wenig Probleme, es zu öffnen. Der Requisiteur muss helfen. Außerdem klebt Josefs Bild auf der falschen Seite, wie Maries Enkelin Eleonore, die Cousine von Utz, feststellt, die gerade im richtigen Moment die Dreharbeiten besucht. Wieder muss Lothar Bauer ans Werk. Das Medaillon hatte ihr die Großmutter einmal vor vielen Jahren geschenkt. Enkelin Eleonore beschreibt Marie als patente Mutter und Geschäftsfrau mit „ganz blauen Augen und schwarzen Haaren“. Mit ihrem späteren Mann, dem Malermeister Johann Kastenholz, habe sie die Söhne Horst, Siegfried und Richard großgezogen. Die Wohnung der Familie sei in der Bahnhofstraße 3 gewesen. Dort habe Marie auch lange Jahre ein Geschäft mit Farben und Lacken geführt, das 1958 von Eleonores Vater Horst Kastenholz übernommen worden sei. „Bis zu ihrem Tod hat Mutter ein Bild von Josef aufbewahrt, dessen Rahmen aus der Spitze eines Holzpropellers gemacht wurde“, berichtet Maries Sohn Richard Kastenholz. 60 Jahre nach Josef Kellermanns Tod habe das Bild auch noch in ihrem Sterbezimmer gehangen. Im Nachlass der Mutter seien zudem ein abgebrochener Propeller und ein Nähkästchen aus Propellerholz gewesen, das ein Freund in feinster Präzisionsarbeit angefertigt habe. „Briefe und Fotos waren all die Jahre in einem Zigarettenkästchen“, sagt Richard Kastenholz. Für den Film habe er die Korrespondenz aus der Sütterlin- in die heutige Schreibschrift übertragen. Alle Erinnerungsstücke habe er seinem Neffen, dem Filmemacher Utz Kastenholz, geschenkt. „Einmal kreiste Josef sogar über Haßloch und hat vom Flieger aus eine Meldefahne mit einem Liebesbrief an Marie abgeworfen“, berichtet Richard Kastenholz weiter. Josefs ungewöhnliche Art der Postbeförderung wurde im Garten des Ältesten Hauses von einem sechs Meter hohen Kamerastandort aus gedreht. Die Meldefahne war noch bis vor einem Jahr vorhanden, dann aber bei einem Wohnungsbrand zerstört. Die alte, deutsche Schrift nach Ludwig Sütterlin zu lernen sei ihr mit Hilfe des Internets nicht schwer gefallen, meint Annika. Auch das beim Film typische Warten nimmt sie mit der nötigen Gleichmut.