Neustadt Drei Tenöre bieten durchwachsene Kost

Deidesheim. Es gibt Kulturveranstaltungen, die das 21. Jahrhundert nicht mehr braucht. Die am Freitagabend in Deidesheim zu hörende „Gala der Tenöre“ gehört dazu. Leistungsfähige Hi-Fi-Geräte sind seit längerem einfach zu weit verbreitet, als dass mäßig gesungene Opernarien, nur von Pianist und Stehgeigerin begleitet, dagegen ankämen. Da hilft auch ein elektrisch leuchtender Kristall-Lüster auf einem Beistelltischchen mit Fruchtkorb nichts.
Unerfreulich ist die Sache auch deswegen, weil die stattlichen Eintrittspreise und das ausführliche und informative Programmheft Gediegeneres erwarten ließen, als tatsächlich geboten wurde: Die Sopranistin „Carola Reichenbach und ihr Berliner Solistenensemble“ bevölkerten die Bühne unter dem englischsprachigen Motto „Power and Passion“, ohne dass auch nur einziger Beitrag dem angelsächsischen Kulturkreis entstammte. Das Programm umfasste das einschlägige, seit Jahrzehnten definierte „Blauer-Bock“-Repertoire, neapolitanische Kunst-Volkslieder, Bekanntestes von Johann Strauß, italienische Oper von Donizetti, Verdi und Puccini. Da fehlte nur das schwungvoll geschmetterte „Granada“. Stattdessen gab es, seltsam genug in dieser Umgebung, Lieder von Schubert und Schumann, bei denen der Klavierpart nicht immer glücklich durch die Violine ergänzt wurde, und mehr oder weniger humoristische Wortbeiträge aus dem moderierenden Mund von Carola Reichenbach. Sie las im eleganten Glitzerkleid mit betont mondäner und routinierter Artikulation. Angesichts dieser weltläufigen Attitüde war es besonders unerfreulich, dass sie sich bei ihren Rezitationen relativ häufig verhaspelte. Wesentlich schöner durfte man es finden, wenn sie sang – allein oder im Duett mit einem der drei tenoralen Herren. Reichenbach verfügt über eine weitreichende, schlank geführte, elegante Sopranstimme, und namentlich in Puccinis „Un bel di vedramo“ aus der „Butterfly“ gab sie ein packendes Beispiel, wie man eine solche Arie durch klug disponierte Innenspannung von Anfang bis Ende mitreißend steigert. Sie tat das hochdramatisch und ungemein pathetisch, dies aber ganz im Sinne von Puccinis Musik. Eine solche Intensität gestaltenden Singens wurde an diesem Abend aber nur selten erreicht. Das mag zum Teil an der Begleitung liegen, die überwiegen in preußischer Kapellmeistermanier stur den Takt durchskandierte, was dieser Spielart italienischer Musik gewissermaßen den Lebensatem abschnürt. Das nahm dem zum Auftakt schmetternd gebrachten „Funiculi, Funicula“ einiges an Wirkung. Die Geige schien nur eine Klangfarbe und eine Lautstärke zu kennen, indes das Klavier durchaus mit diversen dynamischen Abschattungen aufzuwarten hatte und beispielsweise sehr hübsch die türkisch-janitscharische Episode in Johann Straußens Tritsch-Tratsch-Polka malte, die kurioserweise zweimal gespielt wurde. Nun aber zu den Stars des Abends: den drei Tenören. Sie waren durchwegs zunächst nicht sonderlich gut disponiert – das mag an dem problematischen Wetter gelegen haben – und steigerten sich zum Ende hin. Thomas Andersson ist der metallisch-strahlende, durchdringende Tenor, glänzend in den hohen Spitzentönen, aber recht schwach und in der Intonation nicht präzise, sobald differenzierte, abgestufte Dynamik gefragt ist . In Bizets Blumenarie aus „Carmen“ dreht er zu früh auf volle Leistung und kann dann nicht mehr wirkungsvoll steigern. Richard Neugebauer ist der schlanke, bewegliche, eher lyrische Tenor, manchmal unsicher, aber am Ende zunehmend überzeugend. Das endlos oft gehörte „O wie so trügerisch“ aus Verdis Rigoletto singt er frisch, federnd, mit einer gewissen Ironie, das ist sehr angenehm, zumal hier Klavier und Violine hinreichend Verdis Orchestersatz repräsentieren. Fabian Martino ist stimmlich der samtig-weiche, abgerundete Typ, doch gelingen ihm an diesem Abend viele Sprünge nicht klanglich rein, er muss häufig ein wenig korrigieren, weiß aber etwa in Verdis „Ah, si, ben mio“ aus dem „Troubadour“ durchaus zu gefallen. Rundherum schön gelingen die Musik aus „Fledermaus“ und „Zigeunerbaron“ mit prachtvoller Beteiligung Carola Reichenbachs, und zum Schluss musizieren die Interpreten italienische Weinlieder – im „Chiantiwein“ mit Beteiligung der Weinprinzessin – immer legerer und wohlklingender, so dass ihnen doch reicher Applaus im nur zu einem Viertel gefüllten Saal dankt.