Neustadt Dorfidylle mit märchenhaften Zügen

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«Neustadt.» Sie hat eine große Fangemeinde in Neustadt. Das zeigte sich am Freitagabend, als Mariana Leky bei Osiander ihre vor einem Jahr aus Gesundheitsgründen verschobene Lesung aus ihrem Roman „Was man von hier aus sehen kann“ nachholte. 160 Zuhörer, in der Mehrheit Frauen, lauschten gespannt und amüsiert der fiktiven Geschichte um die Ich-Erzählerin Luise.

In ihrer Einführung geriet Filialleiterin Luitgard Sander geradezu ins Schwärmen, als sie diesen Roman, 2017 Lieblingsbuch der Buchhändler, nach früheren Werken wie „Liebesperlen“ oder „Die Herrenausstatterin“ als „Krönung“ rühmte. Welche Passagen die 1973 in Köln geborene Autorin aus ihrem komplexen, im Westerwald spielenden Dorfroman auswählte, war für manche Zuhörer eine Überraschung. Denn das Tragische und Dramatische, das durchaus in dieser Geschichte geschieht, sparte sie zugunsten heiterer Szenen aus. Zum Einstieg präsentierte sie eine Passage aus dem ersten Kapitel ihres dreiteiligen Romans, in der Selma, Großmutter der Ich-Erzählerin Luise, wieder einmal von einem Okapi träumt. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich diese Nachricht im Dorf, denn jedes Mal starb nach einem solchen Traum einer der Einwohner. Wer wird der nächste sein? Die Reaktion der Menschen ist unterschiedlich, die meisten geben ihre Angst zwar nicht zu, werden jedoch wachsamer. Der Optiker, eine der Hauptfiguren, erklärt zwar, der Traum habe keinen Einfluss auf die Wirklichkeit, dennoch glaubt gerade er daran. Luises Vater dagegen, ein weitgereister Arzt, bezeichnet diesen Traum als „hanebüchenen Unfug“. Dass die Leute daran glaubten, hänge damit zusammen, dass sie, anders als er selbst, „zu wenig Welt in ihr Leben hineinließen“. Skurril wie die meisten Dorfbewohner ist jedoch auch er. Denn zum Geburtstag seiner Mutter Selma dreht er ihr einen Hund an, der seinen „eingekapselten Schmerz“ verkörpere, so die Diagnose seines Psychoanalytikers Doktor Maschke. Er solle diesen Schmerz „externalisieren“, weshalb er sich den Hund zulegte, den er nun seiner Mutter überlässt. Er will ihn „Schmerz“ nennen, doch die Entscheidung fällt für „Alaska“, den Namen, den Luises Schulfreund Martin vorschlägt. Erst im dritten Teil ihrer Lesung lüftet Leky das Geheimnis um den Toten. Als die inzwischen 22-jährige Luise im Wald nach dem entlaufenen Hund sucht, tauchen wie aus dem Nichts drei buddhistische Mönche auf. Unter ihnen Frederik, dessen türkisfarbene Augen sie faszinieren. Lapidar wie in einem Protokoll stellt sie sich vor und erwähnt, dass ihr bester Freund – den Namen Martin nennt sie nicht – vor zwölf Jahren zu Tode kam, als er sich im fahrenden Zug an die nicht geschlossene Tür lehnte. Mehr über diesen tragischen Unfall und Luises Traumatisierung erfuhren die Zuhörer nicht. Spannung weckte die Autorin mit der sich anbahnenden Liebesgeschichte zwischen Luise und dem deutschen Mönch, der in Japan lebt. In ihrer einstündigen Lesung, für die sie viel Applaus erhielt, gab Leky einen Einblick in eine mitunter realistisch, dann wieder märchenhaft gezeichnete, fast idyllische Dorfwelt, in der die Menschen eng miteinander verbunden leben und bei Schicksalsschlägen zueinander stehen. Eine mit überbordender Fantasie und feinem Humor erzählte Geschichte von Tod, Aberglaube und Lebenslust, von Liebe und Abschied, eine Welt, in der Tragik und Komik ineinander greifen, wie Leky in der anschließenden Diskussion in der ihr eigenen bildhaften Sprache verdeutlichte. Was inspirierte die in der Großstadt Köln aufgewachsene Autorin dazu, ausgerechnet in einem Westerwald-Dorf einen in sich geschlossenen Kosmos zu erschaffen? Die Gegend sei ihr vertraut, da ihre Eltern dort ein Ferienhaus hatten. „Es ist ein Ort, an dem ich mich festhalte“. Bis auf den Psychiater Maschke seien die Figuren erfunden, für ihn lieferte übrigens ihr Vater das Vorbild. Auch eine kritische Stimme gab es an diesem Abend, als ein Zuhörer der Autorin in diesem Roman „eine eskapistische Realitätsverweigerung“ attestierte. Darauf versprach sie, im persönlichen Gespräch einzugehen. Auf einen neuen Roman müssen Lekys Fans übrigens noch warten, da die Autorin derzeit als eine Art Schreibtherapeutin in einer Haftanstalt tätig ist. LESEZEICHEN Mariana Leky: „Was man von hier aus sehen kann.“ Roman. Gebunden, 319 Seiten, 20 Euro, DuMont Buchverlag

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