Neustadt „Die Welt ist nicht nur schön“

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Die „richtigen“ Lehrer der Zehntklässler sitzen diese Woche im Leibniz-Gymnasium meist an den Schülertischen. Vorne stehen Menschen, die in verschiedenen Funktionen beruflich oder ehrenamtlich mit dem Thema Asyl befasst sind. Sozialdezernent Ingo Röthlingshöfer beispielsweise, RHEINPFALZ-Redakteur Ilja Tüchter oder die Sprecherin des Arbeitskreises Asyl, Ulrike Gauglitz. Der Unterricht findet auch nicht nur in der Schule statt, sondern auch mal auf der Straße. Denn zu den Aufgaben gehört eine Passantenbefragung. „Ich find’s gut, dass wir mal mehr über das Thema erfahren“, sagt eine Schülerin. Es werde ja so viel erzählt, was gar nicht stimme. „Erfahren“ heißt bei dieser Projektwoche nicht nur hören, sondern auch sehen. Am Montagabend kommt der Plastische Chirurg André Borsche aus Bad Kreuznach in die Schule, und die Fotos, die er mitbringt, sind nicht nur für einen behütet aufgewachsenen 16-Jährigen harte Kost. Borsche operiert seit vielen Jahren mit der Organisation Interplast Menschen, die durch Kriegsverletzungen, Unfälle oder Krankheiten verunstaltet sind. „Ich werde euch damit nicht verschonen“, sagt er gleich zu Beginn. „Die Welt ist nun einmal nicht nur schön.“ Wie hässlich sie sein kann, hat Borsche zuletzt in einem Flüchtlingslager in der Türkei erlebt, nahe der syrischen Grenze. Dort hat er einen Monat lang Menschen behandelt, die im Krieg entstellt wurden. Das Schlimmste, so erzählt er, sei die Perspektivlosigkeit der Menschen. Sie wollten in ihr Land zurück, doch dort werde noch immer gebombt und geschossen. Fragen sind im Anschluss an den Vortrag erwünscht, doch von den jungen Zuhörern meldet kaum einer sich zu Wort. Erst am nächsten Tag, so erzählt Lehrer Adolf Kluth, werden die Eindrücke, die die verstörenden Bilder hinterlassen haben, thematisiert. „Ich denke, was die Schüler mitgenommen haben, ist, dass wir hier sozusagen auf einer Insel der Seligen leben.“ Zwei Tage später, als Ulrike Gauglitz die Schule besucht, ist die Atmosphäre völlig anders. Als die Referentin fragt, was die Schüler denn so über die Flüchtlinge denken, muss sie nicht lange auf Antworten warten. Die meisten betonen erst einmal, dass sie es grundsätzlich wichtig und richtig finden, dass Deutschland Flüchtlinge aufnimmt. Aber sie stellen auch viele Fragen. Zur Rolle der Frau in den Fluchtländern beispielsweise oder zur Frage, wie die Entstehung von Parallelgesellschaften verhindert werden könne. Eine Schülerin wirft ein: „Es muss doch auch in den Fluchtländern eine Lösung gefunden werden, Deutschland kann doch nicht die ganze Welt aufnehmen.“ Gauglitz bleibt vielfach nichts anderes übrig, als zu bestätigen, dass auf all diese Probleme bisher noch niemand eine Antwort gefunden hat. Dass ihre grundsätzlich positive Haltung zu den Flüchtlingen von einem großen Teil der Bevölkerung geteilt wird, erfährt eine Gruppe von Schülern bei einer Passantenumfrage. Nur wenige lassen die jungen Leute abblitzen, die meisten nehmen sich die Zeit, die Fragen zu beantworten. Dabei zeigt sich unter anderem, dass viele Bürger nicht wissen, wie viele Flüchtlinge eigentlich zurzeit in Neustadt leben. „Die Antworten reichten von 100 bis 5000“, erzählt Wolfgang Leuthner. Der ehemalige Leibniz-Lehrer, der bereits seit einigen Jahren im Ruhestand ist, hat die Projektwoche wie jedes Jahr organisiert und betreut sie zusammen mit Kluth. Die tatsächliche Anzahl der Flüchtlinge in Neustadt liegt übrigens mittlerweile bei rund 650 Menschen. Die Umfrage soll noch weiter geführt werden, bis Ende der Woche sollen etwa 200 Bürger befragt werden, erklärt Leuthner. Im Anschluss werden die Schüler sie auswerten, wenngleich es sich laut Leuthner um eine Zufallsumfrage ohne statistische Aussagekraft handelt. Die Beschäftigung mit der aktuellen Flüchtlingswelle ist in der Projektwoche eingebettet in das größere Thema Migration. Es gehe darum, herauszuarbeiten, was Menschen bewege, ihre Heimat zu verlassen, sagt Kluth. Und deutlich zu machen, dass auch Deutsche im Laufe der Geschichte häufig ihre Heimat verlassen haben und es auch heute noch tun. Am Leibniz-Gymnasium selbst gibt es nach Angaben von Schulleiter Rudolf Eyckmann derzeit nur etwa acht bis zehn Flüchtlingskinder. Sie würden, bis auf den Sprachkurs, in den Regelklassen mit unterrichtet und seien zum großen Teil trotz mangelnder Sprachkenntnisse gut integriert.

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