Ruppertsberg
Die Stimmen der Steine – ein neues Buch stellt die Pfarrkirche St. Martin vor
Über die spätgotische Ruppertsberger Pfarrkirche St. Martin gibt es bislang keine eigenständige Publikation, nicht einmal einen kleinen Führer. Sie tauchte bis dato allenfalls in Überblickswerken auf. Diese Lücke wollen Erich Bien und Franz-Josef Knoll jetzt mit einem eigenen, reich bebilderten Buch schließen.
„Voces Lapidum – Die Stimmen der Steine in der Kirche St. Martin zu Ruppertsberg“ heißt das Werk, das Bien und Knoll dieser Tage frisch aus der Druckerei erwarten. Zu der markanten katholischen Kirche im Dorfzentrum – im Kern eine spätgotische Hallenkirche mit etlichen Bestandteilen allerdings auch aus anderen Epochen – haben beide eine innige Beziehung. Für Bien, einen gebürtigen Ruppertsberger, der allerdings mittlerweile in Hambach lebt, war es die Kirche seiner Kindheit und Jugend, Knoll, der vor 50 Jahren aus Lindenberg zuzog, hat hier seiner Ursula, der späteren, langjährigen Ortsbürgermeisterin, das Ja-Wort gegeben.
Er sei – anders als sein Co-Autor – eigentlich kein religiöser Mensch, erklärt der 72-Jährige, aber es fasziniere ihn, „wie das Heilige hier inszeniert ist“. Und er sei dankbar, dass Bien ihm viele Zusammenhänge aufgeschlüsselt habe. Der „manische Fotograf“ (Knoll über Knoll) war bei dem Projekt vor allem für die Bilder zuständig, von denen es letztlich 70 ins fertige Buch schafften, sowie fürs Layout. Der Text stammt vom Kollegen, der als ehrenamtlicher Kirchenführer entlang der Weinstraße, über einschlägige Erfahrung verfügt.
Eine nicht ganz unkomplizierte Baugeschichte
Studierte Kunsthistoriker sind beide nicht – Bien (68) arbeitete bis vergangenen November als Biologe am Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum (DLR), Knoll war Geschäftsführer einer Leasingfirma in Karlsruhe –, und so erheben sie mit ihrer Veröffentlichung auch keinen wissenschaftlichen Anspruch. Das Buch wirkt deshalb in mancherlei Hinsicht auch eher unorthodox, besonders im Aufbau. Ganz deutlich ist das schon im Titel angedeutete Bestreben, die Steine sprechen zu lassen – kein schlechter Ansatz bei einem Gotteshaus mit nicht ganz unkomplizierter Baugeschichte und manchen offenen Fragen, weil schlicht die historischen Quellen fehlen.
Erstmals erwähnt wird die Kirche ziemlich spät – erst 1294 taucht sie in einem Dokument auf. Das Patrozinium jedoch weist auf eine ältere Tradition hin, schließlich war St. Martin so etwas wie der fränkische Nationalheilige. Das heutige Gebäude ist aber deutlich jünger. Ein wesentlicher Teil entstand in der Spätgotik – wann genau, da will sich Bien nicht festlegen. Ein Schlussstein mit dem Wappen des Speyerer Fürstbischofs Ludwig von Helmstatt, der bis 1504 regierte, könnte einen Hinweis geben. Die Speyerer Bischöfe hatten zusammen mit einigen Adelsgeschlechtern, von denen sich ebenfalls Wappen erhalten haben, die Dorfherrschaft inne.
Ein Spitzenwerk der spätgotischen Bildhauerkunst
Einbezogen wurde bei dem spätgotischen Bau auch ein Joch des Vorgängerbaus. Ein weiteres fügte man – zusammen mit der Chorapsis und dem kompletten Turm – im 19. Jahrhundert in neugotischen Formen hinzu. So präsentiert sich das Innere heute als lichte dreischiffige Hallenkirche mit insgesamt fünf Jochen, achteckigen Pfeilern und Kreuzrippen-Gewölben, die vor allem aufgrund eines ganz besonderen Ausstattungsstückes auch für auswärtige Kunstfreunde durchaus von Interesse sein sollte.
Dabei handelt es sich um die wohl um 1510 entstandene Kanzel, ein Werk des Heidelberger Bildhauers Lorenz Lechler (oder Lechner), das nach der Säkularisierung 1803 aus der Wormser Liebfrauenkirche nach Ruppertsberg kam, dessen Kirche selbst in der Zeit der Revolutionskriege schwer gelitten hatte. Diese durch Figuren-Reliefs und Blendmaßwerk reich gegliederte Kanzel darf als absolutes Spitzenwerk der spätgotischen Bildhauerkunst gelten und wird im Buch deshalb auch gebührend gewürdigt. Bien, Jahrgang 1957, hat sie in Vor-Vaticanum II-Zeiten sogar noch im Einsatz erlebt. An das sogenannte „Ewige Gebet“ erinnert er sich besonders gut. Allerdings erscheint der Zugang zu der filigranen Konstruktion geradezu halsbrecherisch. Er erfolgte wohl über eine ziemlich steile, angelehnte Holz-Stiege.
Ansonsten hat sich an älteren Ausstattungsstücken nicht viel in St. Martin erhalten. Der Hauptaltar und die farbigen Chorfenster zum Beispiel sind modern. Es gibt allerdings unter anderem noch sechs schöne Kragsteine in Kopfform, die vermutlich aus dem Vorgängerbau stammen. Auch zwei Seitenaltäre, neugotisch, aber mit einer barocken Muttergottes, sind noch vorhanden, sowie ein Gedenkstein für den 1541 verstorbenen kurpfälzischen Groß-Hofmeister Ernst-Ludwig von Fleckenstein, der wohl in Ruppertsberg begütert war, und dessen Ehefrau Ursula von Ingelheim.
Die Kirche als ein Ort des Glaubens
All das und noch viel mehr wird im Buch in (kurzem) Text und (schönem) Bild gewürdigt – sogar auf die Suche nach Steinmetzzeichen haben Bien und Knoll sich begeben. Weil es vor allem Bien aber auch darum ging, die Kirche nicht nur als musealen Kasten, sondern als Ort des Glaubens vorzustellen, widmet es sich unter anderem auch der Zahlensymbolik des christlichen Mittelalters oder der sakralen Bedeutung des Lichts. „Manchmal musste ich ihn fast stoppen, damit es nicht zu religiös wird“, lacht Knoll, der auch für die beachtliche Größe dieser „Dorfkirche“ seine ganz eigene Erklärung hat: „Es gab in Ruppertsberg eben viele Sünder.“
Noch Fragen?
Erich Bien und Franz-Josef Knoll stellen ihr im Eigenverlag herausgegebenes Buch „Voces Lapidum – Die Stimmen der Steine in der Kirche St. Martin zu Ruppertsberg“ am kommenden Freitag, 21. November, um 18 Uhr direkt in der Kirche vor. Der Eintritt ist frei. Das Buch im Format 17 x 24, wie es bei Sachbüchern weit verbreitet ist, hat 60 Seiten und kostet 18 Euro. Es ist über die Öffentliche Katholische Bücherei in Ruppertsberg erhältlich oder kann unter fjk@franz-josef-knoll.de bestellt werden.