Neustadt
Die „Neue“ an der Spitze der Stiftskantorei
Sie hört sehr aufmerksam zu, antwortet überlegt und dezidiert. Dennoch spürt man in jedem Moment ihre innere Bewegung, ihre Begeisterung für die traditionsreiche künstlerische Institution, deren Geschicke sie seit Anfang November in verantwortlicher Position mitgestaltet: Rita Oberbeck, die jetzt nach 30 Jahren Reinhild Müller-Hasse als Vorsitzende des wohl bedeutendsten Oratorienchors der Region, der Neustadter Stiftskantorei, ablöst.
Schon nach der ersten Probe war klar: Das ist es!
Vier Jahre hatte die aus Dannstadt stammende und jetzt auch wieder dort beheimatete Informatikerin bei der BASF zuvor bereits als stellvertretende Vorsitzende an der Seite von Reinhild Müller-Hasse agiert. „Ich hatte Gelegenheit, in allen Belangen sozusagen eingearbeitet zu werden. Das war enorm hilfreich. Und wir haben wirklich perfekt harmoniert“, lobt Oberbeck nachdrücklich.
Bei der Stiftskantorei habe sie 2010, nach ihrer Rückkehr nach Dannstadt, vorgefühlt. „Und es hat mir nach der ersten Probe so gut gefallen, dass ich Reinhild sofort mit einem Antrag zur Aufnahme überrascht habe.“ Sie lacht. Simon Reicherts Proben habe sie auf Anhieb als inspirierend und motivierend empfunden. „Ich hatte ja lange pausiert und war gespannt, wie das klappen würde. Aber danach war klar: Das ist es!“
Zu Hause in Dannstadt, wo sie 1965 zur Welt kam, durfte Rita Oberbeck schon früh Erfahrungen im Kinderchor der Kirchengemeinde sammeln. „Ich durfte auch oft vorsingen, war immer schrecklich aufgeregt davor“, erinnert sie sich leicht belustigt. „Meine Eltern waren beide im Kirchenchor aktiv, und so war es ganz selbstverständlich, dass Kinder- und Kirchenchor auch meinen Weg bestimmten.“ Vor allem aber, so bekennt sie dankbar, habe der großartige Musikunterricht am Ludwigshafener Geschwister-Scholl-Gymnasium die Grundlagen für die Hinwendung zur klassischen Musik gelegt. „Es gibt ja nicht viele Menschen, die ihre Schulbildung als positiv erlebt haben. Aber ich bin bis heute dankbar für meinen anregenden Musikunterricht und dafür, dass ich beispielsweise gelernt habe, Partituren zu lesen.“
Bachs h-Moll-Messe als Schlüsselerlebnis
Nach dem Abitur ließen Ausbildung und Beruf die Kirchenmusik erst einmal ins Hintertreffen geraten. Das dauerte lange, bis die Neustadter Stiftskantorei in den Blick rückte und Rita Oberbeck ihre Stimme, die zwischen Mezzosopran und hohem Alt einsetzbar ist, wieder reaktivierte. Als eines ihrer prägendsten Ereignisse überstrahlen „all die vielen wunderbaren Konzerterfahrungen“ die Aufführungen der h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach im September 2014 in Neustadt und Weidenthal. „Ein Schlüsselerlebnis für mich, und spätestens da wusste ich, dass ich mich für die Stiftskantorei auch künftig mit aller Kraft einbringen würde.“
Als fantastisch bezeichnet Rita Oberbeck die enorme musikhistorische Bandbreite, die Reichert pflegt. „Mir gefällt auch, dass er uns immer wieder für die zeitgenössische Musik zu begeistern weiß, neben Händel, Bach und Brahms eben auch Arvo Pärt oder Kristian Nyquist erarbeitet.“
Der Job verlangt auch viel Sinn für Organisation
Das Künstlerische ist die eine Seite, als Vorsitzende ist aber mindestens genauso Oberbecks Sinn für Struktur und Organisation gefragt. Und eine Art der Kommunikation, die alle Beteiligten liebevoll und stetig zusammenhält, sowie Dauerpräsenz bei Veranstaltungspartnern wie Publikum. „Ich habe Reinhild über die Schulterschauen dürfen, von ihrer Erfahrung unendlich viel gelernt und kann mich nur beglückwünschen zu einer solchen Lehrmeisterin.“ Aber künftig will sie gemeinsam mit dem künstlerischen Leiter Reichert und ihrem Vorstandsteam Ute Hempel (2. Vorsitzende), Cordula Broszies (Rechnerin) und Friederike Durek (Schriftführerin) eventuell ein paar neue Impulse starten. Corona verleiht all dem einen zusätzlichen Akzent, raubt ein Stück der früher so selbstverständlichen Unbekümmertheit. „Aber wir hatten jetzt das Glück dieser wunderbaren Brahms-Aufführung mit einer topbesetzten Kantorei. Es wird weitergehen, und ich freue mich auf jede neue Herausforderung.“
Reinhild Müller-Hasse hört nach über 30 Jahren auf: selbstbestimmt und ohne jeden Groll
„Natürlich ist da auch ein bisschen Wehmut mit im Spiel“, gesteht Reinhild Müller-Hasse. Wie sollte sich das auch sonst anfühlen, nach drei Jahrzehnten ehrenamtlichen Engagements in einem Amt, das zu Hochzeiten – Weihnachten, Ostern, Festivals - selbst einen Profi abendfüllend in Trapp gehalten hätte. „Aber es war meine Entscheidung, nicht mehr für den Vorsitz der Stiftskantorei zu kandidieren. Ich gehe ohne äußere Not, in vollkommenem Einklang mit dieser wunderbaren künstlerischen Institution, die ich 30 Jahre mit aller Kraft und sehr viel Freude unterstützt habe. Es ist jetzt einfach mal gut.“
Sie sei jetzt in einer Lebensphase, wo es wichtig sei, auch mal auf das eigene Selbst zu schauen, nach Input für die eigene Seelenlandschaft Ausschau zu halten. Und im Übrigen sehr froh, mit Rita Oberbeck eine Nachfolgerin gefunden zu haben, die für ihre Aufgabe brenne. Sie werde sich für die nächste Zeit bewusst einfach mal eine Weile ausklinken, so Müller-Hasse, auch vom Singen. „Ich will ein klares Signal setzen: Jetzt ist Rita Oberbeck am Ruder. Und sie soll ihr Amt unbeeinflusst und unbelastet gestalten können.“ Und auch dies sei ein starkes Motiv für ihren Rückzug gewesen, sagt Reinhild Müller-Hasse: „Nach 30 Jahren braucht es Raum für neue Ideen, muss dies und jenes hinterfragt, eventuell auch mal umgemodelt werden.“
Geboren und aufgewachsen in Eberholzen bei Hildesheim war die studierte Sozialpädagogin über ein paar Umwege beruflich in Neustadt gelandet, wo sie es recht angenehm fand. „Aber die Stiftskantorei wurde das, was ich als Heimat bezeichnen würde – all die wunderbare Musik, die wir gemeinsam gestaltet haben, das tragfähige Netzwerk, das ich in all den Jahren aufbauen durfte, und nicht zuletzt der fantastische Teamgeist, der uns auch in schwierigen Zeiten niemals verlassen hat. Für all dies bin ich wirklich sehr, sehr dankbar“, betont sie.