Neustadt Die Mischung macht’s

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Neustadt. Zwei Akustik-Gitarristen, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten, trafen am Freitag im „Wespennest“, dem Seminarsaal über dem Wirtshaus „Konfetti, aufeinander: Claus Boesser-Ferrari und Jacques Stotzem. Schon äußerlich stellen die beiden einen sichtbaren Kontrast dar. Der eine, Boesser-Ferrari, ganz in Schwarz gekleidet mit langen weißen Haaren, der andere, Stotzem, dagegen in legerer Straßenkleidung und mit einem sehr breiten Mittelscheitel gesegnet.

Musikalisch liegen ebenfalls Welten zwischen ihnen. Der in Bellheim geborene und heute an der Bergstraße lebende Boesser-Ferrari ist bekannt für seine Experimentierfreude, herkömmliche Songaufbauten sind in seinem Repertoire eher selten zu finden. Der Belgier Stotzem ist ein begnadeter Fingerstyler, der allerdings aus seiner Vorliebe für Rock und Blues und deren Heroen Jimi Hendrix und Rory Gallagher keinen Hehl macht. Etwas aber verbindet die beiden: die Liebe zur Musik, stilistische Offenheit und großes handwerkliches Können. Bei den „Wespen“ hatten sie ihre Show dreigeteilt. Jeder von ihnen absolvierte einen Soloauftritt, und als besonders Schmankerl präsentierten sich beide zum Schluss noch gemeinsam. Boesser-Ferrari enterte als erster die Bühne im vollbesetzten Saal. Sein Einführungsstück „Saburo“ gab der 63-Jährige auf einer von dem anwesenden Neustadter Gitarrenbauer Peter Wahl hergestellten Resonator-Gitarre zum Besten, und schon nach wenigen Takten stand allen der Mund offen. Solche Klänge hatte man von Wahls Instrumenten noch nie gehört. Boesser-Ferrari zupfte die Saiten, schlug sie, zog sie bis an die Zerreißgrenze, trommelte auf dem Corpus, feuchtete seinen Mittelfinger an, rieb damit auf dem Gitarrenkörper hin und her und erzeugte so beinahe avantgardistische Sounds, wie man sie so nur aus der Frühphase von „Pink Floyd“ her gewohnt ist. Kompositionen mit Namen wie „Mutter B.“, „Es geht eine dunkle Wolke heran“ oder „Noise“ gingen nahtlos ineinander über, während im Kopf der Zuhörer Bilder entstanden, die Klangzauberer Boesser-Ferrari mal sanft in die Gehirne malte, mal aggressiv zerstörte, um mit einem neuen Anlauf die Fantasie seines Publikums in eine andere Richtung zu lenken. Der Begriff vom „Kopfkino“ mag abgedroschen sein – hier traf er aber voll zu. Als der Gitarrist, der schon Ende der 1970er Jahre mit der damals von ihm gegründeten Folkrock-Band „Thorin Eichenschild“ erfolgreich war, nach ungefähr 40 Minuten seine Show beendete, brauchten alle erst einmal eine längere Pause, um ihren temporär psychedelisch veränderten Bewusstseinszustand wieder zu sortieren und voll konzentriert Jacques Stotzem lauschen zu können. Der spielte sich zunächst mit der schnellen Nummer „Twenty-One“ warm, widmete dann seiner Heimatstadt Verviers ein romantisches Lied mit dem Titel „Sur Vesdre“, um sich danach dem Musiker zuzuwenden, der sein Spiel, nach eigenen Worten, am stärksten beeinflusst hat: Rory Gallagher. Stotzem brachte zunächst eine herrliche Akustik-Version von einem der bekanntesten Stücke des Iren, „Moonchild“, zu Gehör, legte mit „Wheels Within Wheels“ nach und interpretierte im Anschluss eine so vorher noch nie gehörte Version von „Out On The Western Plain“. Der Country-Blues stammt ursprünglich von Hudson William Leadbetter, besser bekannt als „Leadbelly“, und gehörte später in veränderter Form zum Standardprogramm von Rory Gallagher. Stotzem spielte einen Mix aus beiden Fassungen und baute noch eigene Ideen dazu ein. Mit Jimi Hendrix´ „Hey Joe“, „Honky Tonk Woman“ von den „Rolling Stones“ und der von ihm geschriebenen einzigartigen Filmmusik „Something To Remember“ – „der einzigen von mir geschriebenen Filmmusik, die gleichzeitig die einzige Filmmusik ist, zu der es keinen Film gibt“ – beendete der 56-Jährige seinen gelungenen Solo-Vortrag. Zusammen mit Boesser-Ferrari bewies er im Anschluss, dass auch er durchaus in der Lage ist zu improvisieren und zu experimentieren. Die beiden spielten ohne Vorbereitung „Winnetou’s Last Ride/Ghost Town“, eine Boesser-Ferrari-Soundcollage, bei der Stotzem sehr wacker mitmischte. Umgekehrt stimmte er im Anschluss George Gershwins „Summertime“ an, ein Song bei dem sich der Deutsche anpassen musste, was ebenfalls sehr gut klappte. Für die Zugabe hatten sich die beiden schließlich einen Blues der „Beatles“ aufgehoben: „Come Together“. (hk)

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