Neustadt Die Klatschbas’ und Goethe

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Klatsch und Tratsch, Gerüchte und Geschichten „vun sellemols“ sind die beherrschenden Themen einer Stadtführung durch Deidesheim der ganz besonderer Art. Auf Pfälzisch: „Geredd, Geschwätz, Gebabbel“. So heißt die Erlebnisführung. 34 Mitläufer sind bei der Jüngsten dabei.

Am Geißbockbrunnen, dem Ausgangspunkt der Führung, erzählt Peter Heitel alias Jean d`Escargeau, der Schneckenflüsterer, vom Höhepunkt des Pfälzer Brauchtums, der Kerwe, und beschrieb die Vorbereitungen im Dorf, den Ablauf und wie man das Kerwegeld am besten anlegt, um mit schönen Mädchen Bekanntschaft zu machen. Seinerzeit wie auch heute erzählten die Alten, dass die Kerwe früher viel schöner gewesen sei und kommentieren Mode und Benehmen der jungen Leute. Später berichtet Heitel als Gutsverwalter Jean „le Bubbes“ von seinen Aufgaben als Vertreter des Gutsherrn, der viel in Berlin und München unterwegs war, um sich politisch, zum Beispiel bei der Weingesetzgebung, einzubringen. Dann kommt Kattel, die Klatschbas’ daher (Heidi Feickert), die alles hört und weiß, „wer mit wem unterm Teppich liegt“. Sie erzählt, dass Goethe der Meinung war, Deidesheim sei ohne den Fürstbischof von Speyer, der hier Wein kaufte, ein Kuhdorf geblieben, und manch delikate Geschichte vom Adel hinter vorgehaltener Hand erzählt. Ein Lehrer habe den ersten Winzerverein gegründet und später einen Geselligkeitsverein, wie man die Herrenclubs auf Weinverkaufsreisen in England kennengelernt hatte. Die Klatschbas’ weiß auch: Während die Herren eben im Casino waren und die Dorf- und Weltpolitik diskutierten – sicherlich bei einem guten Tropfen Deidesheimer Weins - , hätten die Damen der Gesellschaft ihre Kaffeekränzchen gehalten, bei denen viel Sekt getrunken und modische Kataloge zum Beispiel aus München herumgereicht wurden. Der Pfarrer soll einmal gesagt haben, „euch hört man über hundert Schritte weit schnattern“. Andere wichtige Themen waren Frisuren und Haare, die mit Lockenscheren bearbeitet wurden, um das Haar ähnlich einer Dauerwelle zu legen. Da diese im Feuer erhitzt wurden, kam es leicht zu Verbrennungen. Wer schön sein wollte, musste auch damals manchmal leiden. „Susanna von Hochstetten“, Gesellschaftsdame von Exzellenz Frieda, Gattin des Reichsrats von Buhl, begrüßt im Hof des Weinguts die Gruppe. Plötzlich fällt ihr ein, dass sie ja noch das Rezept vom bayerischen Leberkäs haben wollte, und geht mit den Zuhörern durch das Hintertürchen in die Stadtmauergasse, die ehemals eine Einkaufsstraße war. Hier befanden sich ein Kolonialwarengeschäft, eine Schmiede, Dachdeckerei, Schreinerei und Metzgerei. Die Pfarrersköchin Zilli aus Bayern (Elke Metzger) hält die Pfälzer für sparsam, weil sie Deisem statt Deidesheim oder Heschde statt Hauenstein sagen. Dennoch erkennt sie an, dass die Weinbarone eine Kinderverwahranstalt, eine Reithalle und ein Schwimmbad – vom Volksmund Wäschschüssel genannt – geschaffen hätten. Und klärt auf, im Leberkäs’ sei niemals Leber – das Wort leite sich von Leib ab. Der Ausrufer und Totengräber Schambes (Pfälzer Kurzform von Jean-Baptist), hier von Herbert Giessen dargestellt, erzählt unter anderem, dass das Bürgerspital 1494 von Ritter Nikolaus von Böhl gegründet wurde und noch heute nach dem Willen seines Stifters alten und in Not geratenen Menschen hilft. Die Gäste sind zwei Stunden voll bei der Sache, so interessant sind die Geschichten, so gelungen die Überleitungen zur jeweils nächsten Station und markanten Deidesheimer Persönlichkeit. Und so überzeugend sind die Darsteller – alle aus dem Kreis der Gästeführer – in ihren historischen Kostümen. Solche Führungen werden auch nächstes Jahr als Erlebnisführung durch Deidesheim angeboten. Unter www.deidesheim.de können die Termine angesehen werden. „Sie können aber auch privat außerhalb des Terminplans gebucht werden“, erklärt Sabine Strottner, Mitarbeiterin bei der Tourist-Information in Deidesheim. |stgi

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