Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Die „Königin“ feiert Geburtstag – was das Jahr kirchenmusikalisch an der Stiftskirche bringt

Mit einem Gottesdienst wurde die neue Chororgel der Stiftskirche am 6. März 2016 eingeweiht. Fast genau zehn Jahre später wird d
Mit einem Gottesdienst wurde die neue Chororgel der Stiftskirche am 6. März 2016 eingeweiht. Fast genau zehn Jahre später wird dies am 7./8. März gefeiert – unter anderem mit einer Orgel-Gala.

Mit einem Jubiläumswochenende zu Ehren der Edskes-Orgel, die erstmals vor zehn Jahren erklang, startet die Stiftskirchenmusik im März ins neue Jahr.

Nach dem Wunsch von Bezirkskantor Simon Reichert und gewiss auch vieler Freunde der Kirchenmusik sollten sich eigentlich längst die Klänge einer großen Orgel von der jetzt „leeren“ Empore der Stiftskirche ins Schiff verströmen. Zukunftsmusik. Aber wenigsten gibt es im Seitenschiff neben dem Altarraum das hochkarätige Instrument der Manufaktur Edskes, das weit mehr ist als eine funktionale Chororgel. Und das in diesem Jahr seine erstes kleines Jubiläum begeht.

Ein ganzes kirchenmusikalisches Projekt hat Simon Reichert um den 10. Geburtstag der schmucken und klanglich sehr besonderen „Königin“ gebaut und dazu namhafte Interpreten verpflichtet. Beginn ist am Samstag, 7. März, 19 Uhr, mit einer Orgel-Gala unter der Überschrift „Bach und Improvisation“. Am Spieltisch Platz nehmen werden die Professoren Stefan Viegelahn (Musikhochschule Frankfurt), Thomas Lennart (Musikhochschule Leipzig), der Mainzer Domorganist Daniel Beckmann sowie der Hausherr selbst. „Die eingeladenen Organisten stehen jeder für sich als ausgewiesene Interpreten für Improvisation“, so Simon Reichert. „Und wir wollen ja vor allem zeigen, was diese wunderbare Orgel alles kann.“

Ein Jahrhundertfund erklingt erstmals in Neustadt

Von Johann Sebastian Bach, dessen Werk im Fokus steht, wird unter anderem die Ciacona d-Moll erklingen, eine der beiden Kompositionen aus der Feder des Thomaskantors aus dem erst vor wenigen Monaten entdeckten Jahrhundertfund in Brüssel. Die Stücke stammen aus Bachs Arnstädter Zeit (1703-07), wurden von seinem Schüler Salomon Günther John kopiert und über 30 Jahre lang in der Königlichen Bibliothek der belgischen Hauptstadt unerkannt aufbewahrt, bevor sie durch das Bach-Archiv Leipzig identifiziert wurden.

Teil der Jubelfeierlichkeiten ist auch ein besonderer Gottesdienst am Sonntag, 8. März, 10.30 Uhr, für den die Stiftskantorei die Bach-Motette „Jesu, meine Freude“ einstudiert hat. Gleich im Anschluss, um 12 Uhr, ist das Auditorium eingeladen, sich gemeinsam mit Andreas Bösch, dem Chef und Orgelbaumeister der schweizerischen Manufaktur Edskes ganz praktisch ins Innere des Mysteriums Orgel zu begeben. Nach mittäglicher Verschnaufpause lockt danach das Programm „Viola Appassionata“ um 15 Uhr mit italienischer Virtuosenmusik des 16. und 17. Jahrhunderts erneut in die Stiftskirche. Sie wird kredenzt vom „Ensemble Art d’Echo“ in der nicht ganz alltäglichen Besetzung mit einer Sopranistin (Juliane Schubert), einer Barockharfe (Maximilian Ehrhardt) und einer Viola da Gamba (Barockharfe).

An Karfreitag geht es um die Symbolik des Kreuzes

Traditionell einer der wichtigsten Termine im Jahresverlauf protestantischer Kirchenmusik ist der Karfreitag.

„Mit Bach zur Passion“ lautet in Neustadt der diesem Feiertag vorgeschaltete Zyklus von kleinen Orgelkonzerten am 14., 21. und 28. März jeweils um 11.30 Uhr. Am Karfreitag, 3. April, 18 Uhr, selbst präsentiert Simon Reichert mit der Stiftskantorei eine Folge von Kompositionen rund um die Symbolik des Kreuzes. „Die ja eine doppelte ist“, wie er erläutert. „Einmal steht das Kreuz für Leiden und Tod, letztlich aber ist es Zeichen der Auferstehung, des Lebens. In dieser theologischen Duplizität bewegen sich eine ganze Reihe von Tondichtungen.“ Bei Heinrich Schütz, Frank Martin (Agnus Dei), den Norwegern Knut Nystedt und Trond Kverno ist Reichert fündig geworden. Und auch Bachs Sterbemotette „Jesu, meine Freude“ steht nochmals im Zentrum.

Orgelsommer startet an Bachs Todestag

Der „Neustadter Orgelsommer“, das Hauptprojekt der Saison 2026, startet diesmal am 28. Juli, dem Todestag Johann Sebastian Bachs, und er ist am Eröffnungsabend mit den frühen Kantaten BWV 4, 12, 106 und 196, interpretiert vom Ensemble „Delectus Cantionum“ präsent. Wie das nicht sehr kirchennahe diesjährige Motto des sponsernden Kultursommers Rheinland-Pfalz, „Die goldenen Zwanziger“, zu verankern war, ist zu gegebener Zeit berichtenswert.

Etliche namhafte Interpreten aus England, Polen und Italien, dabei auch der Leipziger Thomasorganist und der Domorganist zu Dresden, werden in der Stiftskirche wieder am Start sein, bevor das Festival am 20. September schließt und nochmals „Delectus Cantionum“ gastieren wird, diesmal mit sämtlichen Motetten des Leipziger Thomaskantors.

Die Stiftskantorei singt das Weihnachtsoratorium

Unverändert beibehalten ist die Reihe der „Marktkonzerte“ von Mai bis September sowie an den vier Adventswochenenden, immer samstags ab 11.30 Uhr, ebenso das Format „Stiftskirche Punkt 6“, das Auftrittsmöglichkeiten für Gast-Ensembles bietet. Unter anderem werden am 14. Juni die Blechbläser der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz die Stiftskirche klanglich illuminieren.

Für die Stiftskantorei wiederum stehen die Kantaten I bis III des Weihnachtsoratoriums von Johann Sebastian. Bach zum 1. Advent, 29. November, auf dem Probenplan nach den Sommerferien. Und der Kammerchor „Neustadter Vokalensemble“, der gleichfalls unter Reicherts Ägide steht, bereitet sich ab dem Spätjahr auf ein Konzert mit zeitgenössischer Musik vor, das für Januar 2027 angesetzt ist. Da sollen die Jubilare des laufenden Jahres Benjamin Britten (50. Todestag), Ernst Pepping (45. Todestag) und Peteris Vasks (80. Geburtstag) gewürdigt werden.

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