Neustadt Die Harfe emanzipiert sich

Ulla van Daelen an der Harfe.
Ulla van Daelen an der Harfe.

«Neustadt.» Am Freitagabend waren die seit Jahren auch in internationaler Musikszene bekannten Musiker und Komponisten Ulla van Daelen aus Köln und Urs Fuchs aus Leverkusen im Festsaal des GDA Wohnstift zu Gast. Das eingespielte Musikerduo – van Daelen an der Harfe, Fuchs am Bass und zuständig für die Percussion – hatte Pop, Rock, Jazz, Folk und Klassik arrangiert und Neues komponiert.

Im Laufe des sommerlichen Abends mit kulinarischem Beiwerk entwickelten die beiden Musiker einen ungewöhnlichen Mix aus Melodienrätseln und unterhaltsamer Moderation mit viel Spielfreude. „Da, dada dimda, da dimda…“, vor dem geistigen Auge wirft Margaret Rutherford alias Miss Marple resolut ihr Cape um die Schultern, schürzt die Lippen und macht ihrem treuen Gefährten, Mister Stringer, „Feuer unterm Hintern“, denn Mordermittlungen dulden keinen Aufschub. Ulla van Daelen hat sichtlich Spaß, die bekannte Filmmusik aus den Miss-Marple-Verfilmungen auf ihrer Harfe zum Klingen zu bringen. Ein erkennendes Raunen geht durch die Reihen des gegen die Hitze abgedunkelten Festsaals. Ältere Herrschaften wiegen sich im Takt, einige stehende Zuhörer träppeln kleine Ausfallschritte im Rhythmus. Sie habe rund 40 Jahre Musikgeschichte auf der Suche nach ihren Lieblingstiteln durchforstet, sagt van Daelen. Es gelingt ihr, die Klassiker – untermalt von Fuchs’ Percussion und Bass – in ganz eigenen musikalischen Interpretationen dank der ungewöhnlichen Harfenarrangements nuancenreich und überzeugend zu präsentieren. Die Harfe ist in den Köpfen bisher fest verankert als lyrisch bis mystisch auftretendes, oft lediglich begleitendes, orchestrales Beiwerk. Sie emanzipiert sich, beschreitet temperamentvoll und energisch die Pfade des Pop und Rock bis zur Klassik, ohne jedoch seine weiterhin reizvoll zarten Passionen zu verleugnen, die in meditativen Eigenkompositionen hervorschauen. Zupft van Daelen mit einer Hand hart an, erklingen die Töne im hohen Bereich fast wie Klavieranschläge, während die zweite Hand der Harfe in den tiefen Tonlagen ihren sphärischen Nachhall lässt. In Verbindung mit schellenbestückten Fingern der Hände, die Fuchs gleichzeitig gegen seine Cajon trommelt, oder mit den über die flachen Rahmentrommeln wirbelnden Besen entsteht der akustische Eindruck einer kleinen Band. Immer wieder summen die Besucher mit, wie beispielsweise bei „Money, money, money…“, „Morning has broken“ oder „Riders on the storm“. Nicht immer sind die Titel, aber sofort die Melodien in den Köpfen, wie die von van Daelen angeregte Musikquizrunde zeigt. Nach den angespielten Takten zum Raten wird das Stück dann in voller Länge genossen. Klassik kommt ins Spiel, die insbesondere die Ältesten im Raum bereits nach wenigen Takten benennen. „Oh ja, schön, aus den ,Vier Jahreszeiten’ von Antonio Vivaldi“, erkennen sie. Die Takte aus Giuseppe Verdis Oper „Rigoletto“ und dem „La donna è mobile“ zu den ach so trügerischen Weiberherzen werden sofort mit begeistertem Applaus bedacht. An die unterschiedlichsten Themen wagen sich die Künstler. Da hüpft der Wasserfloh „La Pulce d’ Aqua“ von Angelo Branduardi nach einer Darbietung der Komposition „Sneaking Cat“ durchs Programm, bei der van Daelen an eine ihrer zahlreichen CD-Einspielungen, hier mit dem Saxophonisten Charlie Mariano, erinnert, die aber auch live mit Fuchs’ Percussion und ihren eigenen mitreißenden Klopfsalven auf dem Harfenkorpus gut ankommt. Stark und kurzweilig auch das eigenkomponierte, orientalisch angehauchte „Selana“ oder der witzige „Chinenco“, eine Mischung aus asiatisch trippelnden Klängen, die in heißblütige Flamencosalven münden. Und so bleiben trotz der hochsommerlichen Temperaturen alle Besucher, die sich bei der neu konzeptionierten Veranstaltungsreihe in der Pause mit kulinarischen Genüssen stärken können, begeistert bei der Sache und genießen gleich mehrere Zugaben, darunter „Hey Jude“ von den Beatles oder den Song vom stacheligen Kaktus der Comedian Harmonists, zu denen noch einmal geklatscht, geschnipst und ein paar Refrain-Takte gesungen werden dürfen.

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