Neustadt Die Gondel ruft

. Die Sonne brennt vom Himmel. Nur ein leichter Wind weht. Obwohl es ein bisschen diesig ist, verspricht die Aussicht vom Bellheimer Windrad bombastisch zu werden. Auf dem weiter entfernt liegenden Gollenberg zwischen Bellheim, Rülzheim und Herxheimweyher drehen sich die Rotoren der acht Windräder, ihre Schatten kriechen über die Äcker. Projektakquisiteur Rainer Reschka und Pressesprecher Michael Löhr von der Windradbetreiberfirma Juwi stehen am Fuß des 100 Meter hohen Windrads. Sie erzählen, wie schwierig es ist, die Energiewende in den Köpfen der Menschen herbeizuführen. Eines will wiederum nicht in ihre Köpfe: dass Menschen vor allem befürchten, weitere Windräder könnten die Landschaft verspargeln – trotz der Katastrophen in Tschernobyl und Fukushima und der offenen Frage, wo in Deutschland der atomare Müll gelagert wird. Dabei wenden sie sich Philippsburg zu, wo sich die zwei AKW-Kühltürme deutlich im Landschaftsbild abzeichnen. Als der Wind etwas auffrischt, geht es einige Schritte weiter aufs seit 2003 gebaute Windrad zu. Servicetechniker Ralf Rückert verweist auf zwei Wartungen pro Jahr und zahlreiche kleinere Sichtprüfungen dazwischen. Da die Windräder mit der Juwi-Zentrale in Wörrstadt verbunden sind, können bei Störungen sofort Serviceteams loseilen. „Betreten des Maschinenkopfes bei laufenden Maschinen verboten“, steht auf einem Schild im „Spargel“. Das hat Rückerts Kollege Alexander Delp bereits erledigt. Die Rotorblätter am auch Gondel genannten Maschinenhaus ganz oben stehen still. Noch ein Schild: „Vor dem Besteigen des Turmes Sicherheitsgeschirr anlegen u. einhängen.“ Schon erledigt. Vorbei an grauen Schränken und dem Computer, mit dem die Anlage gesteuert und überwacht werden kann, geht es an die Leiter: Die Gondel ruft. Fünf Meter höher auf der ersten Zwischenetage mit fünf Meter Durchmesser fallen an der Wand acht Bündel mit jeweils drei daumendicken Kabeln auf. Durch sie fließt der oben erzeugte Strom nach unten in den hinter Schranktüren verborgenen Generator, der den Strom zur Einspeisung ins Hochspannungsnetz aufbereitet. Ein neuntes und letztes Kabelbündel dient der Energieversorgung und Steuerung des Windrads. Hinein geht’s in den Aufzug. Mit bis zu 18 Metern pro Minute fährt er durch vier Zwischenetagen auf etwa 90 Meter Höhe. Der Aufzug stoppt. Dach auf, Sicherheitsgeschirr in die Leiter einhaken, acht Meter nach oben in die Gondel kraxeln, Sicherheitsgurt lösen und umschauen in dem mintfarben gestrichenen und mit Maschinen vollgepackten Raum. Durch ein großes Rohr am Boden verläuft die Hauptwelle. Rückert erklärt, dass sie den dreiflügeligen Rotor mit dem Getriebe verbindet, das die zehn bis 18 Umdrehungen des Rotors pro Minute auf das Hundertfache beschleunigt. Dahinter befindet sich ein Generator, der die Bewegung in Strom umwandelt. „Man muss sich das vorstellen wie einen Riesendynamo“, zieht Rückert einen Vergleich zum Fahrrad. „Wenige Pedalbewegungen versetzen das kleine Rädlein am Dynamo in schnelle Bewegung.“ Durch das Bodengitter fällt der Blick auf einen großen Zahnkranz. Auf diesem kann die Gondel per Elektromotor in den Wind gedreht werden. Das gilt ähnlich für die Rotorblätter, die quer zum Wind gestellt werden können, damit sich der Rotor dreht, und längs, wenn er stillstehen soll – bei zu starkem Wind etwa. Dann geht es durch eine Luke aufs Dach des Maschinenhauses. Der Blick schweift ringsum über Wiesen und Felder bis an den Haardtrand, nach Philippsburg. Schnell das Sicherheitsgeschirr in eine Metallschiene eingehängt und hingesetzt. Man ist hier zwar nicht über den Wolken, trotzdem wirkt vieles nichtig und klein. Nicht nur der Spielzeugtraktor, der knatternd auf dem Feld seine Bahnen zieht. Rückert deutet auf eines der 77 Meter langen Rotorblätter, eine Glasfaserkonstruktion, die leicht im Wind wippt – man will nicht glauben, dass sie mehrere Tonnen wiegt. Unten erzählt Reschka, dass Juwi auf dem Gollenberg noch mehr Windräder errichten möchte. Auf Bellheimer Gemarkung stehen dem nicht zu klärende Grundstücksfragen entgegen. Auf Rülzheimer Gebiet scheitere es wohl an lärmtechnischen Gründen im Zusammenhang mit dem neuen Gewerbegebiet und neuen Wohnflächen. Dagegen soll es auf Gelände von Herxheimweyher und Knittelsheim weitergehen, wo sieben Windkraftanlagen entstehen sollen. Geplant sind auch Windräder bei Offenbach und Freckenfeld – hier baut ein Konkurrent.