Neustadt „Die First Lady von Deidesheim“

Der Schutzengel von Boris Stijelja hatte alle Hände voll zu tun, um den aus Kroatien stammenden Comedian zu integrieren.
Der Schutzengel von Boris Stijelja hatte alle Hände voll zu tun, um den aus Kroatien stammenden Comedian zu integrieren.

«Deidesheim.» Es war natürlich ein echtes Heimspiel für Boris Stijelja. Der Leiter des Boulevardtheaters Deidesheim feierte in „seinem“ Theater am Samstag eine umjubelte Premiere seines zweiten Solo-Comedy-Programms „Voll integriert – aber mein Schutzengel hat Burnout“. Darin kombiniert der Kroate geschickt den beim Publikum beliebten boulevardesken Humor mit politischem Kabarett und wurde für die Mischung aus grandiosem Wortwitz und nachdenklichen Tönen von seinem Publikum mit tobendem Applaus gefeiert.

Zerzauste Haare, zerfledderte Flügel, die Zunge hängt schlapp aus dem Mundwinkel – der Schutzengel von Boris Stijelja hatte es seit der Ankunft seines Schützlings 2005 in Deutschland nicht leicht. Die Integration des Schauspielers und Comedians war ein ganzes Stück Arbeit, und das sieht man dem himmlischen Unterstützer auch an. Sowohl im Theater-Foyer als auch im Saal und auf der Bühne erinnern Schutzengelfiguren sowohl die Besucher als auch Stijelja immer wieder an den doch recht holprigen Weg der Integration. Diese macht den Hauptteil des zweiten Soloprogramms des Wahl-Pfälzers aus. Stijelja plaudert locker und mit viel Wortwitz über sein Leben, das 1982 zwar in Deutschland mit seiner Geburt begann, aber zunächst erst einmal in Kroatien stattfand. Als Gastarbeiter waren seine Eltern 1968 nach Deutschland gekommen, genauer nach Ludwigshafen. Erst nach seiner Geburt kehrte seine Mutter mit ihm als Baby zurück nach Kroatien – ohne den Vater. „Ich war ein schwerer Brocken. Mit 59 Zentimetern und 4900 Gramm war ich der Reiner Calmund unter den Säuglingen“, erzählt Stijelja und lässt damit aberwitzige Bilder im Kopf seiner Zuschauer entstehen. Der 36-Jährige versteht es mit Vergleichen zu begeistern. So sei sein Vater, den er nur acht Wochen im Jahr gesehen habe, die Vorstufe von „Amazon Prime“ gewesen: „Ich wurde von ihm verwöhnt. Ich habe einen Wunsch geäußert, am nächsten Tag war alles da.“ Sein erster PC, ein Commodore 64, sei 1991 auf dem Balkan die absolute Sensation gewesen. „Die Nachbarn dachten, wir arbeiten beim Geheimdienst“, witzelt Stijelja, dem damals sogar die Idee gekommen sei, wegen des großen Interesses an der technische Ausstattung Eintritt zu verlangen. „Alle wollten den Computer sehen. Da dachte ich: Wenn man mich sehen will, dann soll man auch dafür bezahlen.“ Sein Beruf sei sein absoluter Traum. Nachdem er von Beginn seiner Schulzeit bei der Aufführung des Krippenspiels stets die Maria spielen durfte, entschied sich „die dienstälteste Maria“, in Zagreb Theaterwissenschaften mit Schwerpunkt Schauspiel zu studieren. Doch statt Stücke einzuüben, habe er fünf Tage die Woche nur Stimm- und Sprachtraining gehabt. Zur Veranschaulichung des Unterrichts legt sich Stijelja auf den Boden und schaukelt wie ein auf dem Rücken liegender Käfer, der verzweifelt aufstehen will. Dazu gibt er „bibi, baba, bobu“-Laute von sich. Ein Anblick, der den Zuschauern die Lachtränen in die Augen treibt. Ebenso ergeht es den Anwesenden bei der „Orgasmusschule“. Sein schauspielerisches Können setzt er gekonnt ein, um eindrucksvoll die Unterschiede von Italienern, Chinesen, Amerikanern und Schwaben beim Erreichen des Höhepunkts zu demonstrieren. Geschickt changiert Stijelja zwischen diesen leichten, amüsanten Themen und der politischen Bühne. Seine Aussagen zu Integration und Flucht und den Behördengängen stimmen nachdenklich, ohne jedoch dem Programm Schwere zu verleihen. Er hat gut recherchiert, nennt verschiedene bekannte Personen, die auch flüchten mussten, Richard Wagner zum Beispiel, und macht damit deutlich, dass dies kein Problem der Neuzeit ist. „Die Kirchen waren die ersten, die Asyl gewährten“, sagt er und erklärt, dass es Unterschiede zwischen Flucht und Migration gebe, das heute aber alles in einen Topf geworfen werde. Es sei verständlich, dass man vor dem Fremden erst einmal Angst habe, aber man solle die Chance nutzen und sich gegenseitig ergänzen. Schließlich habe seine Integration in die Pfalz auch funktioniert, womit er als Theaterleiter in Anspielung auf die Migrantin Melania Trump nun quasi die „First Lady von Deidesheim“ sei. Mit solch kleinen humorvollen Momenten schafft es Stijelja, die Mischung aus Comedy und Kabarett zu einem harmonischen Ganzen zu vereinen. Selbst in den ernsten Programmteilen ist immer ein lustiger Schwenker eingebaut, ein roter Faden erkennbar. Er sei sehr aufgeregt gewesen, gesteht Stijelja: „Ich fühle mich wie früher in der Schule bei einer Mathearbeit. In Mathe war ich nur Deko“, meint Stijelja, der an diesem Abend im Gegensatz zu seinem Schutzengel keinesfalls nur Deko ist. Er greift Kommentare des Publikums auf, erzählt lebendig und authentisch, fesselt damit von Anfang und zeigt sich „voll integriert“. Selbst die typisch deutsche Eigenschaft des Reklamierens habe er verinnerlicht. Seine Zuschauer mussten diese allerdings nicht anwenden, denn an dem Programm gibt es nichts zu beanstanden. Termine Weitere Vorstellungen im Boulevardtheater am 10. Mai, 8. Juni und 20. September. Karten (16,50 Euro) unter 0172-4008201 oder www.boulevard-deidesheim.de.

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