Neustadt Die Ernte eines Jahres
Deidesheim. Lotte Reimers atmet auf. Die Ernte des Jahres 2016 ist eingebracht, der alte Brennofen hat durchgehalten. 80 Exponate warten nun ab Samstag auf die Keramik-Liebhaber aus nah und fern bei der traditionellen spätsommerlichen Werkschau im Atelier der Keramikkünstlerin in Deidesheim.
Reimers Augenmerk galt in diesem Jahr dem alten Brennofen. Er braucht seine Zeit, bis er auf Betriebstemperatur kommt. 20 Stunden benötigt er, bis er sich auf „nur“ noch 1250 Grad Celsius erhitzt hat. Im Gegensatz zu den 1320 Grad die der drei Jahrzehnte alte Ofen in seinen „jungen“ Jahren erreichte. So ergeben sich bei gleicher Glasur plötzlich ganz andere Effekte auf ihren Keramiken als früher. Vielleicht aber ist der alte Ofen auch nur eine Art Gleichnis zu Lotte Reimers eigener Entwicklung. Denn gerade diese etwas reduzierte Brenntemperatur brachte jetzt für die Deidesheimer Künstlerin erstaunliche Ergebnisse. Und sie selbst verspricht von Jahr zu Jahr, sich etwas „herunterzufahren“. Also mit Rücksicht auf ihr „zartes Alter“ von 84 Jahren doch endlich etwas kleinere Gefäße zu gestalten, damit sich die zierliche Grande Dame der deutschen Keramik nicht körperlich übernimmt. Doch auch in diesem Jahr gibt es die großen, hohen Exponate, mit bis zu 46 Zentimetern Höhe, deren pures Gewicht beim Arbeiten eine große Herausforderung für die Künstlerin darstellt. Immer wieder überrascht Lotte Reimers die Ausstellungsgäste mit innovativen Kreationen. So sind diesmal etwas höhere Sockel dabei. Oder asymmetrische Formen, leicht „verzogen“, etwas ungleich in Länge und Breite. „Ich habe spontan damit angefangen, und auf einmal wurde die Asymmetrie immer ausgeprägter“, erzählt Reimers. Weitere Überraschungen gab es für sie, als sie die Werke aus dem Brennofen holte. Dann erst zeigt sich die wahre Natur der Glasuren. Etwa die alte Apfelbaum-Asche aus Holland, die sie so lange gelagert hat. Jetzt bringt diese gelbbraune Farbstrukturen in die Gefäße. Oder die intensive Grünfärbung durch Kupferkarbonat. Neu sind auch die leicht gebogenen Platten, von Reimers respektlos „Schuhsohlen“ genannt. Und die „Dame“ in Schwarz, eine hohe Figur, deren geschwungene Basis an einen langen Rock erinnert. Man sieht: Reimers Schaffenskraft war auch 2016 ungebrochen, obwohl sie in ihrer Galerie und ihren Kellerräumen mit Wassereinbrüchen zu kämpfen hatte. „Nebenbei“ bestückte sie eine große Ausstellung für das Städtische Museum in Braunschweig mit 72 Exponaten aus 50 Schaffensjahren. Im Herbst 2015 war der Braunschweiger Kurator Andreas Büttner bei ihr in Deidesheim und wählte mit ihr die Objekte aus. Sie sollten charakteristisch sein für ihre Entwicklung in fünf Jahrzehnten. Im Braunschweiger Museum waren bereits 20 Exponate ausgestellt, man wusste dort also, welche Schätze noch auf Entdeckung warteten. Reimers überlässt die neuen Objekte dem Museum in Dauerobut, denn die Ausstellung wurde ein großer Erfolg. Obwohl das Museum seit Juni Eintritt verlangen müsse, weil es die Kommunalaufsicht so verlange, seien die Besucher dennoch gekommen, freut sich Reimers. Schon bei der Eröffnung wollten 100 Gäste Lotte Reimers live erleben. Für die Finissage brachte sie Fotos von ihren ausgestellten Exponaten in der Edenkobener Villa Ludwigshöhe mit. Motto: „Der Schatz im Schloss“. Unter den internationalen Sammlern, die regelmäßig zur spätsommerlichen Werkschau an die Weinstraße reisen, sind etliche, die ähnlich den einzelnen Jahrgängen eines besonderes Weines, gerne eine lückenlose Dokumentation des Reimer’schen Schaffens ihr Eigen nennen. Wer dies versäumt hat, der sollte vielleicht zumindest versuchen, den Ausstellungskatalog „Lotte Reimers - Keramiken aus 50 Jahren“ des Kurators Andreas Büttner zu beziehen. Dieses Prachtexemplar eines Bildbandes zeigt die ausgestellten Objekte in meisterlicher Fotografie. Immer aus dem gleichen Blickwinkel, immer auf dem gleichen Holzbrett vor einem grauen Hintergrund. Man glaubt, die Keramiken vor sich zu sehen. Doch nichts, aber auch gar nichts, ersetzt natürlich das Fühlen und Ertasten der Strukturen und das Bewundern in der eigenen, heimischen Vitrine. Die Ausstellung Lotte Reimers’ Werkschau 2016 wird am Samstag, 3. September, 16 Uhr im Atelier und Wohnhaus der Künstlerin, Stadtmauergasse 17, in Deidesheim eröffnet. Die Schau ist bis 25. September täglich von 14 bis 18 Uhr zu besichtigen. Eintritt ist frei.