Neustadt / Bad Dürkheim / Grünstadt RHEINPFALZ Plus Artikel Die Buchkäufer der Region setzten im Juni vor allem auf Krimis – aber nicht nur

Die Journalistin Christiane Hoffmann, seit Januar stellvertretende Regierungssprecherin in Berlin, wanderte jene Route nach, die
Die Journalistin Christiane Hoffmann, seit Januar stellvertretende Regierungssprecherin in Berlin, wanderte jene Route nach, die ihr Vater 1945 auf seiner Flucht aus Schlesien nahm. In ihrem Buch »Alles, was wir nicht erinnern« (hier das Coverbild) berichtet sie davon.

Die vorgezogenen „Hundstage“ im Juni heizten entlang der Weinstraße die Vorliebe der Leser für Kriminalromane an. Fast die Hälfte der 27 Bestseller entfiel auf dieses Genre – ganz vorne dabei die Titel von Jean-Luc Bannalec, Donna Leon und Lucinda Riley. Sehr gefragt war auch aus aktuellem Anlass auch das kritische Sachbuch „Ich muss raus aus dieser Kirche“ von Ex-Generalvikar Andreas Sturm.

Die Buchhändler der Region waren im Juni mit dem Verkauf zufriedener als in den Vormonaten. Besonders Regine Eisele von der Bahnhofsbuchhandlung in Neustadt zeigt sich optimistisch: „Wir sind auf einem guten Weg. Wegen des 9-Euro-Tickets kommen extrem viele Touristen und versorgen sich mit regionaler Literatur, mit Bildbänden, Wander- und Reiseführern über die Pfalz.“ Hermann Speckert, Inhaber der Neustadter Bücherstube, bilanziert: „Im Vergleich zu den Vormonaten beobachte ich eine Steigerung der Nachfrage. Allerdings macht die Erhöhung der Lebenshaltungskosten vielen zu schaffen.“ Als generelles Problem nennt er häufige Engpässe in der Lieferung.

Monika Strefler von der Buchhandlung Frank in Grünstadt fasst zusammen: „Die Hitze machte vielen Kunden zu schaffen, so dass sie eine Zeitlang eher zu Hause blieben. Doch bei den plötzlichen Unwettern suchten viele Leute Zuflucht bei uns, so dass im Laden viel los war. Erstaunlich früh, nämlich schon Anfang Juni, fing in diesem Jahr das Schulbuchgeschäft an.“ Persönlich freut sie sich über die große Resonanz auf ihren letzten Buchtipp. Das Kinderbuch „Was der Himmel uns erzählt“ landete jetzt prompt auf der Bestseller-Liste.

Eine Tochter erwandert die Fluchtwege ihres Vaters

Näher beleuchtet sei hier Christiane Hoffmanns Buch „Alles, was wir nicht erinnern – Zu Fuß auf dem Fluchtweg meines Vaters“, das bei Frank in Grünstadt vielgefragt war. Darin schildert die 1967 in Hamburg geborene Journalistin, die als Korrespondentin der FAZ in Moskau und Teheran arbeitete und inzwischen als Regierungssprecherin in Berlin häufig in den Nachrichten zu sehen ist, eine sehr persönliche „Erwanderung“ der deutschen Geschichte. Anfang 1945 war ihr Vater aus Schlesien in den Westen geflohen. 75 Jahre später startet Hoffmann ihre Wanderung auf seinen Spuren vom früheren Rosenthal durch Polen und Tschechien. Auf diesem 550 Kilometer langen Weg kämpft sie sich bei extremen Wetterbedingungen durch die Lande, führt Gespräche mit den unterschiedlichsten Menschen und mit sich selbst. Was entsteht, ist kein Geschichts- und auch kein Wanderbuch, sondern eine Art Reportage mit selbsttherapeutischem Gehalt. Einen aktuellen Akzent setzt die Autorin, wenn sie von der „Glut“ spricht, die nach ihrer Einschätzung noch immer unter der „Asche“ des letzten Weltkriegs schwelt, womit sie eine Ahnung vom Krieg Russlands gegen die Ukraine einfließen lässt. Neben der Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte handelt das Buch vom „Schmerz einer Weltregion“.

Nach dem Austritt: Kirchenmann Andreas Sturm erläutert seine Beweggründe

Große Beachtung fand Andreas Sturms „Ich muss raus aus dieser Kirche“. Der Generalvikar des Bistums Speyer, einer der mächtigsten Kirchenmänner Deutschlands, war im Mai aus der römisch-katholischen Kirche ausgetreten (wir berichteten). In dem Buch legt er nun seine Gründe dar. Es ist keine Abrechnung, sondern eine kritische Bilanz, mit der er auch ein persönliches Scheitern eingesteht. Er weist auf die Missstände in der Kirche hin, auf die vom Vatikan verbotenen Segnungen homosexueller Paare und seine Bedenken zum Zölibat. „Es gab für mich immer nur die römisch-katholische Kirche und mein Leben in und mit ihr. Inzwischen frage ich mich schon länger, ob nicht auch ich co-abhängig bin...“ Ab 1. August wird Sturm in Singen und Sauldorf als altkatholischer Seelsorger tätig sein.

Kommissar Dupins elfter Fall

Aus der Fülle der Kriminalromane sei hier der neue Titel „Bretonische Nächte“ von Jörg Bong alias Jean-Luc Bannalec hervorgehoben. Darin trifft Kommissar Dupins Kollegen Kadeg ein schwerer Schicksalsschlag. Seine hochbetagte Tante stirbt. Doch war es ein natürlicher Tod? Dupin und sein Team ermitteln auf dem Gelände der alten Abtei, in der die Frau lebte, suchen sie nach Spuren und entdecken verdächtige Details. Und bei ihrer Befragung verbergen einige Familienmitglieder offensichtlich streng gehütete Geheimnisse. Auch bei Dupins elftem Fall zeichnet Bannalec nebenbei wieder ein überwältigendes Bild der facettenreichen Schönheit der Bretagne mit den Salzgärten der Guérande, der Austernzucht in Le Croisic und mit keltischer Musik im Wald von Brocéliande.

Die Bestseller-Liste

Bahnhofsbuchhandlung (Neustadt)

1. Donna Leon: Milde Gaben – Commissario Brunettis 31. Fall

2. John Strelecky: Überraschung im Café am Rande der Welt

3. Lucinda Riley: Die Toten von Fleat House

Buchmarkt (Bad Dürkheim)

1. Kristin Hannah: Winterschwestern

2. Susanne Matthiessen: Diese eine Liebe wird nie zu Ende gehen

3. Philipp Roth: Unnötige Operationen – Beispiele und Alternativen in der Orthopädie und Unfallchirurgie

Frank (Bad Dürkheim)

1. Donna Leon: Milde Gaben

2. Jean-Luc Bannalec: Bretonische Nächte

3. Bonnie Garmus: Eine Frage der Chemie

Frank (Eisenberg)

1. Bonnie Garmus: Eine Frage der Chemie

2. Lucinda Riley: Die Toten von Fleat House

3. Ingo Siegner: Der kleine Drache Kokosnuss in Australien

Frank (Grünstadt)

1. Louise Penny: Auf keiner Landkarte

2. Christiane Hoffmann: Alles, was wir nicht erinnern – Zu Fuß auf dem Fluchtweg meines Vaters

3. Gertrude Kiel: Was der Himmel uns erzählt

Hofmann (Neustadt)

1. Gil Ribeiro: Einsame Entscheidung – Lost in Fuseta

2. Donna Leon: Milde Gaben

3. Andreas Sturm: Ich muss raus aus dieser Kirche – Weil ich Mensch bleiben will. Ein Generalvikar spricht Klartext

Neustadter Bücherstube

1. Arno Frank: So und jetzt kommst du

2. Helga Bürster: Eine andere Zeit

3. Bernhard Schlink: Die Enkelin

Osiander (Neustadt)

1. Jean-Luc Bannalec: Bretonische Nächte

2. Lucinda Riley: Die Toten von Fleat House

3. Andreas Sturm: Ich muss raus aus dieser Kirche

Quodlibet (Neustadt)

1. Jean-Luc Bannalec: Bretonische Nächte

2. Andreas Sturm: Ich muss raus aus dieser Kirche

3. Ludwig Burgdörfer: Ist da Jemand? Vom lebenslangen Suchen nach Gott

Buchtipp: Tobias Friedrichs historischer Abenteuerroman „Der Flussregenpfeifer“

Werner Libor, Inhaber des „Buchmarkts“ in Bad Dürkheim, ist von Tobias Friedrichs auf wahren Begebenheiten beruhendem, historischem Abenteuerroman „Der Flussregenpfeifer“ (Bertelsmann, gebunden, 511 Seiten, 24 Euro) so begeistert, dass er ihn als Buch des Monats empfiehlt:

„Als ich das frisch eingetroffene Buch zum ersten Mal aufschlug, wollte ich mir nur einen kurzen Einblick verschaffen. Doch etliche Seiten später war ich noch immer in die Geschehnisse um den Faltbootfahrer Oskar Speck vertieft, der Anfang der 1930er Jahre mit seinem Freund Karol in Hamburg in finanzielle Nöte gerät. Da entdeckt er die Anzeige einer Kupfermine auf Zypern, die gut bezahlte Arbeit bietet. Doch Geld für die Zugfahrt haben er und Karol nicht, aber einen verrückten Plan: Oskar fährt mit dem Faltboot donauabwärts.

Als in Hamburg die Situation für Karol immer brenzliger wird und die Gläubiger ihr Geld verlangen, haben sie die Idee, einen Wettbewerb mit dem Faltboot von Ulm nach Zypern auszurufen. Dem Gewinner winkt ein beachtliches Preisgeld. Natürlich weiß niemand, dass Oskar bereits einen großen Vorsprung hat. Auf seiner Reise begegnen ihm zwei Faltbootfahrer, denen er von dem Wettbewerb erzählt und auch, dass er weit vor den anderen liege. Ein Fehler! Er landet zwar als erster auf Zypern, als Sieger gefeiert wird aber das andere Team.

Der Tierhändler John Hagenbeck, Gast der pompösen Feier, wittert Betrug. Tatsächlich haben die angeblichen Sieger einen Teil ihrer Reise auf einem Motorboot zurückgelegt. Um dem daraufhin aufkommenden Tumult Einhalt zu gebieten, verkündet Oskar kurzerhand, er werde weiter nach Ceylon fahren, und wer den Mut dazu habe, könne gegen ihn antreten. Die Wettfahrt wird fortgesetzt, und genau darum geht es Oskar. Denn nach Deutschland will er nicht zurückkehren, die dort inzwischen herrschenden Nationalsozialisten versuchen, ihn als Vorzeige-Deutschen zu vereinnahmen, doch er entzieht sich ihnen auf Dauer.

Dieses Buch ist für mich weit mehr als ein Abenteuerroman. Mit viel Geschick bezieht der Autor reale Personen in das Geschehen ein und lässt die verschiedenen Handlungsstränge in das Hauptthema münden, und das ist die Bootsfahrt“.

Werner Libor, Inhaber des „Buchmarkts“ in Bad Dürkheim, ist begeistert von Tobias Friedrichs auf wahren Begebenheiten beruhendem
Werner Libor, Inhaber des »Buchmarkts« in Bad Dürkheim, ist begeistert von Tobias Friedrichs auf wahren Begebenheiten beruhendem, historischem Abenteuerroman »Der Flussregenpfeifer«.
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