Neustadt
Die Aura der Großzügigkeit: Das Werk des Malers Ludwig Fellner
Ludwig Fellners einstiges Wohn- und Atelierhaus ist heute ein liebenswertes, privat geführtes Museum und hält die Erinnerung an den vor 20 Jahren verstorbenen Hausherrn lebendig.
Dieser freie Blick über das Rebenmeer und die Rheinebene! Dieses warme Licht in allen Räumen des zweigeschossigen Gebäudes! Diese leichte, flirrende, erhellende Atmosphäre, die sich wie ein Gute-Laune-Geist in allen Ecken eingenistet hat und auch auf die Besucher ausstrahlt! Wer das „Weinstraßenatelier“ von Ludwig Fellner besucht, der versteht ganz intuitiv, was den Maler, der sich an diesem damals noch recht einsamen Flecken am Waldrand eingenistet hat, beseelte und beschwingte.
Auch heute noch ist er spürbar, dieser Hauch von Freiheit, Frohsinn und Unmittelbarkeit, der den Augenblick genussvoll zu erfassen weiß und den Emotionen freien Lauf lässt. In Fellners Gemälden widerspiegelt sich diese Aura in der Großzügigkeit des Pinselstrichs, der fulminanten Bildgestaltung, der expressiven Farbgebung und der Ausgestaltung der Motive, die den Moment auch dann einfangen, wenn er – wie bei manchen Stadt- und Dorfansichten – durch eine Baustelle, parkende Autos oder Stromleitungen beeinträchtigt wird.
Schwerpunkt: Werke aus den 1960 und 70er Jahren
Dabei zeigt die neue Ausstellung unter dem Motto „Von Heidelberg nach Königsbach“ vor allem Arbeiten aus den 1960/70er Jahren, als der 1917 in Dettenheim geborene und in Heidelberg groß gewordene Künstler zum Wandern in die Pfalz kam, 1954 das heute zum „Museum mit Kaffee-Ecke“ umfunktionierte Häuschen erwarb, mit viel Kunst am und im Bau, die noch immer erlebbar ist, umbaute und 1962 Einzug hielt. Da hatte der damals 45-Jährige die Soldatenzeit in Norwegen und die Kriegsgefangenschaft in Ägypten längst hinter sich, und mit Kunststudien unter anderem an der Freien Akademie in Mannheim, der Landeskunstschule in Hamburg und der Internationalen Sommerakademie in Salzburg ein breites Fundament für die Zukunft als freischaffender Künstler gelegt.
Sein erstes Atelier, das „Studio Fellner“ hatte er schon er in der Heidelberger Innenstadt eingerichtet. Dort sind auch die ältesten Bilder entstanden, die seine Nichte Ulrike Fellner und ihr Mann Johannes Fasolt als heutige Besitzer des Weinstraßenateliers, umsichtige Nachlassverwalter und weitsichtige Ausstellungsveranstalter, die auch anderen Künstlern eine Plattform bieten, dank mancher privater Leihgabe zusammengestellt haben. So hat das älteste Gemälde der Ausstellung eine Familie aus Lustadt zur Verfügung gestellt.
Leihgeber aus der Schweiz
Eine andere Leihgabe ist aus der Schweiz eingetroffen, was wieder einmal zeigt, wie präsent der Maler auch heute noch in vielen Wohnzimmern ist. Das Ölgemälde ist auf 1948 datiert und zeigt die typische Heidelbergansicht mit Brücke, Neckar und Schloss in einem noch relativ verhaltenen, fast könnte man sagen „altmeisterlichen“, getragenen Duktus. Es wurde – sogar zur gleichen Jahreszeit und bei demselben Bewuchs im Vordergrund – genau acht Jahre früher gemalt als ein gegenübergestelltes Ölbild mit gleichem Motiv, was dem Betrachter die erstaunliche Entwicklung des Künstler hin zu einem sich entfesselnden, eher impressionistischen Malstil vor Augen führt.
Viele weitere Heidelberger Szenen in Öl rekapitulieren Fellners Wirken in der Universitätsstadt: Dazu zählen der Bootsverleih an einem vielversprechenden Sommertag, der Marktplatz, auf dem keine Gemüsestände, sondern Autos stehen, sowie stimmungsvoll beschwingte Aquarelle vom Gaisberg, einer Dorfstraße oder dem zugefrorenen Neckar. Sommers wie winters zog der fast zwei Meter große Mann damals mit seinem Leiterwagen voller Utensilien direkt an Ort und Stelle, um seine Eindrücke und Empfindungen auf Leinwand oder Papier en plein air einzufangen.
Bezaubernde Ansichten der Wahlheimat
In der Südpfalz haben ihn dann das Frühlingserwachen mit der Mandelblüte, das tanzende Sonnenlicht zwischen den Wingertzeilen und das mannigfaltige Wolkenspiel über der Rheinebene in Bann gezogen, aber auch idyllische Dorfansichten oder heimische Bräuche, wie die Geißbockversteigerung in Deidesheim. Blicke auf Rhodt, Mußbach und Königsbach, scheinbar flüchtig und doch sehr markant festgehalten in Öl und Aquarell, lassen das Auge des Betrachters über heimelige Dächerlandschaften und Kirchtürme schweifen.
Immer wieder taucht das nahe Hildebrandseck auf, und eine mehrfarbige, sehr aufwendige Serigrafie zeigt prächtig, kraftvoll und farbgewaltig die „große Pfalzlandschaft“ im Jahr 1974. Besonders interessant ist für Neustadter auch der Blick von der Dr. Welsch-Terrasse Richtung Innenstadt als Zeitdokument von 1958 und eine Ansicht der Kellereistraße ein Jahr später – beide Arbeiten sind ebenfalls Leihgaben. Überhaupt sind die wenigsten Exponate käuflich, weil die Nachlassverwalter darauf bedacht sind, Fellners Werk dauerhaft und in seiner ganzen Bandbreite auch künftigen Generationen zugänglich zu machen. Zugleich soll ein Austausch mit anderen Künstlern erfolgen, die immer wieder zu eigenen Ausstellungen ins Weinstraßenatelier eingeladen werden. In diesem Jahr ist ab 29. August der Neustadter Künstler Detlev Bucks zu Gast.
Termine
Ludwig Fellner: „Von Heidelberg nach Königsbach“, Vernissage: 4. April, 17 Uhr (geöffnet ab 14 Uhr), mit Musik und Gesang von Erbil Sarica im Weinstraßenatelier, Neustadt-Königsbach, Erika-Köth-Straße 69.
19. April, 17 Uhr: Konzert im Weinstraßenatelier „Mit lauten und mit leisen Tönen“ des Duos inTon (Ernst Käshammer, Drehleier, Gitarre, und Nicola Polizzano, Akkordeon, Mundharmonika); Eintritt frei.
Ab 29. August: Ausstellung mit Aquarellen des Neustadter Künstlers Detlev Bucks und eine reduzierte Ausstellung der aktuellen Fellner-Werkschau.
Geöffnet ist samstags und sonntags von 14 bis 18 Uhr – bei freiem Eintritt, mit Kaffee und Kuchen und dem legendär großartigen Blick von der Terrasse in die Ebene.
Im Juli und August ist Sommerpause.