Neustadt
Der Profi kommt: Roderick Haas, neuer Geschäftsführer der Fördergemeinschaft Herrenhof
Kulturberater, Kulturmanager, Kulturwissenschaftler, Kulturveranstalter, Leiter von Kulturseminaren bundesweit – hätte man sich ein Anforderungsprofil für den neuen Job im Herrenhof ausphantasieren wollen, wäre man wohl genau bei dem gelandet, was Roderick Haas mitbringt. „Seine Berufserfahrung war uns sehr wichtig“, sagt denn auch Eleen Dorner, die als Vorsitzende des über 800 Mitglieder zählenden Kulturvereins nun de jure zur Arbeitgeberin des neuen Geschäftsführers geworden ist. Finanziert wird die Stelle, wie berichtet, zu 50 Prozent aus dem Programm „Zukunft durch Kultur“ des Landes, mit dem die größtenteils ehrenamtliche Kulturarbeit in bedeutsamen Einrichtungen der freien Szene in Rheinland-Pfalz professionell unterstützt werden soll. Den Rest schießt die Stadt Neustadt zu, die nach dem 2014 mit dem Land ausgehandelten Pacht- und dem 2017 mit der Fördergemeinschaft geschlossenen Nutzungsvertrag für das ehemalige Johannitergut natürlich ein gewisses Interesse daran hat, dass die Ehrenamtlichen nicht im Burnout versinken.
Der erste Eindruck ist positiv
Eine weite Anreise zu seinem neuen Arbeitsplatz muss Roderick Haas nicht auf sich nehmen: Er wohnt schon seit sechs, sieben Jahren in Neustadt und war zuletzt von Kaiserslautern aus als Kulturberater im Auftrag des Kulturministeriums in Mainz für den südlichen Landesteil von Rheinland-Pfalz zuständig. Von dieser Funktion her kenne er auch den Herrenhof bereits recht gut, berichtet der gebürtige Kaiserslauterer, der aber auch als Privatmann schon das ein oder andere Mal vorbeischaute – so mit seiner Tochter beim Puppentheater der Dorners oder bei den „Treppenhauskonzerten“, die die Stadt Neustadt seit Herbst im Kelterhaus des Herrenhofs ausrichtet.
Auf die neue Aufgabe freut sich der studierte Historiker und Kulturwissenschaftler sehr. Besonders reize es ihn, nicht nur zu beraten, sondern selbst aktive Kulturarbeit zu leisten, sagt er, und dies in einer Einrichtung, in der praktisch alle Kultursparten vertreten sind – von Musik und Literatur über bildende und darstellende Kunst bis zu historischen und kulturwissenschaftlichen Vorträgen. Die Akteure der insgesamt neun Arbeitskreise der Fördergemeinschaft kennenzulernen, war deshalb zu Beginn seine vordringliche Aufgabe. Sein erster Eindruck ist positiv. Es herrsche „ein sehr guter Team-Spirit“, findet Haas und lobt ausdrücklich die Vorarbeit, die Markus Lichti als ebenfalls vom Land finanzierter Kulturmanager geleistet hat. Noch entscheidender sind aber die vielen, überwiegend ehrenamtlichen Akteure, die den Kulturbetrieb in Mußbach zum Teil schon seit Jahrzehnten am Laufen halten. Der Herrenhof sei „eine unglaubliche Herzensangelegenheit für viele Aktive“ und deshalb „großes Engagement vorhanden“, sagt Haas.
„Ich bin ein Teamplayer“
In dieses Gefüge will sich der Profi nun zum Vorteil aller und der Sache einbringen. „Zusammen mit einem Team etwas entwickeln zu können“, reize ihn sehr. „Als Kulturberater war ich ja eher allein auf weiter Flur, ich bin aber ein Teamplayer“, sagt er und ergänzt: „Ich habe das Gefühl, ich kann mich hier gut einbringen, mit dem, was ich an Erfahrungen mitbringe.“ Die Aufgabe, die ihn erwartet, habe „ganz viel mit klassischer Geschäftsführer-Tätigkeit zu tun“. Es gehe darum, die Organisationsstruktur zu verstehen und gegebenenfalls zu optimieren, Arbeitsabläufe zu vereinfachen, zum Beispiel durch Einsatz digitaler Tools, die innere und äußere Kommunikation zu verbessern bis hin zu einem Corporate-Design. Die neue Homepage der FGH, obwohl im Prinzip fertig, wurde deshalb bewusst zurückgehalten, damit Haas noch Einfluss nehmen kann. „Das ist das sichtbare Zeichen nach außen“, unterstreicht der die Bedeutung. Aber auch im Bezug auf die Sozialen Medien müsse aufgerüstet werden.
Strukturen und Inhalte
Natürlich wird Haas als Geschäftsführer auch für die betriebswirtschaftliche Seite die Verantwortung tragen – in enger Abstimmung mit dem Schatzmeister der Fördergemeinschaft, Armin Wiedemann. Auch die Vermietungen und die Koordination mit der Stadt, die den Herrenhof ja erklärtermaßen stärker für eigene Veranstaltungen nutzen will, fallen in sein Ressort. Genauso wie gewisse Teile der Programmarbeit, wobei er allerdings keineswegs bestehende Erfolgsmodelle wie etwa die Kleinkunstreihe „Kabarettissimo“ torpedieren wolle. Wichtig sei es aber, neue, junge Zielgruppen zu gewinnen, auch als Aktive, und Zukunftsfelder wie ökologische Nachhaltigkeit, die Diversifizierung der Gesellschaft, Demokratiebildung und allgemeine Veränderungen der Kulturlandschaft zu berücksichtigen.
Fördertöpfe des Landes oder anderer Sponsoren anzuzapfen, dürfte für Haas dabei bei seinem Background eine der leichteren Übungen sein. „Das traue ich mir schon zu, dass ich vernünftige Anträge stelle“, lacht er. In Bezug auf Kooperationen mit anderen Kulturakteuren will er auf die Netzwerke zurückgreifen, die er durch seine vielfältigen Aufgaben in der Vergangenheit geknüpft hat. Vor seinen fünf Jahren als Kulturberater beim Verein Kulturnetz Pfalz in Kaiserslautern war er Projektleiter bei der Metropolregion Rhein-Neckar und gleich nach dem Abitur in Kaiserslautern auch selbständiger Kulturveranstalter. Bei der „Langen Nacht der Kultur“ in der Barbarossa-Stadt sei er immer dabei gewesen und einige Zeit sogar Leiter eines Clubs. „An den erinnern sich bis heute noch viele“, sagt Haas, der übrigens auch selbst als Musiker am Schlagzeug saß.
Die Musik wäre deshalb auch ein Gebiet, das der Westpfälzer, der ursprünglich aus Trippstadt stammt, im Herrenhof gerne ausbauen würde. Doch er wolle sich, an die neue Aufgabe jetzt „erst einmal herantasten“. Eines der ersten größeren Projekte, mit denen er demnächst zu tun haben wird, ist ein Kultursommerprogramm mit dem Titel „Shakespeares Sommernachtsträume im Herrenhof“, das für 26. August geplant ist.
Zeit für Nebentätigkeit bleibt
Haas’ Geschäftsführer-Posten ist als 75-Prozent-Stelle angelegt. So bleibt dem 47-Jährigen Zeit, auch weiterhin nebenbei als Trainer und Dozent zum Thema Kulturmanagement aufzutreten – so zum Beispiel aktuell am Off-Theater in Neuss, wo er einst selbst seine Ausbildung zum zertifizierten Kulturmanager absolvierte. Mit Nordrhein-Westfalen ist Haas seit seinem Studium in Köln eng verbunden. Er arbeitete aber auch drei Jahre in Katalonien. Übertreiben wolle er es mit den Nebentätigkeiten aber ohnehin nicht, denn: „Der Herrenhof fordert mich sicher.“
Keine großen Sorgen bereitet dem erfahrenen Kulturnetzwerker, dass die Finanzierung seiner Stelle vorerst nur bis Ende 2024 gesichert ist. Auch seine bisherigen Projektstellen seien alle befristet gewesen und er „guter Hoffnung, dass die Programmlinie weitergeführt wird“. Und ohnehin: „Wenn man gute Arbeit macht, wird das gesehen.“ Bei der Fördergemeinschaft Herrenhof, die nach dem Ende der Ära Bähr immer noch mitten in der Neuorientierung steckt, wird man solche Worte gerne hören.