Neustadt Der Mann der ersten Stunde

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Neustadt. Wenn die Steinmeyer-Orgel der Neustadter Martin-Luther-Kirche morgen in einer Woche ihren 50. Geburtstag feiert, gibt es ein weiteres Jubiläum: Organist Gero Kaleschke, weit über die Pfalz hinaus als Orgelsachverständiger der evangelischen Landeskirche bekannt, war ein Mann der ersten Stunde. Seit einem halben Jahrhundert wirkt er in Winzingen als Organist an „seiner Orgel“, die ihm so vertraut ist, wie niemandem sonst, und deren Entwicklung er maßgeblich begleitet hat. Das Festkonzert gestaltet der Speyerer mit Werken aus fünf Jahrhunderten.

Kaleschke erinnert sich noch ganz genau an seinen ersten Organisteneinsatz 1966 in der Martin-Luther-Kirche. Am 4. Dezember hatte er der Orgeleinweihung mit Gottesdienst und Konzert beigewohnt – dieses Datum steht auch in seinem Organistenvertrag. Zur Orgeleinweihung spielten Landesmusikdirektor Adolf Graf und Schüler. Doch schon am 10. Dezember 1966 gestaltete Kaleschke dann erstmals selbst den Gottesdienst an der „Königin der Instrumente“, für ihn ein erhebendes Gefühl. „Es hat sich ganz zufällig ergeben“, so der Musiker, der damals gerade sein Studium in Mathematik und Physik für den Schuldienst beendet hatte. Nach einem kurzen Intermezzo in Idar-Oberstein war er damals gerade ans Speyerer Hans-Purrmann-Gymnasium gewechselt. „Eigentlich wollte ich bei Dekan Werner Linz nur anfragen, ob ich ab und zu auf der Winzinger Orgel üben könnte“, so Kaleschke. Kurz zuvor hatte aber Werner Strauch, Wegbegleiter beim Aufbau der neuen Orgel, seinen Rücktritt als Organist eingereicht. So war eine Stelle vakant, und der Kontrakt wurde sofort per Handschlag besiegelt. Seit 50 Jahren nun versieht Kaleschke den Organistendienst in der Martin-Luther-Kirche. Mehrmals wöchentlich pendelt er von seinem Speyerer Wohnort zum Üben und Spielen nach Neustadt und gab seither unzählige Konzerte, natürlich alle zugunsten der Unterhaltung „seiner“ Orgel. Wie viele Kilometer er so zusammengebracht hat, kann man nur schätzen. Musik hat Kaleschke zwar nicht studiert, diese aber neben seinen naturwissenschaftlichen Fächern stets intensiv betrieben. Der versierte Klavierspieler ging bereits in jungen Jahren bei namhaften Organisten „in die Lehre“, so in Speyer bei Karl Hochreither, später beim Domorganisten Ludwig Dörr und beim Mainzer Kantor und Rektor der Musikhochschule, Diethard Hellmann. „Hochreither hat mir exaktes Üben beigebracht, Hellmann das Verständnis für romantische Literatur, Dörr das präzise Spiel, er weckte bei mir auch die Liebe zur Improvisation“, fasst er zusammen. Autodidakt ist Kaleschke auch, was das Innenleben von Orgeln und deren architektonische Einbindung im Kirchenraum anbelangt. Trotzdem fungiert er seit 1976 als ehrenamtlicher Orgelsachverständiger der evangelischen Landeskirche, mit 40-jähriger Amtszeit nun auch ein runder Geburtstag. Bei Orgelneubauten und Restaurierung ist er stets gefragt und unermüdlich im Einsatz. „Ich habe gut 85 Kirchenschlüssel, und wenn ich in der Pfalz dienstlich unterwegs bin, überprüfe ich gerne auch spontan die Instrumente, die auf meiner Route liegen.“ Seine profunden Orgelbaukenntnisse konnte er auch 1996 einbringen, als die Martin-Luther-Kirche renoviert wurde. „Die Kirchenorgel erschien etwas marode. Ich hatte sie 30 Jahre gespielt, in dieser Zeit waren keine nennenswerten Reparaturen nötig gewesen.“ Aber nun zeigten sich zunehmend Verschleißerscheinungen an Dichtungsmaterialien, Aufschlagfilzen und diversen Kunststoffteilen in der Traktur und Windlade. „Die Orgel war aber so solide gebaut, dass die Schäden keine klanglichen Auswirkungen hatten“, betont Kaleschke. Dennoch sei eine umfassenden Aufarbeitung – normalerweise werde ein Instrument alle 20 Jahre intensiv gewartet – nun dringend nötig gewesen. Die Gunst der Stunde nutzend, befasste er sich, ganz Physiker, zunächst mit der Akustik im Kirchenraum, die dank des Austauschs der Deckenpaneelen um ein Vielfaches verbessert werden konnte. Besonders am Herzen lag Kaleschke natürlich, die klangliche Palette der Orgel zu erweitern. „Bach, Buxtehude, jede Barockmusik, das ließ sich gut spielen, aber bei Klassik und zeitgenössischen Werken sah es schlimm aus.“ Glücklicherweise habe die Orgelwerkstatt Steinmeyer die Gehäuse so großzügig geplant, dass man weitere Pfeifenregister problemlos einfügen konnte. „Bei der Restaurierung 1997 konnten wir den vorherigen Bestand weitgehend erhalten, wir haben also einfach die Register getauscht und ein Rückpositiv hinzugefügt. So gab es Platz für weitere Pfeifenreihen, einige davon aus der Alten Winzinger Kirche.“ Zusätzlich ergatterte Kaleschke einen Cymbelstern bei einem Orgelumbau in Germersheim, der seitdem im Rückpositiv zum Einsatz bereit steht. „Ein optimales Instrument nach meinem Gespür“, urteilt der Orgelsachverständige liebevoll über den heutigen Zustand, auch wenn man bei französischen Orgelsinfonien trotz der nunmehr vier Manuale und der erweiterten Register immer noch Abstriche machen müsse. Die Klangvielfalt des Instruments ermögliche ansonsten die Interpretation fast aller Musikstile und -epochen. „Die Orgel ist ein Universalinstrument im besten Sinne. Sie bietet mit ihren vielen Registern keinen Einheitsbrei, sondern lässt sich überaus charakteristisch einsetzen“, lobt er. Den Tutti-Knopf, der automatisch alle Pfeifen in Aktion setzt, betätigt er deshalb so gut wie nie, auch benutzt er selten das 2011 installierte Register-Programmiersystem. „Ich mag keine Stereotypen, jedes Lied, jedes Werk hat einen anderen Charakter, und der Organist ist auch nicht immer in der gleichen Stimmung! Ich brauche Freiraum für Klangvielfalt, persönlichen Ausdruck und Improvisation.“ Termin Den 50. Geburtstag der Steinmeyer-Orgel in der Neustadter Martin-Luther-Kirche würdigt Gero Kaleschke am Sonntag, 4. Dezember, um 17 Uhr mit Orgelwerken aus fünf Jahrhunderten, darunter natürlich vielen, die auf die Adventszeit abgestimmt sind. So beginnt er mit einem Marienlied von Arnolt Schlick. Es folgen altkirchliche Hymnen des Speyerer Musikers Conrad Brumann (um 1520), Magnificat-Variationen Samuel Scheidts aus dem 17. Jahrhundert, François Couperin, Bachs Choralvorspiel „Nun komm der Heiden Heiland“, „Das himmlische Gastmahl“ von Olivier Messiæn sowie eine „Hommage à Arnold Schlick“ des Ruppertsbergers Franz-Georg Rössler. Änderungen seien vorbehalten, betont Kaleschke, das Programm sei auch abhängig von der Intonation des Instrumentes am Festtag, das zuvor nochmals von einem Orgelbauer gewartet werde. Der Eintritt ist – wie immer – frei.

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