Hassloch / Neustadt
Der Maler und Zeichner Heiner Deege wäre am 31. Mai 100 Jahre alt geworden
Die unglaubliche Präzision, die Klarheit in Perspektive und Linienführung machen Deeges immer direkt vor Ort entstandene Bilder heute zu wichtigen Dokumenten der lokalen Geschichte – nicht nur in Neustadt, sondern gerade auch in seinem Geburtsort Haßloch, wo er am 31. Mai 1920 in der Gillergasse als Sohn eines Werkmeisters bei der BASF das Licht der Welt erblickte. Künstlerisch steht er dabei in der Tradition Pfälzer Maler wie August und Hermann Croissant, Peter Koch oder Heinrich Strieffler, was freilich eher in den Gemälden als in den Bleistift- oder Tuschezeichnungen zu erkennen ist, die das Gros seines Œuvres ausmachen.
Deege musste malen, wenn es ihn in den Fingern juckte
Um zur Kunst zu gelangen, musste Deege einige Umwege einschlagen, denn der Vater hätte ihn gerne in Uniform gesehen. Der Kompromiss war eine Plakatmaler-Lehre, die der Sohn nach dem Besuch der Oberrealschule in Neustadt von 1937-39 in Karlsruhe absolvierte. Darauf folgten zehn verlorene Jahre als MG-Schütze und in russischer Kriegsgefangenschaft, bevor er von 1951 bis 1954 an der Kunstgewerbeschule in Basel die entscheidende Weichenstellung setzte. Nach einigen Jahren als Kaufhausdekorateur in Rheinfelden, Andernach (hier lernte er Ehefrau Gertrud kennen) und Neustadt entschied er sich 1960 für eine freie Künstlerlaufbahn. 1967 übernahm er dann allerdings doch eine Stellung als Kunsterzieher am Neustadter Leibniz-Gymnasium, die er bis 1983 ausübte. Geehrt unter anderem mit der Goldene Ehrennadel der Stadt Neustadt und der Verdienstmedaille der Gemeinde Haßloch starb der Künstler am 2. Oktober 2007 in Neustadt. Seine Kunstleidenschaft hatte er da längst nicht nur an zahllose Schüler weitergegeben: Sohn Günter studierte an der Karlsruher Akademie, pflegt(e) allerdings einen ganz anderen, geradezu konträren Stil.
Ein Verzeichnis seiner Werke hat Deege nie angelegt. „Viel zu ungeduldig“ für so etwas, sei er gewesen, erinnert sich seine heute 86-jährige Nichte Erna Kramer in Haßloch, die auch zu berichten weiß, dass der Onkel schon einmal eine Einladung zum Festessen vergessen konnte, wenn er von einem Motiv begeistert war. So lässt sich heute kaum abschätzen, wie viele Bleistift- und Tuschezeichnen, Aquarelle und Ölgemälde Deege im Laufe seines Lebens angefertigt hat. Es müssen zahlreiche sein, stellt man in Rechnung, wie viele „Deeges“ immer noch in Pfälzer Wohnungen und Amtsstuben hängen. Ölbilder sind dabei nicht so viele dabei – denn die brauchen eben Zeit zum Trocknen und hätten die künstlerische Spontaneität eingeschränkt. „Ich kann nirgendwo sein, ohne dass es mir in den Fingern juckt", belächelte Deege einmal selbst seine Malleidenschaft.
Auf jemanden wie den OB Brix, der mit Betonmentalität die Umgestaltung Neustadts vorantrieb, war Deege naturgemäß nicht gut zu sprechen. Auch die Wüsteneien der „Grünen Wiese“ zogen seine Kritik auf sich. Der Respekt vor den architektonischen Leistungen der Altvorderen war ihm tief eingeschrieben. Oft genug hat er Stunden vor dem Abriss von Gebäuden noch das alte Ortsbild festgehalten. Dass viele Mitbürger damals den „alde Raddeburge“ keine Träne nachweinten, konnte er nicht nachvollziehen – er war sicher ein früher Denkmalpfleger.
Allerdings erschöpft sich sein Werk keineswegs in idyllischen Pfalz-Ansichten. 1962 und 1968 besuchte er Oskar Kokoschkas Salzburger Sommerakademie. Eine Serie von Akten hat sich davon erhalten. Auch als begnadeter Portraitist ist Deege hervorgetreten. Erna Kramer etwa besitzt noch ein schönes Bildnis, das der Onkel von ihr in Mädchentagen angefertigt hat. Aber auch bewegte Motive – etwa von der Pferderennbahn oder den Handballern in Haßloch – haben Deege nicht abgeschreckt, der im übrigen auch kein reiner „Heimatmaler“ war: Malreisen führten ihn in viele europäische Länder, nach Frankreich, England, Italien, Griechenland, sogar in die DDR. Sehr gerne zog er sich allerdings auch in sein Atelierhaus in Roschbach zurück und malte schmucke Winzerdörfer. In Neustadt und Haßloch fand er in späteren Jahren dagegen keine Motive mehr – die „Stadtsanierung“ hatte in seinen Augen zu viel Schönes platt gemacht.