Neustadt „Der Intellekt hat viele Gesichter“

Wer so schaut, kann nur eines machen: Angela Merkel parodieren. Reiner Kröhnert ist genau darin ein Meister, hat aber auch noch
Wer so schaut, kann nur eines machen: Angela Merkel parodieren. Reiner Kröhnert ist genau darin ein Meister, hat aber auch noch viele andere Größen aus Politik und Gesellschaft im Repertoire.

«Neustadt.» Ob tot oder lebendig – dem politischen Parodisten Reiner Kröhnert ist niemand heilig. Das bewies der gebürtige Schriesheimer auch am Samstagsabend in seinem zwölften Solo-Programm „XXL“ bei seinem inzwischen sechsten Auftritt auf der Bühne des Neustadter Kleinkunstvereins „Reblaus“ – wie gewohnt vor ausverkauftem Haus.

Wer Kröhnerts Programme kennt und schätzt, weiß um den Minimalismus, mit dem er sein Pointenfeuerwerk zündet: Ein Stuhl auf der Bühne, eine Angela-Merkel-Perücke (die er übrigens auch weglassen kann) und kurze Lichtpausen, die nicht länger als das Zappen an der Fernbedienung dauern, reichen dem 1,90-Meter-Mann , um von einem Charakter zum nächsten zu wechseln. Dieser Minimalismus tut der Qualität seiner Programme keinerlei Abbruch, fördert vielleicht sogar die Aufmerksamkeit und Konzentration, derer es bedarf, um seinen blitzgescheiten intellektuellen Hakenschlägen zu folgen. Und er schont ganz nebenbei die Bandscheiben der ehrenamtlichen „Reblaus“-Helfer, die es sicher zu schätzen wissen, dass keine Konzertflügel zu rücken und Roadie-Kisten in den Keller zu bugsieren sind. Und so startet der Mann im dunklen Anzug das rund zweistündige Programm in seiner Paraderolle als Bundeskanzlerin, die nach den jüngsten GroKo-Gesprächen vor Selbstbewusstsein geradezu strotzt: „Die Zitrone hat noch jede Menge Saft“, sagt die Frau, die man nicht ungestraft unterschätzt: Sie habe Seehofer derart viel Kreide fressen lassen, dass eine Röntgenaufnahme seines Magens einer Postkarte der Insel Rügen ähnele, und schon 2009 die machtstrotzende FDP zu Tode umarmt. Jetzt habe auch Martin Schulz kapiert, dass Muttis Vize die höchste für ihn erreichbare Karrierestufe darstellt. Dass es sich lohnt, „das Hintertürchen offen zu halten“, bestätigt Ex-Kanzleramtsminister Ronald Pofalla, der es dank vier Jahre währender Nähe zu Merkel nunmehr zum Beinahe-Konzernchef der Deutschen Bahn gebracht hat: Immerhin war es ihm zuvor vergönnt, eine „Frühlingshauch aus dem gebenedeiten Gekröse der Kanzlerin zu inhalieren“, als er einen heruntergefallenen Kugelschreiber vom Boden des Konferenzraums aufhob – seither habe er davon geträumt, sich „an die Gestade der Kanzlerinnenrosette zu schmiegen ...“ Derlei „Analitäten“ soll es auch später noch einmal geben, wenn Dieter Bohlen als Gesprächspartner von Michel Friedman und Rüdiger Safranski in der Sendung „Der Intellekt hat viele Gesichter“ zu Gast ist und sich selbst als „Titanenarschloch mit Platinrosette, das goldene Eier scheißt“ charakterisiert. Sollte man darob die Nase rümpfen? Wir denken nicht, denn Kröhnert verzerrt den realen Irrsinn derart ironisch, dass man einfach Spaß daran haben muss. Wenn Ex-Bundespräsident Joachim Gauck davon schwurbelt, dass das Leben kein Ponyhof und Politik kein Kindergeburtstag ist, um schließlich bei nationalsozialistischem Gedankengut zu landen – „die segensreiche Saat treibt spät, doch nicht zu spät“ – entwickelt Kröhnert einen ätzend-entlarvenden, blitzgescheiten Humor: Wer hätte schon gedacht, dass Hitler und Honecker gemeinsam in der Hölle schmoren müssen, um aufrichtige Reue zu zeigen? Auf dem „historischen Ergebnis von 20,5 Prozent“ für die SPD dürfe man sich nicht ausruhen, meint Kröhnert in der Rolle des Martin Schulz, der mit Andrea Nahles als Fraktionsvorsitzende 18 Prozent als nächstes Ziel ausruft, um schließlich unter Nahles auch als Parteivorsitzende die Einstelligkeit anzustreben. Als Winfried Kretschmann könnte er sich glatt über „den Zottelaffen Hofreiter“ und die „Doppelnamen-Ossi-Schabracke Göring-Eckart“ aufregen, wenn er nicht so ein schwäbisch-ausgeglichenes Gemüt hätte, um später in Zwiegespräch mit dem Bayern Edmund Stoiber festzustellen, dass es zwischen den beiden eigentlich gar keinen Dissens gibt: Beide leben ruhiges Spießertum, sind Mitglied in Schützenvereinen und waren in katholischen Studentenverbindungen ... Fazit: Reiner Kröhnert bot wieder einmal beste Unterhaltung. Und die politische Lage stellt sicher, dass er auch beim nächsten Auftritt bei der „Reblaus“ viel Neues zu erzählen hat. Wir kommen gerne wieder.

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