Neustadt Der Geißbock – der große Beweger

Tiere können viel bewegen. Pferde und Ochsen ziehen Fuhrwerke und Pflüge, Esel betätigen die Mühle und können schwere Lasten tragen und erst Elefanten: die transportieren Baumstämme durch den Urwald. Ein Tier vermag besonders viel zu bewegen: ein Ziegenbock. Kein gewöhnlicher Bock, sondern der berühmte Geißbock, den die Stadt Lambrecht am Pfingstdienstag nach Deidesheim bringt zur Versteigerung. Dieses Tier bringt die Menschen dazu, früh morgens weite Strecken durch den Wald zu laufen; die Bevölkerung einer ganzen Stadt dazu, einen Tag frei zu nehmen und eine große Kolpingkapelle dazu, den ganzen Tag über Musik zu machen (und den Herrn Stadtpfarrer mit einem Ständchen zu erfreuen und aufmerksam zu machen, dass das Mittagsschläfchen zu Ende ist). Spätnachmittags bewegt dann dieses Tier Tausende von Menschen, sich vor dem historischen Rathaus zu versammeln und der Versteigerung zuzuschauen. Und jedes Jahr bringt der Bock jemanden dazu, die Hand zu heben und ihn zu steigern. Welche Bewegung denjenigen dann zu Hause erwartet, wenn er den Bock heimbringt, ist nur zu erahnen. Nur Eisbär Knut hat vielleicht kurzfristig mehr bewegt. Aber der Geißbock macht das jetzt zum bezeugten 612. Mal. Ohne die unbekannten und unerwähnten Jahre vorher. Ein Geißbock als große Beweger! Interessant ist es, sich das Datum der Versteigerung anzuschauen: Wie es im Historienspiel heißt: der Dienstag nach der hochheiligen Pfingst. Pfingsten – das Fest der Gottesgeistes, der Kraft Gottes. Wir feiern an diesem Tag, dass Gottes Geist auf seine Jünger herabkam und sie stärkte, in die Welt zu gehen, um das Evangelium zu verkünden. Wenn schon ein gehörntes, bocksbeiniges Tier so viel bewegen kann, um wie viel mehr Gottes Geist und Kraft? Dieser Geist Gottes schwebte über den Wassern, als die Erde erschaffen wurde. Er ist die Kraft, die Menschen dazu bewegt, aufeinander zuzugehen, und Feinde, sich zu versöhnen. Gerade in diesem Jahr, in dem wir des 70-jährigen Endes des Zweiten Weltkriegs gedenken, schauen wir in Dankbarkeit auf lange Friedensjahre mit unseren Nachbarn. Aus Feinden wurden Freunde. Wer hätte das gedacht am Ende des Krieges mit all den zerstörten Städten, Hoffnungen, Familien und Illusionen? Es war möglich durch Menschen, die dem Geist Gottes vertraut haben mit seiner Schöpferkraft, die zum Guten und zum Frieden treibt. Jene Kraft, die den Mut gibt, zu verzeihen, neu zu beginnen und hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken. (Archivfoto: LM) Der Autor —Bernhard Braun ist katholischer Pfarrer in Deidesheim.