Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Der ganz persönliche Blick eines Hambachers aufs Demokratiefest

Mädels, die einen Junggesellinnenabschied feiern, hat unser Autor Rolf Schlicher auf dem Demokratiefest getroffen.
Mädels, die einen Junggesellinnenabschied feiern, hat unser Autor Rolf Schlicher auf dem Demokratiefest getroffen.

Die Erwartungen unseres Autors Rolf Schlicher waren nicht allzu hoch. Doch dann gibt es gleich mehrere faustdicke Überraschungen.

Meine ganz persönliche Begegnung mit dem Demokratiefest beginnt bereits am Montag: Da steht plötzlich im unteren Römerweg ein Spalier von frisch aufgestellten Verkehrsschildern. Auch vor unserem Haus. „Absolutes Halteverbot ab 27. Mai, 7 Uhr.“ Dass kein Enddatum genannt wird und dies offensichtlich unbefristet gelten soll, weckt böse Erinnerungen.

Vor Jahren drängten einige Anwohner im oberen Römerweg auf ein Parkverbot im unteren Römerweg. Der Verdacht bei uns damals: Die wollen nur ungehindert durchbrausen und das lästige Einscheren und Warten bei Gegenverkehr vermeiden. „Hat sich diese Initiative jetzt doch durchgesetzt?“, ist der erste Gedanke. Dass dies alles mit dem Demokratiefest zu tun hat, dämmert erst allmählich, als der Schilderwald noch größer wird: Masten, Barken, eine Ampel. Der untere Römerweg wird halbseitig zum „Freiheitsweg“ für Schloss-Wanderer. In diesem Abschnitt ist es eher ein Sicherheitskorridor: Am Samstagmorgen vollenden Bauhof-Mitarbeiter das Werk mit rot-weißem Absperrband. Eine Sonderanfertigung in Schwarz-Rot-Gold hätte in diesem Fall sicher besser gepasst.

Feierlaune im Römerweg

„Hinauf, hinauf zum Schloss?“ Das muss warten. Für Hambacher heißt es zuerst einmal hinunter in die Stadt. Zur Demokratiefest-Eröffnung. Auf dem Weg dorthin treffen wir eine Gruppe junger Frauen, die aus einem ganz anderen Grund in Feierlaune sind. Ein Junggesellinnen-Abschied. Die Braut Steffi, Trauzeugin Teresa und sechs Freundinnen waren am Freitagabend aus Düsseldorf, Frankfurt, München und vom Bodensee angereist für ein Wochenende in der Pfalz. Mit Quartier im Römerweg.

Unverhofft geraten sie deshalb am nächsten Morgen auf den Freiheitsweg und fragen: „Was ist das Demokratiefest?“ Doch selbst die packendste Erklärung in den schillernsten Farben hätte die fröhliche Truppe nicht umstimmen können. Deren Programm ist ein anderes: Planwagenfahrt durch die Wingerte mit Weinprobe, dann nach Maikammer aufs Maifest. Freiheit heißt eben auch, nicht auf das Demokratiefest zu gehen. „Viel Spaß“ wünschen wir uns gegenseitig, als sich unsere Wege wieder trennen. Eine Begegnung fürs Herz war es dennoch.

Dann fällt der Groschen

Der Marktplatz ist kurz vor der Eröffnung proppenvoll. Aber auch hier zeigt sich wie beim Weihnachtsgottesdienst: In der ersten Reihe ist noch etwas frei. Logenplätze, beste Sicht, alles hautnah. Auf der Bühne sitzt Laurent Leroi mit seinem Akkordeon, der eigentlich den Startschuss fürs Programm geben soll. Doch erst läuten die Glocken der Stiftskirche, dann folgt noch Bläsermusik vom Turm. Der wartende Laurent zuckt mit den Schultern, wir lachen uns zu. Und dann fällt der Groschen: „Das gibt es doch nicht!“

„Laurent-Laurent“ hieß die Kapelle, die damals bei unserer Hochzeit gespielt hat. Damals war 1986. Die Musik war eine Mischung aus Tango, Bossa Nova und Swing. Eine Vier-Mann-Band, darunter ein Akkordeonist. Seit diesem Hochzeitsabend waren wir uns nicht mehr begegnet. Als Laurent Leroi seinen Auftritt beendet hat, versuche ich hinter die Bühne zu kommen. Der Security-Mann wehrt ab, doch nach einigem Hin und Her wird der Musiker geholt. „Ja, Laurent-Laurent war mal meine Gruppe“, sagt er schmunzelnd. Unter anderem Namen gebe es die Formation immer noch, als „Les Primitifs“. Und Du?“, will er wissen. „Hat die Ehe gehalten?“ Hat sie. Wir lachen.

Nicht jeden Tag

Hinauf, hinauf zum Schloss. Das muss man als Hambacher nun wirklich nicht jeden Tag. Früher sind wir aber oft wenigstens ein kleines Stück auf dem Weg gelaufen. Um die Ecke in die Freiheitsstraße Nummer 4. In den „Lindenhof“. Dort konnte man FCK-Spiele schauen, im Keller kegeln und hervorragende Cevapcici essen. Die Gaststätte ist schon lange geschlossen, der Gebäudekomplex seit Sommer 2018 abgerissen. Etliche Hambacher meinen: ein Sündenfall. Der Abriss hatte das Kellergewölbe wie eine Wunde aufgerissen. Hinten standen zwischen dem Geröll sogar noch die Kegel auf der Bahn – ein Stück Hambacher Untergrund. Die Baulücke ist noch immer nicht geschlossen. Am Samstag zieht der lange Zug der Gegendemonstranten, die sich die „Weißen“ nennen, trommelnd und trillerpfeifend dort vorbei. Als ein Passant „Helau“ ruft, wird die Stimmung im Protestmarsch sofort für einen Moment aggressiv.

Blumenstrauß für den König

Für das Areal hinter dem Bauzaun haben die „Weißen“ keinen Blick. Dabei ist es ein geschichtsträchtiger Ort, der Diskussionsstoff liefern würde. In dem Gebäude, das später die Gaststätte beherbergte, wohnte früher der Bürgermeister. An dieser Ecke begrüßten die Hambacher 1843 jubelnd jene bayerische Staatsmacht, die elf Jahre zuvor die Redner des Hambacher Festes hatte verhaften lassen und schwarz-rot-goldene Fahnen wie öffentliche Versammlungen verboten hatte. Als König Ludwig I. in Hambach eintraf, wurde er mit einem Triumphbogen empfangen, die Tochter des Bürgermeisters überreichte ihm einen Strauß mit den Worten: „Nimm diese Blumen, die Hambacher bringen,/Sinnbilder sind sie der Liebe und Treu‘!/Mög‘ unser Name bedenklich auch klingen,/Wir sind ergeben dem pfälzischen Leu‘.“

Und was bleibt?

Was bleibt mir vom Demokratiefest 2022? Der frühere Ministerpräsident Kurt Beck hat bei der Eröffnung eine mitreißende, packende Rede gehalten. Klar, überzeugend und frei, er kann es noch immer. Die Musik war ein wirklich guter Mix: anrührend wie bei den Liedern von Joana, ausgelassen wie bei den „Bombshells“, die mit ihrer Wirbelwind-Frontfrau Dani am Samstagabend den Marktplatz rockten. Nur die Kerwebratwurst war tatsächlich etwas labbrig.

Laurent Leroi (rechts) hat vor 36 Jahren bei Rolf Schlichers (links) Hochzeit auf dem Schloss Akkordeon gespielt.
Laurent Leroi (rechts) hat vor 36 Jahren bei Rolf Schlichers (links) Hochzeit auf dem Schloss Akkordeon gespielt.
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