Neustadt Der Baustellen-Rektor
EDENKOBEN/NEUSTADT. Es war kein einfacher Start als Rektor des Gymnasiums Edenkoben. Erstens gab es von einem namentlich nicht genannten Mitbewerber einen Widerspruch gegen seine Berufung, ja, es drohte sogar eine juristische Auseinandersetzung. Zweitens traf er auf eine einzige Baustelle. Die Rede ist von Schulleiter Harald Kargus, der morgen, Freitag (11.45 Uhr), in den Ruhestand verabschiedet wird.
Die ersten Gymnasiasten wurden im Jahr 2003 eingeschult. „Damals war nur ein kleiner Teil der Schulsäle fertig“, erinnert sich der 64-Jährige an die Zeit, als der Kreistag Südliche Weinstraße es für nötig erachtete, dass auch im Norden des Kreises Abitur gemacht werden kann, als über elf Millionen Euro in einen Neubau investiert wurden. Umso größer war seine Verwunderung, dass am ersten Anmeldetag nicht ein einziges interessiertes Elternpaar auftauchte. Doch bei den anschließenden Terminen wurden es immer mehr. „Und so konnten wir mit 132 Buben und Mädchen an den Start gehen“, sagt der in Neustadt wohnende Pädagoge, verheiratet, zwei erwachsene Kinder (32 und 34), der in Frankfurt sein Abitur machte, an den Unis Heidelberg und Marburg Germanistik und Philosophie studierte, 1983 Studienrat und 1995 Studiendirektor wurde. Bis zu seinem Wechsel nach Edenkoben war Kargus stellvertretender Chef am Werner-Heisenberg-Gymnasium in Bad Dürkheim. Und dann die Herkulesaufgabe in Edenkoben. Mit einem siebenköpfigen Team war ein pädagogisches Konzept zu kreieren, ganz nach dem Motto: Entdecke deine Fähigkeiten, Schule ohne Rassismus, mit Courage. Außerdem fehlte es an einer Sporthalle (sie wurde erst im Jahr 2006 fertig). Für den Sportunterricht musste in die benachbarte Halle der Haupt-, später Realschule, oder nach Maikammer ausgewichen werden. Und dann zeichnete sich schnell ab, dass die Schule aus den Nähten platzt und eine Erweiterung erforderlich war. Ab 2009 wieder war sie eine Baustelle. Die inzwischen 980 Schüler und 110 Lehrer (mit Vertretungen) kennen Harald Kargus als einen besonnenen, humorvollen, mitunter spitzbübisch dreinschauenden Mann, der sich so schnell nicht aus der Ruhe bringen lässt. Angesichts seiner geringen Körpergröße von 1,60 Metern kommt es immer wieder vor, dass er hinter vorgehaltener Hand als Knirps oder Kaktus bezeichnet wird. Doch der Lehrer für Deutsch, Ethik und Philosophie lässt sich nicht kleinreden. Damit man ihn in der Menge als Rektor identifizieren kann, hat er sich eine signalgrüne Weste mit der Aufschrift „Schulleitung“ zugelegt. Ein gelbes Vogelhäuschen mit Unterschriften von Pennälern, auf dem Fenstersims platziert, zeugt von einem außergewöhnlichen Projekt – und auch davon, dass ihn viele Schüler schätzen gelernt haben. Finster und traurig wird seine Miene, wenn er an die drei Todesfälle denkt, die in seiner Edenkobener Zeit unter Schülern zu beklagen waren, zwei durch unheilbare Krankheiten und einer durch einen Motorradunfall. Große Schwierigkeiten im Alltag? Einmal mit einem allzu strengen Kollegen, mit dem er ein „klärendes Gespräch“ führen musste, und einmal mit einem Jungen, der bei einer Feier in der Schule zu tief ins Glas geschaut hatte. „Aber auch das wurde geklärt.“ Im Ruhestand wird ihm sicherlich nicht langweilig. „Ich bin ein großer Filmfan, werde öfter Festivals besuchen – und reisen. Außerdem gibt es auf unserem 1000 Quadratmeter großen Grundstück einiges zu tun.“