Hassloch RHEINPFALZ Plus Artikel Der Baltrum-Verlag hat seine Nische gefunden

14 Büchern haben die Nebenerwerbsverleger Carsten Böhn (links) und Matthias Deigner in nur 18 Monaten auf die Welt geholfen – un
14 Büchern haben die Nebenerwerbsverleger Carsten Böhn (links) und Matthias Deigner in nur 18 Monaten auf die Welt geholfen – und jedes eingereichte Manuskript wird bei ihnen wirklich geprüft.

Manche Stories müssen einfach erzählt werden, finden Carsten Böhn und Matthias Deigner, die vor zwei Jahren den Haßlocher Baltrum-Verlag gegründet haben. Das neueste Buch „Single Malt Weihnacht“ erschien pünktlich zum Advent. Und für 2022 sind schon 13 weitere in Planung.

14 Bücher sind im Baltrum-Verlag bislang seit der Gründung vor 18 Monaten erschienen. Der neueste Titel, „Single Malt Weihnacht“, ist eine Anthologie, konzipiert als (Vor-)Lesebuch für die Weihnachtszeit. Die Sammlung besteht aus 49 Texten von 45 Autoren. Auf 440 Seiten widmen sie sich dem Thema Weihnachten und Whisky. Ein großes Projekt, das mit etwas Zeitverzögerung, doch immer noch pünktlich vor Weihnachten erscheinen konnte. Grund für die Verzögerung war die Augen-OP von Böhn, die ihn eine Zeitlang stark beim Lesen einschränkte. Das traf die beiden Verleger hart, denn sie stemmen alle Projekte komplett selbst – von der Idee, zum Sichten der Texte bis hin zum Layout und sogar den Fotos fürs Cover.

Für ein Kinderbuch wurden über 2500 Texte eingereicht

Doch nun, nach Ablauf der mittlerweile vierten Ausschreibung, geht es wieder ans Lesen, Sichten und Bewerten. Ausgeschrieben war die Teilnahme an einem Kinderbuch-Projekt mit dem Titel „Ein Tag am Meer“. Über 2.500 Texten wurden dafür eingereicht. „Ursprünglich war unsere Idee, dass wir beide alle Texte lesen und bewerten. So dachten wir damals vor zwei Jahren, als wir begannen. Das ist bei dieser Menge an Texten, die uns mittlerweile erreichen, aber nicht mehr umsetzbar“, sagt Böhn. Wenn er 25 Texte pro Woche sorgfältig lesen wolle, würde er alleine für dass Kinderbuch-Projekt zwei Jahre benötigen, sagt er. „Das geht einfach zeitlich nicht.“ Deshalb teilen sie sich die Texte mittlerweile auf und sondieren, was in die engere Wahl genommen werden kann.

Doch diese Texte lesen dann beide. Bei ihrer ersten Ausschreibung erhielten sie 350 Einsendungen und waren schon damals von der Resonanz sehr beeindruckt. Die Befürchtung, dass sich die Corona-Krise negativ auf ihre Gründung auswirken würde, bewahrheitete sich nicht. Ganz im Gegenteil. „Die Autoren haben die Zeit genutzt und ihre Geschichten zu Papier gebracht“, erzählt Deigner. Allerdings sei es kaum möglich gewesen, in den vergangenen Monaten Lesungen abzuhalten. Deshalb seien die Verkaufszahlen nicht immer hoch. „Wir können aus finanziellen Gründen kaum Werbung für die Bücher machen. Dafür sind die Autoren ein Stück weit selbst verantwortlich“, sagt Böhn.

Nach Lesungen, Besprechungen in der örtlichen Presse oder Werbung über die sozialen Medien steigen die Verkaufszahlen – manchmal auch regional sehr begrenzt, je nach Aktivität der Autoren selbst. Und noch eine Zahl: 180 Autoren hat der noch junge Verlag schon im Portfolio. Die Verträge haben eine Laufzeit von elf Jahren, sodass eine Liefergarantie der erschienenen Titel gewährleistet ist. Einen Druckkostenvorschuss verlangen die beiden von ihren Autoren nicht.

Die beiden haben selbst leidvolle Erfahrungen mit Verlagen

Doch worin liegt der große Erfolg der beiden Verleger begründet? „Wir geben Autoren eine Chance, ihre Geschichten zu erzählen“, sagt Deigner. Er und Böhn sind selbst Autoren und wissen aus leidvoller Erfahrung, wie schwierig es ist, mit eigenen Texten, Geschichten oder Lyrik die Aufmerksamkeit der großen Verlage zu gewinnen. Besonders dann, wenn man sich noch keinen Namen gemacht habe, sei das nahezu unmöglich, weiß Böhn. „Meist erhält man gar keine Antwort oder eine Absage nach ein oder zwei Jahren“, so Deigner. Das habe er als sehr frustrierend erlebt. Auch der Baltrum-Verlag kann natürlich nicht jeden eingereichten Text verwenden. „Wir geben aber immer Rückmeldung – und zwar personalisiert und keine Standardabsage.“

Die beiden Verlagsgründer lesen alles, was eingereicht wird und stoßen dabei auf erstaunliche Schätze. „Es gibt so unendlich viele wunderbare, überraschende und humorige Geschichten, die einen eigenen Perspektivwechsel erlauben“, sagt Böhn. Das seien nicht immer leichte Themen, wie zum Beispiel das Buch über den Assistenzhund, der einer Frau mit einer posttraumatischen Belastungsstörung zur Seite steht. Die Geschichte sei sowohl aus Sicht der betroffenen Frau und auch von außen aus Sicht des Hundes erzählt worden. „Das war neu, anders. Doch mit dem geänderten Blickwinkel eröffneten sich für den Leser neue Möglichkeiten des Verständnisses“, erklärt Böhn.

Die Bücher seien alles außer Mainstream, sagt ein Leser

Sehr exakt recherchiert sei die einfühlsame Geschichte von Kathrin Thiemann in ihrem Debütroman „In der zweiten Reihe“. Über 30 Jahre der deutschen Geschichte zeichnet die Autorin nach, während von einer Frau erzählt wird, die in den Jahren der beiden großen Kriege ihre Familie zusammenhält. Es sind Krimis unter den veröffentlichen Büchern, in denen keinerlei Blut fließt, ein Buch über die Wirren des Erwachsenwerdens in akzentfreiem Jugenddeutsch, zwei Bücher über die Dynamik innerhalb einer Gruppe von Freunden und natürlich die Anthologien. Die Bücher seien alles außer Mainstream, habe ein Leser als Feedback gegeben, sagt Deigner. „Literatur ist Kunst“, bekräftigt er. Es sei interessant, was die Menschen aus den Themen hervorbringen, und zu sehen, was sie sehen. Für ihn ist es wichtig, den Geschichten Raum zu geben, auch wenn die Verkaufszahlen nicht immer dafür sprechen würden. Manche Geschichten müssen einfach erzählt werden, so das Credo des Verlags.

Im Podcast erzählen Deigner und Böhn von ihrer Mission

Erzählen ist auch das Motto in der Hör-Bar, zu finden auf der Internetseite des Baltrum-Verlags und im eigenen Youtube-Kanal. Dort sind die Podcasts und Lesungsvideos von Deigner und Böhn untergebracht. Darin erzählen sie von ihrer Mission (Folge 7), sprechen über Bücher, den Fehlerteufel und anderes. Zusätzlich werden Musiktipps weitergereicht und zum Schluss gemeinsam ein Whisky genossen. Es sind launige, komplett ungeschnittene Gespräche. Waren die ersten noch mit improvisierter Technik entstanden, so wurden sie nach und nach formal besser, bleiben aber glücklicherweise ungeglättet und authentisch. Ein Stück Kunst, ein Stück Leben.

Der kleine Verlag aus einer unauffälligen Straße im Haßlocher Wohngebiet mit zwei Verlegern im Nebenberuf schließt also mit viel Leidenschaft und Liebe zur Literatur eine Lücke, die große Buchverlag mit ihrem Zwang zum Erfolg gerissen haben und nicht mehr zu füllen vermögen.

Noch Fragen?

Einen Überblick über den Verlag, seine Macher und sein Programm findet man unter www.baltrum-verlag.de.

x